[GELESEN] Neil Gaiman – The Graveyard Book

Ein Friedhof scheint auf den ersten Blick kein besonders geeigneter Ort zu sein, um aufzuwachsen. Vielleicht auch nicht auf den zweiten oder dritten. Doch wenn deine Adoptiv-Eltern Geister sind und dein Vormund weder tot noch lebendig ist, scheint es gar nicht mehr so abwegig zu sein. Besonders dann, wenn der Mörder deiner richtigen Familie noch außerhalb der Mauern des Friedhofs lauert. Und so kommt es, dass ein Junge mit dem ungewöhnlichen Namen Nobody zwischen Grabsteinen und Geistern groß wird. Doch anders, als die Bewohner des Friedhofs gehört Nobody in die Welt der Lebenden – und der Wunsch, diese zu betreten, wird mit jedem Jahr größer…

Nachdem mir Neil Gaimans Neverwhere gut gefallen hatte, beschloss ich, dem Buch im Bücherregal ein paar Kameraden zur Seite zu stellen. Als erstes zog deshalb eine kleine Sammel-Box mit Neil Gaimans Kindergeschichten bei mir ein – allesamt, wie auch schon Neverwhere, illustriert von Chris Riddell. Diese Box enthält die Bücher The Graveyard Book, Coraline und Fortunately, the Milk und warf zu allererst mal die Frage auf: Wo soll man anfangen?

Da mir die Erinnerung an die Coraline Verfilmung, die ich vor ein paar Jahren gesehen hatte, immernoch Schauer über den Rücken jagt (Knopfaugen sind hier alles andere als niedlich) und mir die Optik von Fortunately, the Milk etwas weniger zusagte, entschied ich mich, mit dem Graveyard-Book zu beginnen. Dem Charme des von Chris Riddell wunderschön gestalteten Covers konnte ich mich einfach nicht entziehen.

graveyard

Im Inneren des Buches finden sich noch ein paar weitere Illustrationen Riddells – für jedes der 8 Kapitel eine. Ich persönlich hätte von einer illustrierten Ausgabe vielleicht noch ein paar mehr Bildchen erwartet, aber im Grunde kommt es letztendlich ja doch auf den Inhalt des Buches an… und der kann sich durchaus sehen lassen.

Die Geschichte beginnt mit dem Mord von Nododys Familie durch einen Mann namens Jack – was vielleicht ein etwas gruseliges Leseerlebnis für jüngere Leser sein dürfte. Nobody, dessen wirklichen Namen wir nicht kennen, kann dem Mörder entkommen, obwohl er noch ein Kleinkind ist. Er wandert durch die offene Tür hinaus und landet auf dem nahe gelegenen Friedhof – und die Bewohner, Geister und ein Mann namens Silas, der weder tot noch lebendig ist, nehmen den Jungen unter ihre Fittiche und vertreiben den Mörder, der es allerdings nie aufgeben wird, den Jungen zu jagen. Doch auf dem Friedhof ist Nobody erst einmal vor ihm sicher – Silas und die Geister können ihn hier beschützen.

Und so wächst der Junge auf dem Friedhof auf – wird von Geistern erzogen und unterrichtet und lernt sogar, wie man in die Träume anderer wandert und unsichtbar wird. Aber Nobody ist, anders als die Friedhofbewohner, eben noch am Leben und gehört daher nie wirklich in die Welt der Toten. Denn während er älter wird, bleiben die Bewohner des Friedhofs so wie sie sind und es wird klar, dass der Junge hier nicht für immer leben kann. Die einzige Möglichkeit für ein Leben unter Menschen aus Fleisch und Blut ist, Jack zur Strecke zu bringen.

Fragmentartig werfen wir in diesem Buch einen Blick in Nobodys Leben – mit jedem Kapitel wird er ein paar Jahre älter. Und es wird klar, dass in ihm mehr und mehr der Wunsch entsteht, in die große weite Welt auszuziehen. Dennoch erlebt er auch auf dem Friedhof einige Abenteuer und findet sogar Freunde hier. Mit Scarlett, einem lebendigen Mädchen, das auf dem Friedhof herumstreunt und denkt, dass Nobody ihr imaginärer Freund ist, erkundet er beispielsweise ein uraltes Hügelgrab und trifft hier auf Mächte, die das Grab beschützen wollen. Für den Geist einer jungen Hexe begibt er sich in größte Gefahr, als er versucht, einen auf dem Friedhof verborgenen Schatz zu stehlen, um ihr von dem Geld aus dessen Verkauf einen echten Grabstein zu verschaffen. Und eines schönen Tages wird Nobody von Ghulen entführt, die ihn in einen der ihren verwandeln wollen.
Diese kleinen Fragmente erschienen mir anfangs eher wie eine Sammlung von Kurzgeschichten als ein zusammenhängender Roman. Aber je weiter das Buch voranschreitet, desto mehr wird klar, dass all diese kleinen Abenteuer zum Schluss wichtig für das große Ganze sein werden.

Nobody macht dabei eine tolle Charakterentwicklung durch. Aus dem Jungen, der denkt, es würde ihm auf dem Friedhof an nichts mangeln, wird ein junger Mann, der nicht länger stillstehen möchte und dabei aber doch ein wenig Angst hat, das Altbekannte zurückzulassen. Gefühle, die man durchaus nachvollziehen kann, ähneln sie doch im Grunde denen, die jeder im Laufe des Erwachsenwerdens durchmacht. Es sind realistische Gefühle in einer, im wahrsten Sinne des Wortes, fantastischen Welt.

