Ein kniffliger Fall: Die besten und schlechtesten Sherlock Holmes Geschichten

Hallo liebe Detektive! Bei den #bakerstreetblogs haben Sabine und ich uns heute eine sehr knifflige Aufgabe gestellt: Wir suchen die besten und die schlechtesten Sherlock Holmes Geschichten.
Die Auswahl ist groß! 56 Sherlock Holmes Kurzgeschichten und 4 Romane hat uns Arthur Conan Doyle geschrieben – 60 Abenteuer, aus denen man wählen kann. Bei vielen davon fangen meine Augen immer an zu leuchten, wenn ich an sie denke. Aber bei aller Liebe muss man auch einfach mal zugeben: Nicht alle Geschichten sind großartig. Manche sind nicht einmal gut. Ja okay, ich gebe es zu: Manche sind sogar ziemlich schrecklich. Auch sie sollen nicht unerwähnt bleiben. So viel Ehrlichkeit muss sein.

Unsere Auswahl ist natürlich subjektiv – das versteht sich von selbst. Sabine und ich wissen übrigens auch nicht, welche Geschichten die jeweils andere ausgewählt hat – das wird auch für uns eine kleine Überraschung. Sabines Auswahl findet ihr auf Ant1heldin, meine in den folgenden Zeilen. Auf geht’s!

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Die Besten: Sherlock Holmes Geschichten, die man lesen sollte

Kinder, die Entscheidung fällt mir hier wirklich schwer. Bringe ich es wirklich übers Herz, The Blue Carbuncle, Silver Blaze und The Final Problem nicht in die Auswahl meiner Lieblingsgeschichten mit einzubeziehen? Tja, ich habe wohl leider keine andere Wahl. Es gibt schließlich nur drei freie Plätze.
Ich habe mich letztendlich für Geschichten entschieden, die mir am ehesten das zeigen, was ich an den Geschichten liebe: Ein interessantes Problem, schlaue Deduktionen, Witz, ein schönes Zusammenspiel von Holmes und Watson und Einblick in Holmes‘ Charakter.

Holmes in Reinform: The Adventure of The Red Headed League (Die Liga der Rotschöpfe)

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Illustration: Sidney Paget, Quelle: Wikimedia Commons

Pfandleiher Jabez Wilson kommt mit einem kuriosen Problem zu Holmes. Er berichtet von der Liga der Rotschöpfe, einem Unternehmen, das ihn zu einem sehr guten Gehalt aufgrund seiner roten Haare rekrutiert hat. Wilsons einzige Aufgabe? Einträge aus einem Lexikon abschreiben. Doch von einem Tag auf den anderen löst sich das Unternehmen plötzlich auf und verschwindet spurlos. Die Untersuchung des bizarren Falls bringt Holmes auf die Spur eines groß angelegten Verbrechens…

The Red Headed League MUSSTE einfach in diese Liste – das stand für mich außer Frage. Sie ist eine der ersten Geschichten, die veröffentlicht wurde und im Sammelband The Adventures of Sherlock Holmes zu finden. Zwar fand ich die beiden vorher erschienenen Romane ganz nett, A Scandal in Bohemia ziemlich gut, aber The Red Headed League war die Geschichte, bei der ich mich in diese kleinen Abenteuer verliebte! Bis heute ist sie für mich DIE Sherlock Holmes Geschichte. Nicht nur vom Aufbau her (Klient kommt in die Baker Street, schildert Problem, Holmes ermittelt während Watson ahnungslos danebensteht, löst den Fall und erklärt Watson hinterher in der Baker Street alles), sondern auch von der Art des untersuchten Falls: Ein sehr kurioses, aber doch auf den ersten Blick unschuldiges Problem – nicht einmal ein richtiges Verbrechen – in dessen Ursprung etwas Großes liegt. (Das kann in anderen Geschichten auch umgekehrt der Fall sein. Zum Beispiel in The Man With the Twisted Lip.) Genau diese Art Abenteuer liebe ich. Für Holmes bietet die Geschichte Raum, seine Methoden der Beobachtung und Deduktion anzuwenden, für den Leser diese kennen und schätzen zu lernen. Die Schlussfolgerungen, die Holmes zieht, sind selten schlüssiger und erscheinen nicht so fernab jeglicher Realität, wie sie es in späteren Geschichten tun werden. Was auf den ersten Blick wie Magie wirkt, hat Methode und fußt auf gründlicher Beobachtung. Ein Trick, an den man sich gewöhnt, der hier aber noch frisch und beeindruckend wirkt.

