Guter Krimi, schlechter Krimi – Die Freude des Scheiterns

Es geht doch nichts über ein gutes Verbrechen. Wenn einmal Leseflaute herrscht, ist es meist ein Krimi, der mich wieder ins Spiel zurückbringt. Ein mysteriöser Mordfall und ein schlauer Ermittler, an dessen Seite man sich auf Spurensuche begibt – so in etwa sieht für mich die perfekte Abendgestaltung im Lesesessel aus. Wer hat ein Alibi? Wer ein Motiv? Welche Hinweise sind von Bedeutung und welche sind nichts weiter als dicke, fette Red Herrings? Ja, manchmal ist ein guter, alter Whodunit alles, was mein Leseherz begehrt.
Doch „gut“ ist genau das Stichwort. Wodurch wird ein Krimi eigentlich zum literarischen doppelten Espresso anstatt zur Einschlaflektüre?

Wenn man sich die Rezensionen von Krimis so anschaut, macht es ihnen vor allem den Garaus, wenn sie zu vorhersehbar sind. Das ist eine wenig überraschende Erkenntnis. Denn ein Krimi – egal ob nun klassischer Whodunit oder Psychothriller – lebt davon, dass man mitermittelt, miträtselt, miträt. Für den Leser ist das ein Spiel, bei dem er gegen den Autor antritt. Dabei will er aber freilich nicht, dass es ihm sein Gegner zu leicht macht.
Denn obwohl es natürlich das erklärte Ziel ist, den Täter zu überführen, darf das nicht zu einfach sein. Wenn der Leser die Lösung zu schnell ermittelt hat, muss er den Figuren im Buch nämlich noch einige Zeit dabei zusehen, wie sie orientierungslos im Dunkeln umhertappen und den Lichtschalter suchen, während er selbst ein Nachtsichtgerät trägt. Das mag vielleicht zunächst amüsant sein, ruft aber schnell den Drang hervor „Man, so schwer isses doch nicht!“ zu brüllen. Genau so ging es mir beispielsweise bei „The Girl on The Train“ von Paula Hawkins. Die Erzählerin des Buches ist Alkoholikerin und kann sich aufgrund ihres Alkoholkonsums nur an Bruchstücke eines Verbrechens erinnern. Als Leser konnte ich diese allerdings schneller zusammensetzen als sie selbst. Die letzten 100 Seiten des Buches bestanden daher vorrangig aus Augenrollen.

Hinzu kommt: Wer viele Krimis liest, wird irgendwann besser darin, fiktive Verbrechen aufzuklären. Man lernt, welchen Aussagen man trauen kann; weiß, dass nicht unbedingt alles so ist, wie es scheint und dass der Mörder vielleicht jemand ist, den man erstmal nicht auf dem Schirm hat; und erkennt, welche Details wirklich relevant und welche nur ein Ablenkungsmanöver sind.
Agatha Christie gilt nicht umsonst als „Queen of Crime“. Ihre Bücher gehören zum Einmaleins für Möchtegerndetektive aus dem Lesesessel. Allein ihre drei bekanntesten Werke „Und dann gabs keines mehr“, „Alibi“ und „Mord im Orient-Express“ nehmen vielen Krimis ihre vermeintlich überraschende Wendung vorweg. Denn ist man einmal hereingefallen, passiert einem das ja nicht so ohne weiteres ein zweites Mal. Oft liegt man mit dem Gedanken: „Ha, ich wette, das ist wie bei [Agatha Christie Krimi einfügen]“ gar nicht mal so falsch. Been there, done that.

