Simply the Best! Lieblingsbücher 2020

Gott sei Dank ist diese Shitshow von Jahr endlich vorbei! Nicht, dass es auf der anderen Seite des Jahreswechsels sehr viel rosiger aussehen würde. Es dauert ja leider noch ein bisschen, bis wir alle geimpft sind. Aber nichtsdestotrotz liegt doch noch immer ein Zauber im Jahreswechsel – Hoffnung und Zuversicht, dass bei der nächsten Sonnenumrundung alles besser wird. Und wer kann der Menschheit diese Art von Irrationalität nach diesem Jahr schon verübeln?
Es war ein Jahr, in dem Zeit keine Bedeutung mehr hatte und zu dem „Whibbly-whobbly, timey-whimey“ verschwamm, das in Doctor Who beschrieben wird. Das Jahr 2020 fühlt sich gleichzeitig wie das längste Jahr seit Menschengedenken und das kürzeste Jahr aller Zeiten an. Dinge, die vor 2 Wochen geschahen, erscheinen mir meilenweit entfernt; das, was im Februar war, kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen. Man erlebt wenig, daher hat man kaum Erinnerungen, mit denen man 2020 positiv ausschmücken könnte, dafür prasseln schlechte Nachrichten im Minutentakt ein, sobald man die Nachrichten einschaltet oder Online-News-Portale betritt.
Wobei ich sagen muss, dass Homeoffice und verminderte soziale Kontakte nicht das Schlechteste für einen Menschen wie mich sind. Meine introvertierten Batterien sind maximal aufgeladen. Ich bin weniger gestresst und schlafe mehr, ich esse besser. Auf diesem persönlichen Level geht es mir gut. Da habe ich Glück gehabt – endlich ist introvertiert sein mal ein Vorteil! Weil dieses Jahr aber global eine ziemliche Katastrophe war und wir wirklich alle schon genug Schlechtes gehört haben, gestalte ich meinen Jahresrückblick in diesem Jahr ein wenig anders. Normalerweise trägt der Rückblick den Titel „The Good, The Bad and the Boring“ und es geht um Tops und Flops des Lesejahres. In diesem Jahr verzichte ich auf die Flops und stelle euch nur die Favoriten vor. Denn ich habe wirklich überhaupt keine Lust mehr, von irgendwelchen Enttäuschungen, die dieses Jahr gebracht hat, zu sprechen. Es erwarten euch also hier keine Lows, nur Highs.

Die Pandemie beeinflusste mein Leseverhalten ziemlich. Extreme Leseflauten, in denen ich mich auf nichts anderes als die Nachrichten konzentrieren konnte und im Stupor auf der Couch lag, wechselten sich ab mit extremen Lesephasen, in denen ich 5 Bücher in einer Woche las. Vermutlich als eine Art Realitätsflucht. Ich hatte jedoch zeitweise Probleme, mich vollends von der Realität zu trennen. Ich habe daher in diesem Jahr viel mehr Sachbücher oder andere Vertreter des Non-Fiction Genres gelesen als sonst. Das wird sich auch gleich in der Liste der Favoriten niederschlagen.
Also auf geht’s – hier sind die Bücher, die mich in diesem Jahr am meisten begeistert haben:

Ganz anders als erwartet

Mary Shelley: Frankenstein

Wir starten mit einem echten Klassiker: Mary Shelleys Frankenstein von 1818. Ich hatte ganz andere Vorstellungen von diesem Buch, die sich vorrangig aus den endlosen Popkultur-Darstellungen von Frankensteins Monster als dumm-dämliche grüne Kreatur ergaben. Aber von Blut und einem fackelschwingenden Mob keine Spur. Dafür subtiler Horror, eine bedrückende Atmosphäre und tiefgründige Betrachtungen – allen voran die Frage nach der Schuld. Wer ist für die Taten des Monsters verantwortlich? Sein Schöpfer? Die Gesellschaft? Oder am Ende doch das Monster selbst? Eine Frage, die mich auch nach dem Lesen noch beschäftigte. Faszinierend war es für mich außerdem, die Ursprünge der Science-Fiction Literatur zu erleben. Der verrückte Wissenschaftler, Furcht und Faszination vor wissenschaftlichen Entdeckungen und natürlich künstliche Intelligenz – all das sind Themen, die uns heute in Sci-Fi Romanen noch begegnen und die Mary Shelley auf den Weg gebracht hat. Dieser Klassiker lohnt sich wirklich – für Science-Fiction Fans ganz besonders! Mehr dazu habe ich in diesem Artikel geschrieben: Ein echter Klassiker: Mary Shelleys Frankenstein – Wo ist eigentlich Igor?