Daneben gibt es in The Red Headed League herrliche Dialoge zwischen Holmes und Watson, ein paar Witze und einen der Grundpfeiler der Freundschaft zwischen den beiden:
I know, my dear Watson, that you share my love of all that is bizarre and outside the conventions and humdrum routine of daily life.“
Hach, schön!

The Red Headed League ist pure Holmes-Magie!

Aaahuuuuu: The Hound of the Baskervilles (Der Hund von Baskerville)

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Illustration: Sidney Paget, Quelle: Wikimedia Commons

Legenden ranken sich um den Fluch der Baskervilles. Ein furchtbarer Gespensterhund scheint es auf die Familie abgesehen zu haben. Sein letztes Opfer? Sir Charles Baskerville. Nun liegt es an Holmes und Watson, den letzten Nachfahren der Baskervilles – Sir Henry – zu beschützen, den Mord an seinem Onkel aufzuklären und dem Mythos des Geisterhunds auf den Grund zu gehen…

The Hound of the Baskervilles ist vermutlich die bekannteste Sherlock Holmes Geschichte und taucht in so ziemlich jedem Ranking der besten Geschichten ganz oben auf. Ich würde euch ja gerne mit einem ganz ausgefallenen Geschmack beglücken. Aber ich finde, dass die Geschichte ihren Ruf vollkommen zurecht genießt. The Hound of the Baskervilles ist nicht nur eine meiner liebsten Sherlock Holmes Geschichten, sondern auch einer meiner liebsten Krimis aller Zeiten.

Nicht, dass die Geschichte vollkommen fehlerfrei wäre. Tatsächlich ist die Ermittlung des Motivs für das Verbrechen ziemlich hanebüchen. Aber ich liebe so viele andere Dinge an dieser Geschichte, dass ich gar nicht recht weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht mit der großartigen Auftakt Deduktion, die selten schöner ist als hier: Es geht um einen zurückgelassenen Spazierstock, von dem Holmes auf die Eigenschaften des Besitzers schließen kann. Und tadaaa: Herein tritt ein Mann, der genau Holmes‘ Beschreibung entspricht. Ich liebe das! So richtig großartig wird die Geschichte aber erst, als wir London verlassen und uns nach Dartmoor zum Anwesen der Baskervilles begeben. Doyle gelingt es hier wirklich, eine einzigartig schaurige Atmosphäre zu schaffen. Das düstere Moor, das mysteriöse Verhalten der Bewohner des Örtchens, ein entlaufender Verbrecher, ein riesiges Anwesen mit geheimnisvollen Geräuschen und Leuchtzeichen in der Nacht: All das lässt mein kleines Herz höher und vor allem schneller schlagen. Ich liebe außerdem die Verbindung von Holmes und dem Übernatürlichen. Der Geisterhund kann ja eigentlich nicht existieren. Denn für den rational denkenden Holmes gehören Geister zu dem Unmöglichen, das man, gemäß seines berühmten Zitats, ja ausschließen müsste. Und doch und doch und doch… Nachts heult ein Hund auf dem Moor – und der leuchtet sogar! Es trägt natürlich erheblich zur Atmosphäre bei, dass Watson, unser Erzähler, sich nicht so sicher ist, dass es keine Geister gibt.
Und dann sind da noch die großartigen Red Herrings! Ich will jetzt natürlich nicht zu viel verraten, falls ihr die Geschichte noch lesen möchtet. Aber Conan Doyle legt hier so wunderbar falsche Fährten, dass man sich eigentlich darüber freut, wenn man auf sie hereinfällt. (Ja, als Krimifan freut man sich über sowas!)

Bevor ich mich jetzt weiter in diese Story verliebe, sage ich einfach nur: Diese Geisterjagd, liebe Freunde, lohnt sich. Aahuuuu!

Ein Fall von Selbstjustiz: Charles Augustus Milverton

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Illustration: Sidney Paget, Quelle: Wikimedia Commons

Lady Eva hat ein Problem. Der Erpresser Charles Augustus Milverton droht kompromittierende Briefe an ihren Verlobten zu senden, sollte sie nicht 7000 Pfund zahlen. Holmes erhält den Auftrag, die Briefe zu beschaffen, oder zumindest den Betrag herunterzuhandeln. Beides gelingt beim Treffen mit Milverton nicht, also bricht Holmes zusammen mit Watson in Milvertons Wohnung ein, um die Briefe zu stehlen. Aber dort werden die beiden Zeugen eines viel schwerwiegenderen Verbrechens…
Als ich The Adventure of Charles Augustus Milverton zum ersten Mal gelesen hatte, war meine Reaktion: Whoa! Das war mal was anderes!

