Dark Star: Crime Noir als episches Gedicht

Vielleicht kennt ihr das ja auch: Je mehr Bücher ich lese, desto schwieriger wird es, eines zu finden, das mich wirklich überrascht.
Unverlässlige Erzähler? Kenn ich.
Überraschende Plot-Twists? Schon gesehen.
Der Mörder ist jemand, von dem man es nicht erwartet hätte? Weiß ich schon seit Kapitel 1.
Das Liebespaar kommt zum Schluss doch noch zusammen? Schnarch.
Der unbeholfene Nerd muss am Schluss die Welt retten? Wie immer also.
Der Narzisst ändert sich der Liebe wegen? Klar…Genau wie im echten Leben, was?

Müsste ich aber nun den Sci-Fi-Krimi Dark Star mit einem Wort beschreiben, wäre das vermutlich: Anders. Nein, lasst mich korrigieren: Außergewöhnlich. Und ihr dürft mir glauben, dass mir dieses Wort nicht allzu oft über die Lippen kommt.

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Dunkel ist sie, diese Geschichte. Sehr dunkel sogar. Crime Noir – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Dark Star spielt auf einem Planeten, der eine schwarze Sonne umkreist. Es gibt kein Sonnenlicht, kein Tag und Nacht. Nur Dunkelheit und Depression. Selbst Feuer brennt auf diesem Planeten schwarz. Brände schwelen in der Dunkelheit unerkannt – töten unsichtbar und unerbittlich. Die Häuser haben keine Fenster. Wozu auch? Es gibt kein Tageslicht, das man einlassen könnte. Elektrisches Licht ist teuer, nur die Reichsten können es sich leisten, ihre Häuser permanent zu beleuchten, der Rest lebt überwiegend in Finsternis. Die Armen werden verrückt, zu Zombies, zu Geistern, durchstreifen die Straßen auf der Suche nach Licht. Wer verzweifelt genug ist, wird zum Junkie und spritzt sich ‚Prometheus‘: flüssiges Licht. Genau wie der Held der Geschichte: Inspector Virgil Yorke, der kaum einen anderen Gedanken fassen kann, als den nach dem nächsten Schuss.
Die Atmosphäre, die Oliver Langmead hier zeichnet, wirkt bedrückend real. Wer Angst im Dunkeln hat, dürfte sich ein ums andere Mal unwohl fühlen, denn diese Dunkelheit kann man beinahe fühlen. Gleichzeitig wirkt jede Beschreibung von Licht gleißend hell und tut beim Lesen förmlich in den Augen weh – blendet die Netzhaut, von innen. So wie die Leiche des Mädchens, die eines Abends in einer Gasse gefunden wird – ihr Blut leuchtet so hell, dass es das halbe Viertel erhellt…
Yorke geht der Fall des glühenden Mädchens nicht aus dem Kopf, doch er wird schnell mit einem anderen, wichtigeren Problem betraut: Eines der „Herzen“ der Stadt, die den Planeten mit Energie versorgen, wurde gestohlen. Yorke muss es finden und die beiden verbleibenden Herzen schützen, oder es droht ewige, komplette Finsternis. Doch der Ermittler hat nicht nur mit Verbrechern zu kämpfen, sondern auch mit den eigenen Dämonen, dem eigenen Trauma, der eigenen Sucht…

Schon allein das Setting in der allumfassenden Dunkelheit würde vielleicht ausreichen, um Dark Star zu einem ungewöhnlichen und interessanten Buch zu machen. Aber Oliver Langmead hat noch ein Ass im Ärmel: Denn Dark Star ist keine Prosa. Es ist ein Gedicht. Ein episches Gedicht.

Time to waste, so I escape the city
At one of those seedy establishments
They call „Glow Shows“ because the fill the girls
So full Pro‘ it nearly burns their veins.
Prometheus, resident wonder-drug;
Pro‘, Promo‘, ‚Theus, liquid fucking light;
Prohibited by city law and shot
By yours truly, Virgil Yorke, hero cop.

