Buch-Tipp zu Halloween: Something Wicked This Way Comes

HalloweenDraußen heult der Wind, in der Wohnung tropft irgendwo ein Wasserhahn und der Sekundenzeiger einer Uhr schleicht exakt 40 Sekunden lautlos, um dann 20 Sekunden jeder Minute so laut zu ticken, wie er nur kann. Ansonsten: Stille. Dazu eine Decke und eine Tasse Tee. Perfekte Lesekulisse. Aber ein Blick auf diese Uhr verrät: Es ist 23.49 Uhr, ich sollte schlafen gehen. Ach, gerade wenn’s am schönsten ist! Doch der Wecker klingelt um 8 Uhr. Also Duschen, Zähneputzen, Youtube Videos schauen – oder besser: ihnen zuhören – bis ich einschlafe. „The humdrum routine of daily life…“ höre ich Sherlock Holmes in meinem Kopf verächtlich schnaufen. Nun, Holmes, wir können nicht alle Consulting Detectives sein, auch wenn wir es gerne wären. Also markiere ich die Seite, auf der ich gerade bin – 40 – mit einem Post-It und lege das Buch beiseite. Noch schnell „frische Luft“ schnappen, auf dem Balkon – wie jeden Abend. Als ich zurückkomme, liegt das Buch beinahe anklagend genau dort, wo ich es abgelegt habe. Verdammt, ein Kapitel wird wohl nicht schaden. Oder zwei. Oder drei. Das Buch, das mich da in Versuchung führt, ist Ray Bradburys Klassiker Something Wicked This Way Comes (1962) und ich MUSS einfach wissen, wie dieses Dark Fantasy Abenteuer weitergeht. Wer braucht schon Schlaf?

By the pricking of my thumbs, something wicked this way comes.

Shakespeare, Macbeth, 4.1.44-45

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Der Geruch von Zuckerwatte weht durch die Straßen, Dübdübdüdübibüpdüpdü – eine Musik, erst leise dann immer lauter. Ganz recht, es ist Jahrmarkt in der Stadt – „Cooger and Dark“ macht halt in Green Town, Illinois! Kommen Sie, kommen Sie, treten Sie ein und sehen Sie sich um! Bestaunen Sie die Tätowierungen des „Illustrated Man“ – des Jahrmarktdirektors Mr. Dark persönlich – und machen Sie Bekanntschaft mit seinen Schaustellern und Akrobaten. Besuchen Sie das Skelett, Mr. Electrico, die Hexe, die Wahrsagerin – alle sind Sie dabei! Betreten Sie das geheimnisvolle Spiegelkabinett – wenn Sie sich trauen. Oder wie wäre es mit einer Runde auf dem Karussell? Steigen Sie ein – die nächste Fahrt geht rückwärts! Fühlen Sie sich einmal wieder jung!

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Wer kann den Versuchungen eines Jahrmarktes schon widerstehen? Niemand in Green Town, wie es scheint. Doch hier bezahlen die Besucher einen hohen Preis. (Komm mit mir ins Abenteuerland, der Eintritt kostet den Verstand). Denn dieser Jahrmarkt ist kein gewöhnlicher Jahrmarkt, oh nein! Mit ihm hält das Böse Einzug in die Stadt.

“The stuff of nightmare is their plain bread. They butter it with pain. They set their clocks by deathwatch beetles, and thrive the centuries. They were the men with the leather-ribbon whips who sweated up the Pyramids seasoning it with other people’s salt and other people’s cracked hearts. They coursed Europe on the White Horses of the Plague. They whispered to Caesar that he was mortal, then sold daggers at half-price in the grand March sale.”

Dieser Jahrmarkt lebt von Sünde und Bösartigkeit. Mr. Dark und seine Gefolgschaft besitzen die Kraft, die geheimen Wünsche der Bürger auszumachen und deren Erfüllung in Aussicht zu stellen. Erliegen sie der Versuchung, die ihnen vorgesetzt wird, werden Sie versklavt, Teil des Jahrmarktes, der Freakshow, ziehen von Stadt zu Stadt. Für immer.
Entgegen dieser dunklen Kräfte stehen unsere Helden: Zwei Jungen – nein, Teenager.

One year Halloween came on October 24, three hours after midnight. At that time, James Nightshade of 97 Oak Street was thirteen years, eleven months, twenty-three days old. Next door, William Halloway was thirteen years, eleven months, and twenty-four days old. Both touched toward fourteen; it almost trembled in their hands.