Autorin: Mary Shelley, Erstveröffentlichung: 1818; Abgebildete Ausgabe: Penguin English Library, 2012; ISBN: 9780141198965

Schneewittchen Horror Picture Show

Neil Gaiman & Colleen Doran: Snow, Glass, Apples

Snow, Glass, Apples ist eine Neuerzählung des beliebten Märchens „Schneewittchen“. Sie nahm ihren Ursprung als Kurzgeschichte und wurde im letzten Jahr als Graphic Novel adaptiert.
Wer eine reine Nacherzählung des Märchens erwartet, ist falsch gewickelt. Schneewitchen ist nicht die Heldin dieser Geschichte, sondern es ist die – sonst so böse dargestellte – Stiefmutter, der hier unsere Sympathien gelten. Es ist die Art Neuinterpretation, die nur aus dem verdrehten Kopf von Fantasy Autor Neil Gaiman entspringen kann. Die Kurzgeschichte ist düster, gruselig, unerwartet und – ja – auch ein wenig verstörend. Es geht um Sex, um düstere Kreaturen und um die blutigen Aspekte von Märchen, die wir sonst so gerne mal außer Acht lassen. Adaptiert und illustriert wird die Geschichte in dieser Graphic Novel von Colleen Doran – und das mehr als gelungen! Die Illustrationen sind atemberaubend und unglaublich dekorativ – so sehr, dass man sie sich an die Wand hängen möchte – und gleichzeitig unheimlich und finster. Eine großartige Adaption dieser ungewöhnlichen Geschichte! Ich bin begeistert!

Autor: Neil Gaiman; Adaption und Illustration: Colleen Doran; Verlag: DARK HORSE COMICS, August 2019; ISBN: 978-1506709796
Die deutsche Ausgabe erscheint 2021 beim Splitter Verlag, ISBN: 978-3967920314

Physik in all ihrer Schönheit

Die Bücher von Carlo Rovelli

Ich will ganz ehrlich zu euch sein: Ich bin nicht durch mein Interesse an Wissenschaft zu den Büchern des italienischen Physikers Carlo Rovelli gekommen. Sicher, ich interessiere mich seit einigen Jahren für Physik und bereue es, mich nicht schon zu Schulzeiten dafür begeistert zu haben. Aber zu diesen Büchern kam ich über Benedict Cumberbatch. Ich weiß gar nicht, zu wie vielen Stories und Büchern es mich mittlerweile geführt hat, seine Karriere zu verfolgen. Allein in diesem Artikel sind es neben diesem Buch noch drei weitere. (Wer mir die Bücher und die Cumberbatch Verbindung nennen kann, kriegt einen virtuellen Keks.) Aber zurück zum Thema: Ich habe eines Abends nach Hörbüchern gesucht, die von Benedict Cumberbatch eingesprochen wurden – weil er halt einfach die allerschönste Stimme hat – und dabei stieß ich auf „The Order of Time“ von Carlo Rovelli. Das Problem war nur, dass ich mich nicht wirklich auf den Inhalt konzentrieren konnte. Ich dachte „Hey das ist faszinierend, was du da liest, Benny, aber deine schöne Stimme lullt einfach zu sehr ein. Also habe ich mir das Buch in der Print Variante gekauft. Und, mein Gott, war das eine gute Idee!