Obwohl das vorzeitige Lösen eines Falles, das gebe ich zu, einem auch eine gewisse Befriedigung verschaffen kann. Der „Ha, ich hab’s doch gewusst!“-Moment ist nett. Aber er ist letztendlich eben doch nur ein Moment.
Als begeisterter Aushilfsdetektiv mit Freude an der Arbeit stelle ich am Anfang eines Krimis, zum Spaß, meist ein paar Theorien auf und schaue dann, ob sie sich bewahrheiten (was sie meistens nicht tun, da am Anfang eines Krimis noch nicht die ganzen dreckigen Geheimnisse der Figuren ans Tageslicht gefördert wurden, die als etwaige Motive in Frage kommen). Nach dem ersten Kapitel vom, momentan viel besprochenen, Krimi „One Of Us Is Lying“ von Karen McManus beispielsweise, hatte ich nach dem ersten Kapitel drei mögliche Lösungen im Kopf. Zwei davon konnte ich beim Lesen der nächsten beiden Kapitel verwerfen, die verbleibende war die richtige – was auch recht bald recht offensichtlich wurde. Das ist natürlich gut fürs Möchtegerndetektiv-Ego, beeinträchtigte das Lesevergnügen der verbleibenden 26 Kapitel aber doch recht merklich.

Natürlich liest man einen Krimi aber auch dann noch weiter, wenn man meint, die Lösung zu kennen. Immerhin könnte es ja doch sein, dass man sich irrt. Insgeheim hofft man sogar darauf. Denn im Grunde erwartet man von einem Krimi nämlich vor allem eins: Überrascht zu werden. Für den Autor ist das sicherlich ein schwieriges Unterfangen. Denn er weiß, dass der Leser auf der Hut ist und versuchen wird, etwaige Plot-Twists vorauszusehen. Das ist ein bisschen so, als würde man jemandem die Luft aus den Reifen lassen, aber trotzdem erwarten, dass er zum vereinbarten Zeitpunkt zur Verabredung erscheint.
Die Krimis, denen es nicht gelingt, ihren Leser zu überraschen, werden ihm nicht lange im Gedächtnis bleiben. Eine ungewöhnliche Lösung oder einen überraschenden Plot-Twist wird er hingegen so schnell nicht vergessen. Ich werde beispielsweise vermutlich nie über diesen unglaublichen „WHAT!?“-Moment in Anthony Horowitz‘ “ Der Fall Moriarty“ hinwegkommen. Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt, dass die Puzzleteile nicht zusammenpassen – aber ich konnte auch nicht genau meinen Finger auf das Problem legen. Irgendwo musste ich einen Hinweis übersehen haben. Und dann? BÄMM – als hätte mir der Autor von hinten eins mit dem Brecheisen übergezogen. (Wenn ihr das Buch gelesen habt, wisst ihr, wovon ich spreche. Wenn nicht: Das Buch lohnt sich für diesen einen Moment.)

Ein wichtiges Mittel – wenn nicht gar das wichtigste – das der Autor für die Überraschung an der Hand hat, sind dabei natürlich die Red Herrings, die falschen Fährten. Wie Brotkrumen werden sie in die Geschichte gestreut, in der Hoffnung, der Leser möge ihnen folgen und in die Falle tappen. Wem das noch nicht passiert ist, der Werfe den ersten roten Kimono.
Mich persönlich kann vor allem J.K Rowling hervorragend aufs Glatteis führen. Die Harry Potter Bücher sind zwar auf den ersten Blick keine Krimis, aber insbesondere die ersten vier Bücher tragen unzweifelhaft Elemente eines Whodunits: Wer hat versucht, den Stein der Weisen stehlen? Wer hat die Kammer des Schreckens geöffnet? Wer hat Sirius Black ins Schloss gelassen? Wer hat Harrys Namen in den Feuerkelch geworfen? Zielsicher bin ich in jeder der Geschichten ins Messer gelaufen und auf die falschen Fährten hereingefallen. Und noch viel schlimmer: Ich dachte beim Lesen teilweise, dass es ziemlich smart von mir ist, was ich da gerade vermute. Ich war mir beispielsweise sicher, Percy Weasley hätte die Kammer geöffnet (weil er immer in der Nähe war und offensichtlich ein Geheimnis hatte) und Ludo Bagman hätte Harry ins Trimagische Turnier geschleust (weil er ihm ständig seine Hilfe anbot). Damit lag ich natürlich vollkommen daneben. Was mir aber letztendlich einigermaßen egal war. Denn J.K Rowling hatte es geschafft, mich zu überraschen und mir eine viel bessere Lösung vorgesetzt, bei der ich dachte: „Stimmt, das macht natürlich Sinn!“