Zugegeben, an diese Art des Erzählens muss man sich erst gewöhnen. Das Ende der Zeile unterbricht zu Anfang immer den Lesefluss, bis das Gehirn schließlich merkt, nur nach Satzzeichen Ausschau zu halten und die Enjambements zu beachten. Gleichzeitig sorgt die Versstruktur und der Verzicht auf Sätze, die zwangläufig alle Satzteile enthalten müssen, dafür, dass sich die Geschichte einprägt. Sie wirkt dringlicher, schnörkelloser, roher, konzentriert sich nur auf das Wesentliche und geht in vielerlei Hinsicht tiefer als es ein Fließtext würde.

This is so far beyond me. I don’t know
What I should be doing or where to start.
All I know is what my body is saying,
And right now it’s saying I need to run.
I look them both in the eye and wonder
How they can’t see I’m falling apart here.
Don’t they know I’m as much a disaster
As that hole torn clean through the wall back there?

Der gebrochene Ermittler, der den Geistern seiner Vergangenheit nicht entfliehen kann – das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Diesen Charakter findet man oft. Meistens jedoch vergisst der Ermittler sein Trauma und seine Dämonen, sobald er sich einem neuen Fall widmet. Yorke hingegen ist ein Junkie und bleibt es auch. Er hat Dinge erlebt – die wir hin und wieder bruchstückhaft als Erinnerungsfetzen serviert bekommen – die er nicht vergessen kann. Er handelt anders, als man es von Kriminalermittlern gewohnt ist. Seine Schritte und vieles andere in diesem diesem Buch wirken drastischer, härter, rauer, als man es von einem klassischen Kriminalroman gewohnt ist. Yorke ist ein Hardboiled Detective. Und wen wundert es? Würden wir nicht alle verrohen in ewiger Dunkelheit?

Auch das Ende des Buches bricht mit Konventionen. Es lässt Interpretationen zu, schließt aber gleichzeitig die Geschichte vollends und gelungen ab – der Kriminalfall ist gelöst. Aber ein klassisches Happy End sieht anders aus…
Mehr verrate ich an dieser Stelle aber besser nicht. Schon allein, weil ihr diese Lese-Reise lieber allein unternehmen solltet. Denn Dark Star ist ein Sci-Fi-Krimi, der sich sprachlich und inhaltlich überdeutlich von der Masse abhebt, beinahe wie ein Halogenscheinwerfer in tiefster Nacht. Oliver Langmeads Debüt ist ein Leseerlebnis, das seinesgleichen sucht.


Infos zum Buch:

Titel: Dark Star
Autor: Oliver Langmead
Verlag: Red Squirrel Publishing
Erstveröffentlichung: März 2015
Seiten: 224
ISBN: 978-1907389306
Deutscher Titel: Bisher nicht erschienen

11 replies

  1. Erster Gedanke: Gedichtform? Nein danke.
    Aber jetzt, nach ein wenig darüber nachdenken, ist das Konzept tatsächlich ganz interessant. Im Gesamtpaket wohl trotzdem nichts für mich, aber eben als Ansatz interessant.
    Ich frage mich, wie sich das als Hörbuch machen würde. Die klassische epische Prosa war ja auch zuallererst für den mündlichen Vortrag gemacht.

    Gefällt 1 Person

    • Uuuh, da hast du natürlich recht: Es wäre spannend zu sehen, wie es als Hörbuch funktioniert. Hab grad mal geschaut, leider scheint es Dark Star nicht im Hörbuchformat zu geben. Schade drum.

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  2. Liebe Karo,
    ich lese sehr gerne Bücher in Gedichtsform und dennoch weiß ich nicht ob ich dieses lesen will, weil ich nicht so sehr Krimi Fan bin. Der Sci-Fi Teil interessiert mich jedoch unglaublich sehr, ahh. #thestruggleisreal.
    Es wandert mal auf meine Liste und ich bin gespannt ob ich es mir kaufen werde.
    Alles Liebe,
    Julia von https://thebookdynasty.de
    #litnetzwerk

    Gefällt 1 Person

    • Hi Julia, na dann bin ich mal gespannt, ob es doch mal irgendwann in deinen Einkaufswagen wandert 🙂 Ich glaube aber, wenn man keine Detective Stories mag, ist es vielleicht tatsächlich erstmal etwas abschreckend. Aber diese Welt die Langmead hier geschaffen hat ist wirklich einmalig – schon allein dafür lohnt sich das Buch in meinen Augen totel 🙂 Liebe Grüße

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