[ACHTUNG: Ich komme hier leider nicht ganz ohne mittelschwere Plot-Spoiler aus. Aber ich verrate nicht, wer der oder die Täter.in ist]

Anders als in vielen – oder besser: fast allen – anderen Geschichten, kann Holmes hier nicht mit seinen Deduktionen den Tag retten. Gegen den schmierigen Milverton kann er mit seinen Methoden nichts ausrichten. Was wir hier zu sehen bekommen, ist daher ein Holmes, der mit seinem Latein am Ende ist und sich deshalb zu drastischen Maßnahmen entschließt. Durch seinen Einbruch in Milvertons Wohnung bricht er aktiv das Gesetz. Aber dort endet die moralische Kontroverse noch nicht. Hinter einem Vorhang verborgen, beobachten Watson und Holmes, wie Milverton zuerst bedroht und schließlich erschossen wird. Dieses Verbrechen verhindern die beiden nicht. Holmes hält Watson sogar davon ab und vernichtet anschließend Beweise – weil er es im Grunde richtig findet was passiert ist. Milverton hat nur bekommen, was er verdient. Was die Geschichte daher deutlich zeigt, ist, dass Sherlock Holmes letztendlich nur seinen eigenen Gesetzen und Moralen folgt. Er ist kein verlängerter Arm von Scotland Yard, sondern betreibt seine eigene Form von Justiz. Er ist auch kein Held in schimmernder Rüstung, sondern in diesem Fall ein sehr zwiespältiger, düsterer Charakter – und das ist letztendlich das Interessante an dieser Figur.

The Adventure of Charles Augustus Milverton zeigt außerdem, wie weit Sherlock Holmes bereit ist zu gehen. Um an Informationen über Milvertons Gewohnheiten zu gelangen, verlobt er sich mit Milvertons Hausmädchen, ohne sich auch nur im Ansatz darum zu scheren, wie sich die Frau fühlt. Das ist natürlich kein sympathischer oder moralisch akzeptabler Move. Selbst der loyale Watson meint dazu: „Surely you have gone too far?“ Aber es zeigt eben eine weitere wichtige Facette von Holmes Charakter: Seine Rücksichtslosigkeit.
Für die Charakterisierung von Holmes ist Charles Augustus Milverton daher eine der wichtigsten Geschichten.

Aber bei all der Düsternis gibt auch ein paar helle und witzige Momente in dieser Geschichte. Sie ist nämlich auch eine der essenziellen Holmes-und-Watson-Best-Friends-Forever Geschichten. Denn der gute Watson möchte Holmes nicht allein das Gesetz brechen lassen und diskutiert so lange, bis Holmes ihn zur Einbruchstour mitnimmt. Holmes bemerkt daraufhin, dass es doch recht nett wäre, wenn die beiden sich, nachdem sie schon so lange eine Wohnung teilten, auch dieselbe Gefängniszelle bewohnen würden. Aaawww, wahre Freundschaft!

 

Die Schlechten: Sherlock Holmes Geschichten, die man sich sparen kann

Die Sherlock Holmes Geschichten sind weit entfernt von Perfektion. Auch wenn einige von ihnen – insbesondere die früheren Fälle – eine echte Freude für Krimifans sind, hat sich Arthur Conan Doyle doch ab und zu mal ein paar Schnitzer geleistet. Auf Recherche legte er beispielsweise offenbar nicht so besonders viel Wert. In einer Geschichte gibt es eine milchtrinkende Schlange, die mit einer Pfeife trainiert wurde, und sich an einem Seil entlangschlängelt. Blöd nur, dass Schlangen weder Milch trinken, noch hören können, noch in der Lage sind, sich an einem Seil entlangzuschlängeln. Von derartigen Fehlern gibt es einige. Aber bei einer guten Story bin ich durchaus bereit, darüber hinwegzusehen. Gerade in den späteren Tagen der Holmes-Ära lässt das Niveau der Geschichten jedoch spürbar nach. Besonders in der letzten Sammlung – The Case Book of Sherlock Holmes – sind sehr viele hanebüchene Geschichten dabei. Ich habe beim Lesen dieser Fälle immer das Gefühl, Doyle hätte einfach keine Lust mehr gehabt und einfach etwas hingeklatscht. Die Ideen waren ihm offenbar auch ausgegangen, denn in späteren Tagen schreibt er ganz gern von sich selbst ab und recycelt seine eigenen Ideen. Die folgenden Geschichten gehören alle in diese spätere Holmes Phase:

Eine Studie in Schläfrigkeit: The Valley of Fear (Das Tal der Angst)

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Illustration: Frank Wiles, Quelle: Wikimedia Commons

Holmes versucht einen brutalen Mord aufzuklären. Die Spur führt nach Amerika und zu seinem Erzfeind, Professor Moriarty!