Jim Nightshade und Will Halloway – wenn das nicht die perfekten Namen für die Protagonisten einer Halloween Lektüre sind, dann weiß ich auch nicht weiter. Tür an Tür aufgewachsen, beide in derselben Nacht geboren – der eine eine Minute vor, der andere eine Minute nach Mitternacht. Mehr Brüder als Nachbarn und – natürlich – beste Freunde. Für immer? Das wird nur die Zeit zeigen können. Wie so viele Freundschaften lebt auch diese von Gegensätzen und der Balance und gleichzeitigen Spannung, die aus diesen Gegensätzen resultiert. Jim ist geheimnisvoll, mutig, ein Troublemaker. Will ist vorsichtig, gutmütig und loyal. Jim gibt Gas, stürzt die beiden in Abenteuer, Will tritt auf die Bremse, bevor der Wagen gegen eine Wand knallt. Beide stehen auf der Seite des Guten und versuchen, sich gegen Mr. Dark zu behaupten. Doch Jim… Ja, Jim ist eine dunklere Nuance von „gut“. Immer auf dem Sprung, Regeln zu brechen, immer dabei, dem Verlangen nachzugeben.
Doch das Duo ist zum Glück nicht allein. Den beiden zur Seite steht Charles Halloway, Wills Vater. Ein stiller, trauriger Mann, der sich dafür zu schämen scheint, erst spät im Leben Vater geworden zu sein. Wird er mit den Jungs Schritt halten können?

“You had to run with a night like this, so the sadness could not hurt.”

Neben Freundschaft, Erwachsenwerden, Familie und dem Kampf „Gut gegen Böse“ sind Sehnsüchte DAS zentrale Motiv dieses Romans. Speziell die Sehnsucht, die Zeit überwinden zu können. Jim treibt der Wunsch, älter zu sein, Wills Vater, Charles, sehnt sich danach, wieder jung zu sein. Der Jahrmarkt bietet eine Möglichkeit: Eine Fahrt mit dem Karussell. Dreht es sich vorwärts, wird man älter, fährt es rückwärts, wird man jünger. Welcher unserer Helden wird der Versuchung erliegen? Wer behält die Oberhand in diesem Kampf zwischen Vernunft und Verlangen? Und was hat man als Sterblicher überhaupt gegen die Mächte des Bösen in der Hand?

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Ha, das wüsstet ihr wohl gern! Aber ich verrate es natürlich nicht!  Schon allein deshalb, weil es sich sowas von lohnt, Something Wicked This Way Comes selbst zu lesen.

Wie mir dieses Buch so lange entgehen konnte, ist mir ein Rätsel. Wobei… Ich weiß eigentlich schon, wie es dazu kommen konnte. Vor ein paar Jahren, als ich eine Schwäche für dystopische Erzählungen hatte, habe ich Bradburys Fahrenheit 451 gelesen. Die Idee einer Gesellschaft, die sich selbst verblödet hat, in der Bücher verboten sind, und Feuerwehrleute Feuer legen, anstatt sie zu löschen, war faszinierend. Die Umsetzung, wie ich fand, ziemlich dröge. Ich war enttäuscht und konnte nicht verstehen, wieso Autoren wie Margaret Atwood, Stephen King und Neil Gaiman von Bradbury schwärmten – ihn gar als Inspiration nannten. Aber nun, nachdem ich Something Wicked This Way Comes gelesen habe, weiß ich genau, warum.
Der Horror in diesem Schauerroman beruht nicht auf dem Schockieren und Blutvergießen der heutigen Horrorthriller. Dieser Horror hier ist viel subtiler – aber nicht weniger einprägsam. Er fußt auf essentiellen Ängsten des Verlusts, Zurückgelassen- oder Vergessenwerdens, des Verfalls, des Todes, des Älterwerdens und den Absurditäten des Alltäglichen. Gepaart mit Bradburys sprachlicher Finesse entsteht hier eine düstere und eindringliche Atmosphäre, die mir so selten begegnet ist – und die mir mehr als einmal einen Schauer den Rücken herunterjagt hat. Bradburys Schreibstil ist melodisch – fast schon poetisch. Es wimmelt von Metaphern, Vergleichen, Allegorien – manchmal lebt sie von Auslassungen und Halbsätzen. Und doch weiß man sofort, was gemeint ist, hat das Gefühl, Bradbury beschreibe hier etwas, das man selbst zwar schon gesehen oder gefühlt hat, aber nie in Worte fassen könnte. Man sieht außerdem so lebhaft Bilder vor dem inneren Auge, dass man meint, einen Film zu sehen. (Was bei Something Wicked This Way Comes nicht von ungefähr kommt, da der Roman – ursprünglich eine Kurzgeschichte – erst geschrieben wurde, als es bereits ein Film-Angebot gab.)
punpkinSomething Wicked This Way Comes ist das perfekte Buch für kalte Oktobertage wie diesen – und, wie ich finde, ein kleines Fantasy-Meisterwerk. Lasst euch diesen Klassiker also nicht entgehen! In diesem Sinne: Happy Halloween!