Ja, ein guter Krimi muss seinen Leser zwar so lange wie möglich in Unsicherheit wiegen, aber er darf auch nicht unlösbar sein. Wenn am Ende alles aufgeklärt wird, muss man sich sagen: „Ja klar, das hätte ich erkennen müssen!“ und nicht: „So ein Schmarn, darauf kann man ja gar nicht kommen!“
Plot-Holes spielen in diesem Zusammenhang natürlich eine Rolle, sind für mich nur dann ein Problem, wenn sie direkt beim Lesen auffallen. Wenn eine Geschichte ihre losen Enden oder Lücken gut kaschiert, kann sie trotzdem funktionieren. Einige Sherlock-Holmes Geschichten werfen bei näherer Betrachtung beispielsweise einige ungeklärte Fragen auf und sind nicht 100%ig schlüssig. Aber beim ersten Lesen hat man sich zweifellos mit Holmes Lösung oder Watsons Schilderung der Ereignisse zufriedengegeben. Das ist vorerst das was zählt. Wenn die Fehler einer Geschichte erst auffallen, wenn man schon im Bett liegt, ist der Autor mit seinem Verbrechen davongekommen und ich nicke ihm allerhöchstens anerkennend zu.

Für mich besteht der Zauber eines guten Krimis vor allem darin, dass der Autor den Leser erfolgreich an der Nase herumführt. Denn hier gilt: Recht haben ist Silber, falsch liegen ist Gold. Ich bin lieber gescheiterter aber überraschter Aushilfsdetektiv als gelangweilter Leser. Nichts ist tödlicher als ein Whodunit, bei dem der Mörder schon nach ein paar Seiten überführt werden kann.


Was meint ihr? Was macht für euch einen guten Krimi aus?

8 replies

  1. Guten Morgen,
    Ich finde deinen Text interessant und mich nur anschliesse. „Girl on the train“ fand ich dermaßen langweilig, dass ich das Buch abgebrochen habe. Vor ein paar Wochwn war ich in einer Stuttgarterr Buchhandlung und wollte mir ein paar Krimis anschauen. Ich stand kaum bei den Krimis als eine übereifrige Buchhändlerin herbei eilte und mir einen Krimi empfahl. Sie zog „die Gerechte“ aus dem Regal. Dieses Buch habe ich aus der Bücherei ausgeliehen und es ist eine herbe Enttäuschung.
    Ein guter Krimi muss nicht immer blutig sein, die Leichen müssen nicht verstümmelt sein. Neulich habe ich „Ruhe unsanft“ von Agatha Christie gelesen. Obwohl lange Zeit unklar ist, ob ein Mord ist, war das Buch von der ersten Seite an super spannend. Ein guter Krimi muss mich zum Nachdenken anregen. Ich möchte meine eigenen „Ermittlungen“ anstellen können. Der Schreibstil muss nicht reisserisch sein, sondern mich fesseln.
    Deshalb lese ich lieber klassische Whodunit.
    Liebe Grüße,
    Petra

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Petra, mit geht es da genau so wie dir! Ein guter Whodunit ist mir tausendmal lieber als irgendwelche bizarren Stories mit viel Blut und verstümmelten Leichen. Ein spannender Whodunit hat es auch gar nicht nötig solche Elemente zu nutzen, sondern überzeugt viel eher mit Atmosphäre und einem cleveren Rätsel 🙂