In The Order of Time (Die Ordnung der Zeit) wirft Rovelli einen Blick auf das, was wir „Zeit“ nennen. Die Frage, die sich durch dieses Buch zieht, ist so simpel, wie ihre Beantwortung schwer ist: Was ist Zeit? Bei der Suche nach einer Antwort führt Rovelli die Leser:innen durch die Geschichte der Physik und der Philosophie. Dabei wird so einiges durcheinandergeworfen, was man glaubt, über Zeit zu wissen. So sehr, dass man sich irgendwann fragen muss: Existiert Zeit überhaupt?
Das englische Wort „mind-blowing“ ist das Wort, mit dem ich dieses Buch beschreiben würde. Freilich waren einige Dinge für mich als Physik-Laie nicht immer einfach zu verstehen. Nein, es ist wahrlich kein Buch, von dem man sich berieseln lassen kann. Aber gleichzeitig konnte ich auch nicht aufhören, zu lesen – auch wenn der Kopf schmerzte. Rovelli schreibt wunderschön, bildhaft, beinahe poetisch. Seine Sprache reißt mit, auch wenn man glaubt, jetzt unmöglich noch weitere Informationen aufnehmen zu können. Aber man kann, weil Rovelli auf eine Art erklärt, die unglaublich ansprechend und fesselnd ist.
Das trifft auch auf sein Buch Reality Is Not What It Seems (Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint) zu, das sich mit Quantengravitation beschäftigt. Das ist ein Thema, das schwer zu greifen und begreifen ist, und doch denke ich, dass Rovellis Buch ein guter Startpunkt ist, wenn man sich als Laie mit diesem Thema befassen möchte. Ich habe in der Zwischenzeit schon weitere Bücher dazu gelesen, aber niemand konnte mir das Ganze so verständlich machen wie Rovelli.

Wenn ihr unsicher seid, ob diese beiden Bücher etwas für euch sind, würde ich euch zuerst Seven Brief Lessons on Physics (Sieben kurze Lektionen über Physik) empfehlen. Das ist eine Sammlung von Rovellis Essays. Es geht darin um Releativitätstheorie, schwarze Löcher, Gravitation, Zeit und vieles mehr. Kurz, bündig und ansprechend erklärt – aber mit philosophischem Fokus. Wenn euch das gefällt und ihr Lust auf Mehr habt, dann mögt ihr sicher auch The Order of Time und Reality Is Not What It Seems.

Autor: Carlo Rovelli, Verlag: Penguin; ISBN: 9780141984964 (The Order of Time), 9780141983219 (Reality Is Not What It Seems), 9780141981727 (Seven Brief Lessons on Physics); aus dem Italienischen ins Englische von Simon Carnell und Erica Segre
Deutsche Titel: Die Ordnung der Zeit; Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint; Sieben Kurze Lektionen über Physik; erschienen beim Rowohlt Buchverlag, Übersetzungen von Enrico Heinemann und Sigrid Vagt

Relatable Content

Paul Bokowski – Bitte nehmen Sie meine Hand da weg

Wenn es ein Jahr gab, in dem man was zum Lachen gebraucht hat, dann doch wohl dieses! Und gelacht habe ich bei diesem Buch – oh ja. Ich spreche dabei nicht von einem niedlichen Kichern und auch nicht von einem amüsierten Schnauben. Nein, ich spreche von richtigem Lachen, aus vollem Halse, so laut, dass sich die Nachbarn wahrscheinlich fragten, ob ich im Lockdown wohl den Verstand verloren habe. Und ich sag‘ euch, das hat gutgetan!
Lesebühnenprofi Paul Bokowski erzählt in seinen Geschichten vom Alltäglich-Absurden: Von machthungrigen Saugrobotern, über desaströse Dates und Fischstäbchenpackungen mit einer grotesken Anzahl von Fischstäbchen, bis zu tiefgründigen Gedanken über expandierende Universen ist alles dabei. Natürlich gemischt mit Betrachtungen des Lebens aus Berlin-Wedding. Es ist die Stadtneurotik in Reinform, die da aus seinen Geschichten seuselt und die mich extrem anspricht. Es ist nämlich so: Der Autor wohnt in derselben Straße wie ich. Mehr „relatable“ kann Content daher kaum sein. Aber auch ganz frei von Regionalstolz (ich weiß nicht, ob bei unserem abgewrackten, aber mittlerweile nett überpinselten Kiez „Stolz“ tatsächlich das richtige Wort ist, aber egal) kann ich euch dieses Buch empfehlen. Gelacht wird ja wohl überall!