The Valley of Fear ist der vierte und letzte Sherlock Holmes Roman von Arthur Conan Doyle. Und ganz ehrlich? Ich finde, den hätte man sich auch sparen können. Ich habe ein kleines, ein mittelschweres und ein großes Problem mit dieser Geschichte.
Das kleine ist die Moriarty Zeitlinie. Dadurch, dass Moriarty hier die Finger im Spiel hat, können wir wohl zweifelsfrei annehmen, dass er noch lebt. Das heißt, The Valley of Fear muss VOR The Final Problem (das ist die Geschichte, in der Moriarty stirbt und Holmes so tut) spielen. Aber in The Final Problem sagt Watson, dass er noch nie von Professor Moriarty gehört hat. Merkwürdig! Es scheint fast, als hätte der gute ACD entweder vergessen, was er in The Final Problem geschrieben hat. Oder es war ihm schlicht und ergreifend egal. Ich weiß nicht, was mir lieber wäre. Beides zeugt in jedem Fall nicht unbedingt von Hingabe und Sorgfalt.

Das mittelschwere Problem ist, dass Doyle hier seine alten Ideen aus A Study in Scarlet wiederverwertet: Es gibt einen toten Amerikaner, ein entscheidender Hinweis ist ein Ehering und es gibt auch hier eine sehr ausführliche Rückblende. Ich finde schon, dass man sich auch ab und zu mal was Neues einfallen lassen könnte.

Das große Problem mit The Valley of Fear ist aber ein anderes – aber dafür sehr simples: Das Buch ist einfach furchtbar langweilig. Das liegt allerdings nicht am zu lösenden Fall selbst. Nein, es ist ein nettes, klassisches Rätsel. Das Problem beginnt im zweiten Teil des Buches. In der Rückblende, die, genau wie in A Study in Scarlet, nicht von Watson erzählt wird und in Amerika spielt. Sie ist leider einfach furchtbar dröge und überflüssig. Alles, was man hier erfährt, hätte man auch in drei Sätzen zusammenfassen können. Ich habe ein paar Anläufe gebraucht, um die Geschichte überhaupt zuende zu lesen. Zum Zeitpunkt, an dem die Rückblende einsetzt, ist der Fall nämlich auch bereits gelöst – es gibt also eigentlich keinen Grund weiterzulesen. Ich habe The Valley of Fear – anders als alle anderen Holmes Geschichten – daher auch nur ein einziges Mal komplett gelesen. Ab und zu gönne ich es mir aber im Hörbuch-Format. Als Einschlafmittel.

So ein Theater: The Mazarin Stone (Der Mazarin-Stein)

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Illustration: Alfred Gilbert, Quelle: Wikimedia Commons

Holmes stellt zwei Kriminelle vor die Wahl: Entweder sie rücken einen gestohlenen Edelstein heraus oder er bringt sie ins Gefängnis.