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  2. Guten Morgen. Ich lese auch total gerne Krimis. Bin da teilweise sehr altmodisch. Klar Holmes, ( ich finde es toll, dass du mal die etwas nicht so schlüssigen Geschichten angesprochen hast, mein Lesevergnügen hat das nicht getrübt,) Christie, ( eher früher,) el Sayers, ( da mochte ich einfach die Geschichten drum rum), … Sehr gern llagen und liegen auf meinem Stapel auch Robert B Parker, ( Spencer, ein amerikanischer Privatdetektiv), Lindsey Davis, ( ich liebe den römischen Detektiv Falco und seine Familie! ), oder vor Jahren veröffentlichte der damals noch existierende Haffmanns Vlg viele tolle Krimis, die bei mir immer noch hoch im Kurs stehen. (Miss Lissi! )Originalität und das klassische Wer war s? Sowie einfach gute Gesichten waren und ist mir wichtig. Viele heutige Thriller/Krimis sind mir zu reißerisch, überpsychologisch und ich kann mich in die oftmals irgendwie problematischen Ermittler nicht einfühlen. Die Wallender Romane waren da noch gern gelesen, wurden mir aber irgendwann auch zu traurig. Moriaty und Das weisse Band musste ich natü rlich auch lesen! Ach, ich könnte hier noch viel weiter schreiben. Ich finde Deinen Beitrag total toll und mir aus dem Herzen gesprochen! Die Suche nach dem Geheimnis liegt uns doch fast allen im Blut. Nach Möglichkeit mit Strafe und Gerechtigkeit und irgendwie Ordnung auch wieder herstellen.
    Wünsche Dir noch ganz viele tolle Krimis!
    Liebe Grüße und schönen Sonntag
    Nina

    Gefällt 2 Personen

    • Danke für deine lieben Worte Nina 🙂 Die Begeisterung für gute Krimis merkt man dir an – super schön! Ich werde mir gleich mal die Krimis und Autoren näher anschauen, die du genannt hast. Danke für die Tipps 🙂 Viele moderne Krimis sind auch nichts für mich, ich bevorzuge die klassische Whodunit Erzählweise, die aber vermutlich nicht mehr spektakulär genug ist…
      Aber momentan lese ich „Magpie Murders“ von Anthony Horowitz und bin sehr angetan, mal schauen, wie das noch weitergeht 🙂

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  3. Hallo Karo,
    Super Beitrag! Krimis sind nicht gerade mein bevorzugtes Genre, aber ab und zu lese ich mal was in die Richtung und dann schwanke ich auch immer zwischen es-selbt-lösen-wollen und überrascht-werden-wollen. Das hast du perfekt auf den Punkt gebracht.
    Harry Potter habe ich unter dem Aspekt noch nie angeschaut, aber ich bin tatsächlich auch auf all die falschen Färten hereingefallen.
    Girl on the Train fand ich auch vorhersehbar, aber Gone Girl fand ich noch viel schlimmer (die waren glaub beide gleichzeitig so gehyped worden). Habe zwei Kapitel gelesen, fand es doof, habe das Ende gegoogelt und mir zu meinem treffenden Spürsinn gratuliert.
    Den Fall Moriarty musd ich wohl doch noch lesen, habe mich bisher bei Sherlock Holmes nur an Doyle gehalten.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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    • Danke, Sabrina 🙂
      Ach, ich dachte immer, Gone Girl sei so großartig – hab bisher so viel Positives darüber gelesen. Aber dann brauch ich das Buch wohl nicht lesen, wenn das auch wieder nur so ein künstlich hochgehyptes Ding ist 😂 Danke für die Warnung 🙂
      Wenn du dich für Holmes Abseits von Doyles Werken interessierst, ist Horowitz ein super Einstieg. Nicholas Meyer und Lyndsay Faye kann ich aber auch mehr als empfehlen 🙂
      Viele Grüße und einen sonnigen Tag, Karo

      Gefällt 1 Person

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