Das Trauma von Watership Down

Ein Trickfilm mit süßen Häschen? ‚Damit kann man wohl nichts falsch machen‘, dachte eine Lehrerin im beschaulichen Brandenburg und präsentierte ihrer Grundschulklasse den Film „Watership Down – Unten am Fluss“.
Was die Schüler zu sehen bekamen, war allerdings keine fröhliche Geschichte über lustig hüpfende Hasen sondern ein düsteres Abenteuer mit zerfetzten Hasenohren, scharfen Krallen, allerhand Blut und dem „schwarzen Kaninchen des Todes“.
Im Publikum auch ich, fortan traumatisiert durch den blutrünstigen Hasengeneral Woundwort. (Falls ihr nicht wisst wie der aussieht, googelt mal… Nicht gerade ein Kandidat für die Rolle des Osterhasen.)
Seither frage ich mich, wie man eigentlich auf die Idee kommen kann, dass es sich bei dieser Geschichte um einen Kinderfilm handelt. Denn mir wurde von mehreren meiner Mitmenschen bestätigt, dass auch sie sich damals bei diesem Film ziemlich gegruselt hätten. Der eine oder andere so sehr, dass die Eltern das verängstigte Kind weinend hinter der Couch versteckt vorfanden. Wahrscheinlich hat dieser Film eine ganze Generation verstört…

Watership Down

Aber jetzt, so kurz vor Ostern, und ca. 20 Jahre später, war es vielleicht doch mal an der Zeit, mich meinen Kindheitsängsten stellen. Deshalb wollte ich zunächst einmal das Buch zu lesen, auf dem dieser Film beruht: Watership Down von Richard Adams. Bücher sind schließlich Freunde.

Genau wie im Film begleiten wir hier eine Gruppe von Wildkaninchen. Ihren Bau haben die Langohren, nach einer düsteren Vorahnung des jungen Kaninchens Fiver, verlassen und sind nun, angeführt durch den besonnenen Hazel, auf der Suche nach einer neuen Heimat.

Auch das Buch richtete sich ursprünglich an Kinder und genau wie der Film ist es in meinen Augen dazu vollkommen ungeeignet. Denn natürlich gibt es auch hier die eine oder andere Gewalttat – zerfetzte Ohren, erstickende Hasen, Kaninchen aus der Unterwelt usw. Außerdem ist die Handlung etwas zu komplex und der Schreibstil viel zu ausufernd um jüngere Leser am Ball halten zu können. Aber gut, mich, als ausgewachsenen Leser, störte das nicht so sehr. Da gab es andere Aspekte des Buches, die das Lesevergnügen in meinen Augen etwas geschmälert haben:

Zunächst wäre da diese Sache mit der Anthropomorphisierung der Kaninchen…. Einerseits wird hier recht realistisch der Kaninchenalltag beschrieben – inklusive rumhoppeln, Salat knabbern und der ständigen Gefahr durch die unzähligen Feinde. Gleichzeitig gibt es aber viele Szenen, in denen dieses Konzept in hohem Bogen aus dem Fenster segelt.
Besonders die Schilderungen aus dem Bau Efrafa, der mit eiserner Pfote vom Hasen-Hitler Woundwort regiert wird, wirkten auf mich nicht unbedingt überzeugend. Ich bezweifle, dass sich Kaninchen eine derartige Kommandostruktur aufbauen. Und die Dialoge, die in Hazels Bande geführt werden, schienen mir eher einer Gruppe von betrunkenen Intellektuellen zu entstammen als Kaninchen. Aber gut, vielleicht hätte ich mich einfach mehr auf die Sache einlassen sollen.

Mein größtes Problem war jedoch, dass das Buch einfach unfassbar langatmig ist.
Anfangs war ich ja noch einigermaßen angetan von der Erzählung und vor allem fasziniert von der Hasensprache, Lapine. Aber ab der Hälfte des Buches drohte mein Kopf ab und zu mal auf die Tischkante zu knallen, weil ich beinahe weggenickt wäre. Normalerweise brauche ich rund eine Woche für ein Buch, aber hier ist über ein Monat ins Land gegangen bis ich auf der letzten Seite angekommen war. Zum Ende hin habe ich sogar mal ein ganzes Kapitel übersprungen, nur um dann festzustellen, dass die Handlung sich immer noch nicht weiterbewegt hatte… Das Buch war also, auf eine ganz andere Art und Weise traumatisierend. Zumindest bestand aber keine Gefahr, dass es mich um den Schlaf bringen könnte – schnarchen ist bekanntlich angenehmer als fürchten.

Dementsprechend fühlte ich mich nun auch im Stande, mir den Film noch einmal anzuschauen – denn sicher war der in Wahrheit gar nicht so schlimm, wie ich ihn in Erinnerung hatte.
Nun, das ist er auch tatsächlich nicht. Ich fand ihn sogar ganz gut. Aber ich bin jetzt eben auch zwanzig Jahre älter und einem Kaninchen mittlerweile körperlich weit überlegen. Woundwort kann mir nichts mehr anhaben. Ha!
Aber ja, ich gestehe, die Hasen sehen immer noch nicht besonders freundlich aus, besonders ihre Augen wirken irgendwie Furcht erregend. Der Film ist außerdem insgesamt eher finster und in dunklen Farben gehalten. Dadurch erzeugt auch das Blut, das doch in einigen Szenen fließt, einen recht deutlichen Farbkontrast und springt ziemlich ins Auge. Und die erbitterten Kämpfe zwischen den Kaninchen sind natürlich immernoch nicht schön anzusehen. Deshalb kann ich auch die FSK 6 Altersbeschränkung nicht nachvollziehen. Der Film ist einfach nichts für jüngere Kinder – das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Aber davon mal abgesehen gefiel mir die Geschichte im Film sehr viel besser als im Buch. Insbesondere wohl weil die Handlung viel schneller vorankommt und so tatsächlich der Eindruck entsteht, die Hasen würden ein Abenteuer anstatt einer Odyssee erleben. Und einen schönen Ohrwurm von Art Garfunkels Titelsong ‚Bright Eyes‘ hab ich auch noch abgestaubt.
Trauma besiegt – Ostern kann kommen!

7 Gedanken zu “Das Trauma von Watership Down

  1. Ich erinnere mich. Ich gehöre zu der verstörten Generation. Mein Paps ging mit mir ins Kino. Mein erster Horrorfilm. Echt böse Falle. Aber danke für die Warnung. Das Buch werde ich wohl nicht lesen 🙂

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    • Dieser Film schlägt für mich in die gleiche Kerbe wie Felidae – ein unfassbar brutaler Zeichentrickfilm über Katzen. Da würd ich auch heute noch die FSK auf 16 anheben. Aber sehr gut, der könnte dir auch gefallen, denk ich.

      Gefällt 2 Personen

      • Den hab ich glaub ich sogar gesehen. Ist schon lange her und ich war schon erwachsen. Aber da hast du absolut Recht – definitiv FSK 16. Eigentlich doof, dass so brutale Zeichentrick mit so niedlichen Tieren versehen werden. Da muss man gleich erkennen, dass es kein Film für Kinder ist. :-/ LG

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      • Oh Gott, die Google Bildersuche hat schon ausgereicht um mich zu verängstigen. Mal schauen ob ich irgendwann mal mutig genug für den Film bin.

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