Die Geschichte war von Doyle ursprünglich als Theaterstück angedacht und geschrieben, es kam allerdings nicht zu einer Aufführung. Das Stück wurde daher in eine Kurzgeschichte umgeschrieben und im Strand Magazine veröffentlicht. Allerdings merkt man doch recht deutlich, wo die Ursprünge liegen. Nicht nur, dass wir hier statt eines Ich-Erzählers plötzlich einen Er/Sie Erzähler haben, sondern die Geschichte wirkt immer noch wie ein schlecht inszeniertes Theaterstück und hat obendrein nichts von dem, was man so von einer Sherlock Holmes Geschichte erwarten würde. Es gibt kein wirkliches Rätsel, es gibt keine Ermittlungen, es gibt keine Deduktionen. Stattdessen gibt es zwei Bösewichte, die an Dämlichkeit kaum zu übertreffen sind. Man muss nämlich wissen: In dieser Geschichte taucht eine Wachsfigur auf, die aussieht wie Holmes. Die sitzt froh und munter im Raum, während die beiden darüber sinnieren, ob sie Holmes den Edelstein aushändigen sollen oder nicht. Holmes selbst hat den Raum verlassen, um den beiden Bedenkzeit zu lassen. Aber dann kommt die große Pointe [SPOILER!]: Holmes tauscht unbemerkt mit der Wachsfigur die Plätze und kann so hören, was die beiden sagen und sehen, dass sie den Stein dabeihaben… Mein Gott, was für ein billiger Trick! Die nichts merkenden Widersacher sind der Bezeichnung kaum würdig. Es erscheint nämlich doch recht unwahrscheinlich, dass man eine solche Puppe hinter einen Vorhang ziehen und ihren Platz einnehmen kann, ohne, dass es jemand merkt. Vielleicht in einer riesigen Halle, aber doch wohl nicht in den kleinen Räumen der Baker Street. Man müsste schon blind UND taub sein, um so etwas nicht zu bemerken. Aber hier schafft es Holmes unbemerkt, seinen dämlichen Trick aufzuführen – aber auch nur, weil Doyle plötzlich einen zweiten geheimen Durchgang zwischen Holmes Zimmer und dem Wohnzimmer erfunden hat, der vorher nicht da war. Die Pointe ist so bescheuert und theatralisch, dass man Doyle fragen möchte: Sag mal, willst du mich eigentlich verkackeiern? Ich könnte mir soetwas eher als Slapstick Einlage in einem alten Schwarz-weiß Film vorstellen: Die beiden Karikaturen eines Bösewichts diskutieren, streiten sich, bewundern den Edelstein, während sich Holmes im Hintergrund im Vorhang verheddert, die Figur umstößt und sie dann – weil er nicht weiß wohin damit – aus dem Fenster schmeißt. Schnitt nach draußen: Die Puppe kracht, vor den Augen des erstaunten Watsons, der gerade zu Besuch kommt will, auf den Boden. Watson schreit. Ende.
Die Idee mit der Wachsfigur ist übrigens auch etwas, das Doyle von sich selbst abgeguckt hat. In The Empty House gab es bereits eine Wachs-Büste nach Holmes Vorbild. Die Puppe hat damals einen Kopfschuss bekommen und mir wäre es lieber gewesen, wenn man diese Idee nicht zum Leben erweckt hätte. Einmal ist mehr als genug!

Kaum zu ertragen: The Three Gables (Die drei Giebel)

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Illustration: Howard K. Elcock, Quelle: Baker Street Wiki

Mrs. Maberly erhält ein sehr großzügiges Angebot für den Verkauf ihres Hauses. Doch im Kleingedruckten findet sich eine merkwürdige Klausel: Sie darf nichts aus dem Haus entfernen – keinen Schmuck, keine Kleidung, keinen Krimskrams. Ob das wohl etwas mit dem Tod ihres Sohnes zu tun hat, der in den höchsten Kreisen der Gesellschaft verkehrte? Derweil erhält Holmes die Warnung, sich ja nicht mit dem Fall zu befassen. Sonst setzt es was!

Puh. Ich weiß gar nicht so recht, wo ich hier anfangen soll. Vielleicht beim offenkundigsten Punkt: The Three Gables ist furchtbar rassistisch:
“The door had flown open and a huge negro had burst into the room. He would have been a comic figure if he had not been terrific[…]
“I won’t ask you to sit down, for I don’t like the smell of you, but aren’t you Steve Dixie, the bruiser?”
“That’s my name, Masser Holmes, and you’ll get put through it for sure if you give me any lip.”
“It is certainly the last thing you need,” said Holmes, staring at our visitor’s hideous mouth.”