Infos zum Buch

Titel: Something Wicked This Way Comes
Autor: Ray Bradbury
Erstveröffentlichung: 1962
Verlag: Simon & Schuster
ISBN: 978-1501179495
Deutscher Titel: Das Böse kommt auf leisen Sohlen (Verlag: Diogenes, ISBN: 978-3257208665, Übersetzung: Norbert Wölfl)

There are 11 comments

  1. ninakol.

    Oh, da merkt man aber sehr, dass Du dieses Buch nicht weglegen magst, kannst!?
    Ray Bradbury ist halt nicht mehr so modern, da entgehen einem gute Bücher schon mal, bei all den vielen neuen die täglich auf den Markt kommen. Diese Geschichte kenne ich auch noch nicht, aber nach DER Vorstellung Deinerseits muss ich den natürlich auch lesen (wenn ich meinen Stapel etwas… ach…)
    Ein gruseliges *all hallows eve* und schönes langes Wochenende
    Liebe Grüsse
    Nina

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    1. Karo

      Danke Nina und sorry dass dein Lesestapel immer größer wird 😁 Ich wünsche Dir einen schönen Feiertag – oder hast Du erst morgen einen? (Hier in Berlin haben wir gar keinen…) Liebe Grüße

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  2. Stefan Heidsiek

    Ja, subtiler Horror – etwas, das heute irgendwie nur noch wenige auf Papier bringen können. Und für mich auch der einzige, der letztlich nachhaltig wirkt, da er eher unseren Geist beschäftigt – und weniger den Magen, wie die meisten Schlachthausbücher der Moderne. Freut mich sehr, dass du Ray Bradbury hier wieder eine Bühne gibst. Früher war zwar nicht alles besser, aber doch vieles. 🙂

    Für den Rest des Tages wünsche ich Dir Süßes oder Saures. 😉
    LG
    Stefan

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    1. Karo

      Hey Stefan, danke dir 🙂 Ich dachte immer, dass Horror-und Gruselgeschichten nichts für mich sind. Aber ich glaube, das lag daran, dass ich sie eben immer mit den modernen ‚Schlachthausbüchern‘, wie du sie so schön nennst, assoziiert habe. Für Bradbury bin ich grad richtig Feuer und Flamme. Lese momentan seine Kurzgeschichten. Sie sind großartig!
      Wünsche Dir einen schönen Sonntag 🙂

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      1. Stefan Heidsiek

        Ja, Horror ist doch viel mehr als nur zentnerweise Blut und Gedärm. 😉 Wenn du mehr in der Richtung suchst, empfehle ich Dir auch unbedingt Algernon Blackwood und M. R. James. Klassische Schauer bzw. Gespenstergeschichten, bestens geeignet für die jetzige Jahreszeit. 🙂 Dir auch noch einen schönen Sonntag!

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  3. LeseWelle

    Hallo Karo,
    mir ging es wie dir, ich habe Fahrenheit 451 gelesen bzw. nicht ganz gelesen, weil ich keinen Draht zu dieser Geschichte gefunden habe. Aber wenn du so begeistert bist von diesem Buch… und subtiler Horror klingt echt sehr gut.
    Ich werde mir das Buch mal ansehen. Danke für diesen Beitrag. 🙂
    Liebe Grüße
    Diana

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    1. Karo

      Hey Diana, komisch, dass Fahrenheit 451 Bradburys bekanntestes Buch zu sein scheint. Something Wicked ist echt super und ich lese auch grad Bradburys Kurzgeschichten, die sind auch richtig klasse. Manchmal lohnt sich eine zweite Chance ja doch 😁

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