Fantastisch ist auch die Atmosphäre, die Neil Gaiman hier zeichnet. Mit unglaublichem Fantasiereichtum erschafft er hier eine Welt der Toten, in der zwar Gefahren lauern und die auf den ersten Blick düster und makaber wirkt, aber doch lebendiger, wärmer und liebevoller ist, als Manches aus dem Reich der Lebenden. Vor den Geistern muss man sich hier nicht fürchten – vor dem Mörder in der Welt da draußen allerdings schon. Und doch kann Nobody nicht in der Welt seiner Kindheit verharren.
Besonders wertvoll ist daher die Botschaft, die das Buch seinen Lesern mit auf den Weg gibt: Das Leben steht nicht still, es muss sich verändern. Man ist am Leben, um zu leben.


Infos zum Buch

Titel: The Graveyard Book
Autor: Neil Gaiman
Verlag: Bloomsbury Publishing; Auflage: Children’s ed (5. Oktober 2009)
ISBN-10: 0747594805
Deutscher Titel: Das Graveyard-Buch: Illustrierte Juniläumsausgabe (Arena Verlag, August 2015, aus dem Englischen von Reinhard Tiffert, ISBN-10: 3401507559)
Empfohlenes Lesealter: 12 – 15 Jahre

14 replies

  1. Huhu!
    Oh, ich freu mich immer total, wenn ich eine Rezension zu einem von Neil Gaimans Büchern finde – und dann noch so eine schöne! The Graveyard Book hat mir auch unglaublich gut gefallen, ich habe auch die Ausgabe mit den Illustrationen von Chris Riddell 🙂 HOffentlich machen dir die nächsten Bücher genauso viel Spaß! 🙂

    Liebe Grüße,
    Gabriela

    Gefällt mir

  2. Mein bisheriger Favorit: „Good Omens“, geschrieben von Gaiman und Terry Pratchett. Sehr, sehr, sehr witzig. Allein schon die furchteinflößenden Namen der Rocker-Gang-Mitglieder…u.a. „Alkoholfreies Bier“!

    Gefällt 1 Person

  3. Wow, mit meinem Lieblingsdoktor! (Ihm hat man, finde ich, auch die schönsten Stories geschrieben, I say, what!?) Von Gaimans herrlichem Holmes-Pastiche „A Study in Emerald“ muss ich hier wohl gar nicht erst anfangen, oder? Ist, glaube ich, in „Fragile Things“ enthalten. Happy hunting!

    Gefällt mir

  4. Hi,
    finde das Buch auch sehr gelungen. Ist ein schönes Jugendbuch. Hab bisher immer nur positive Rückmeldungen bekommen, wenn ich es empfohlen habe. Bin über „Niemalsland“ auf Gaiman aufmerksam geworden. Mir selber gefällt aber „American Gods“ am besten. Einfach eine super Idee mit den alten und neuen Göttern und wie sie auf unsere Welt kommen.
    Finde die Bandbreite von Gaiman super. „Der lächelnde Odd und die Reise nach Asgard“ kann ich meinem 8 jährigen Sohn vorlesen und er findet die Geschichte spannend. „Niemalsland“ und „American Gods“ hat mich eingesaugt.
    Die „Nordische Mythen und Sagen“ sind auch sehr schön zusammengefasste, unterhaltsame Ausschnitte aus der Edda.

    Gefällt mir

  5. Wieso brauchts eg so ein #litnetzwerk-Wochenende, damit ich deinen Blog endlich finde?
    Das ist ja…also wirklich…wie konnte mir denn das alles vorher nur entgehen? Anyway…*lach*

    Neil Gaiman wird immer einer meiner Lieblingsautoren bleiben, egal ob „Der Sternwanderer“, „American Gods“, „Neverwhere“, „Good Omens“, „Der Ozean am Ende der Straße“ und auch „The Graveyard Book“ – es ist einfach alles so unfassbar gut. Seine Comics, seine Essays, definitiv ein Mann, der etwaszu sagen hat und dem es sich lohnt zuzuhören und ich freue mich immer wie Bolle, wenn ich wieder jemanden finde, den er ebenfalls so begeistern kann, wie mich.

    Gefällt 1 Person

    • Hach, schön wie das #litnetzwerk Gleichgesinnte zusammenbringt 🙂 Ich hab erst letztes Jahr angefangen, Neil Gaiman zu lesen. Aber er ist einfach ein begnadeter Geschichtenerzähler – es macht einfach Spaß seine Stories zu lesen. Bis jetzt hab ich Neverwhere, Good Omens und The Graveyard Book gelesen…Da ich ja damit quasi noch ein Gaiman-Frischling bin: Was ist dein absoluter Favorit? Was darf ich nicht verpassen?

      Gefällt mir

      • Der Sternwanderer ist ganz wundervoll, war damals nach dem Film mein erster Gaiman-Roman. Und American Gods ist Liebe pur, aber ich habe anfangs sehr mit dem Buch gekämpft. Ich hab es 4 oder 5x abgebrochen und neu begonnen. Also lass dich nicht abschrecken, es lohnt sich. Und lass die Comic Adaption, die ist Mist. Im Gegensatz zur Serie, die ist super. Aber da Bryan Fuller als Produzent abgesprungen ist (und stattdessen nun Good Omens adaptiert, was natürlich grundsätzlich auch geil ist), befürchte ich Schlimmes für Staffel 2.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.