Natürlich könnte man argumentieren, dass diese Beschreibungen eben einer anderen Zeit entstammen und nur die vorherrschende Ansicht der Überlegenheit der imperialistischen Großmacht Großbritannien widerspiegeln. ABER für den Leser von heute sind derartige Beschreibungen schwer zu ertragen. Man möchte sich die Augen ausreißen und die Haare raufen. Seinen Helden möchte man so einfach nicht sehen. Es hat ein bisschen was von einer Familienfeier, bei der Opi nach 5 Bier und 4 Schnäpsen anfängt, Lieder aus der NS Zeit zu trällern.
Aber mal ganz davon abgesehen, ist The Three Gables einfach auch keine gute Story. Die Warnung, die Holmes am Anfang bekommt, ist dafür der beste Beweis. Wenn jemand sagt: „Hey, guck bloß nicht aus dem Fenster, weil es gibt dort nichts zu sehen!“ ist wohl das erste, das man tun würde, aus dem Fenster zu gucken. Das ist ein sehr schwacher Zug für einen Schurke oder eine Schurkin – und es gibt nichts langweiligeres als schwache Antagonisten.
Außerdem schreibt Doyle hier schon wieder von sich selbst ab! Wieder haben wir eine Frau, die ein merkwürdiges aber gewinnbringendes Angebot bekommt (wie zum Beispiel in The Copper Beeches) und wieder haben wir ein Mitglied der High Society, das mit allen Mitteln – Einbruch und der Zahlung immenser Summen – versucht, einen Skandal zu verhindern. Das kommt einem aus A Scandal in Bohemia verdächtig bekannt vor. A Scandal in Bohemia endet jedoch nicht nur mit einer Niederlage Holmes‘ (was erfrischend ist), sondern auch recht amüsant mit einem ziemlich schnippischen Kommentar von Holmes an den König von Böhmen. Hier jedoch wird die Übeltäterin von Holmes mit einem sehr bevormundenden „Du, du, du!“ darauf hingewiesen, doch in Zukunft die Verbrechen sein zu lassen:
„Meantime, lady“ – he waggered a cautionary forefinger – “have care! Have care! You can’t play with edged tools forever without cuttin those dainty hands.”
Uggh, steck bitte den erhobenen Zeigefinger der Gerechtigkeit wieder ein, Holmes… Das ist ja unerträglich.


So meine lieben Sherlöckchen, das war’s von mir. Wie sieht es bei euch aus? Auf welche Geschichten könntet ihr verzichten? Was sind eure Lieblingsgeschichten?
Welche Sabine ausgewählt hat, erzählt sie euch drüben auf Ant1heldin. Zum Artikel geht’s HIER. Ich bin schon super gespannt!

8 replies

  1. Ich selbst habe bisher kaum was von Sherlock gelesen. Kenne eher die Filme und Serien. Was mich hier mal interessieren würde: Wie sind die Geschichten zeitlich bzw. chronologisch einzuordnen? Sind die schlechteren Geschichten eventuell die späteren Werke von Doyle, so im Sinne von, da gingen ihm die Ideen aus? Oder ist die Auswahl wild gemischt und es einfach generell ein bisschen ein Auf und Ab?

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    • Hey Marcel 🙂 Genau! Wie ich im Artikel ja geschrieben habe, nimmt die Qualität bei den späteren Geschichten spürbar ab. In den früheren sind auch ein paar Aussetzer dabei. Aber gegen Ende hatte ich das Gefühl, Doyle hätte keine Ideen und keine Lust mehr.

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  2. Tja, jeder scheint Mal eine Auszeit zu benötigen, auch der Holmes Schöpfer.
    Ich weiss noch, dass ich beim ersten Lesen den blauen Karfunkel, die tanzenden Männchen und vor allem die „Löwenmähne“ möchte. Bei der Löwenmähne war ich sogar auf der richtigen Spur. (Ein wenig hatte das mit meiner Vorliebe für Tierbücher und einer eigenen kleinen Erfahrung ähnlicher, aber ungefährlicher Natur zu tun)
    Geheimsprachen und Schätze fand ich natürlich auch toll. Über die Merkwürdigkeit des „gefleckten Bandes“ war ich auch schon gestolpert.
    Aber wenn die Geschichten sonst gut waren…
    Das Tal der Furcht fand ich auch furchtbar, auch nur einmal gelesen. Ob CD da wohl nach Seiten bezahlt wurde?
    Diese starke Freundschaft zwischen H und W fand ich auch immer gut, wenn H seinen Freund hat, den Armeerevolver mitzunehmen z.B. weil er wusste, er konnte sich immer auf W verlassen. Usw
    Danke für Deine „Lieblinge“
    Liebe Grüße
    Nina

    Gefällt 1 Person

  3. Ha! Das ist ja mal was! Die Löwenmähne ist eine der Stories, die sonst alle zu hassen scheinen. Aber Geschmäcker sind eben bekanntlich ganz verschieden 🙂
    Dass ACD bei Valley of Fear nach Seiten bezahlt wurden, ich ein interessanter Gedanke 😀 Könnte ich mir gut vorstellen. Aber ich glaube, er fand Amerika an sich ziemlich faszinierend und vermutlich auch ein wenig furchteinflößend . Es kommen ja öfter mal so amerikanische Untergrundgesellschaften vor…
    LG

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