Autor: Paul Bokowski; Verlag: Goldmann, August 2019; ISBN: 978-3442488957

Baker Street Bros

Kareem Abdul-Jabbar & Anna Waterhouse: Die Mycroft Holmes Reihe

Ha! Ihr habt doch wohl nicht gedacht, dass meine Lesehighlights ohne Sherlock Holmes auskommen! Wobei in dieser Buchreihe von Kareem Abdul-Jabbar und Anna Waterhouse ja nicht Sherlock, sondern sein älterer Bruder Mycroft die erste Geige spielt.
 Der junge Mycroft – er ist hier Mitte 20 und startet gerade eine Karriere in der britischen Regierung – ist unerwartet sympathisch, energisch, und aufgeweckt. So ganz anders also als der Mycroft, wie er in den Sherlock Holmes Geschichten von Arthur Conan Doyle beschrieben wird. Wir begleiten ihn hier bei seinen Abenteuern – beruflichen wie privaten – die es wirklich in sich haben. Dabei spielen nicht nur Love-Interests eine Rolle (ja, Mycroft ist ein Romantiker!), sondern natürlich auch sein kleiner Bruder Sherlock, der hier allerdings noch nicht die Brillanz und Raffinesse der späteren Jahre zeigt. Es ist eben noch kein Meister vom Himmel gefallen.
Besonders schön an dieser Buchreihe ist, dass sie nicht verträumt verschönend auf das britische Empire schaut und stattdessen einen Blick auf die dunkleren Kapitel des Königreiches wirft. Armut, Ausbeutung, Rassismus und Imperialismus sind Themen, die hier eine große Rolle spielen.

Die Mycroft Holmes Reihe ist mittlerweile dreiteilig: Den Auftakt machte Mycroft Holmes (2015), es folgten Mycroft and Sherlock (2018) und Mycroft & Sherlock: The Empty Birdcage (2019).
 Ich kann nicht genug davon bekommen und hoffe, dass bald noch ein vierter Band folgt.
Mehr zu dieser Reihe und ein paar weitere sherlockianische Leseempfehlungen habe ich in diesem Artikel zusammengestellt: Von Mary Russell bis Mycroft Holmes – 4 Lesetipps für Sherlock Holmes Fans

Autor:innen: Kareem Abdul-Jabbar und Anna Waterhouse; Verlag: Titan Books, 2015 (Band 1 ‚Mycroft Holmes‘, 2018 (Band 2 ‚Mycroft and Sherlock‘), 2019 (Band 3 ‚Mycroft & Sherlock: The Empty Birdcage‘); ISBN: Band 1: 978-1785658075, Band 2: 978-1785658075, Band 3: 978-1785659256
Deutsche Titel: bisher nicht erschienen

Wissen, cool verpackt

Joanna Nadin: A Life Story: Alan Turing

Ihr wisst, ich liebe Alan Turing. (Und falls ihr es nicht wusstet, dann wisst ihr es jetzt.) Sein Werk und seine Biografie faszinieren mich und ich denke, es sollten mehr Menschen wissen, wer dieser Mann war. Ich finde es deshalb schön und wichtig, dass es, seit der Film The Imitation Game in die Kinos kam, immer mehr Bücher und Beiträge rund um Alan Turing gibt. So wie auch A Life Story: Alan Turing von Joanna Nadin. Dieses kleine Buch hat mich wirklich beeindruckt. Ich habe schon einige Bücher über Turing gelesen und dieses zählt definitiv zu den besten. Es bietet einen fantastischen Überblick über sein Leben und seine Arbeit und erklärt dabei komplizierte und abstrakte Theorien extrem anschaulich. Es gibt außerdem ein paar Quizze und „Try for yourself“ Abschnitte, mit denen man sein Wissen prüfen kann. Daran merkt man schon: Dieses Buch richtet sich an jüngere Leser:innen – das empfohlene Lesealter ist 9-11 Jahre. Aber ich würde es tatsächlich auch Erwachsenen als Einführung empfehlen. Man kann es an einem Nachmittag durchlesen und wenn dadurch Interesse geweckt wurde und man mehr Details erfahren will, kann man zu umfangreicheren Biografien wie „Alan Turing: The Enigma“ von Andrew Hodges greifen. Zwei Daumen zeigen nach oben für dieses kleine Buch!

Mehr zu Alan Turing und Büchern und Filmen über sein Leben habe ich hier geschrieben: Von harten Fakten zu lebhaften Träumen: Alan Turing in Film, Buch und Graphic Novel

Autorin: Joanna Nadin; Verlag: Scholastic (Januar 2020), ISBN: 978-1407193199
Deutscher Titel: bisher nicht erschienen

Science und Fiction – aber nicht Science-Fiction

Benjamín Labatut: When We Cease To Understand The World (Das blinde Licht: Irrfahrten der Wissenschaft)

Es ist ein ungewöhnliches Buch, vermutlich das ungewöhnlichste, das ich in diesem Jahr gelesen habe.
In When We Cease To Understand The World (Originaltitel: Un verdor terrible) erzählt der Chilene Benjamín Labatut von Wissenschaftlern – Haber, Grothendieck, Heisenberg und Schrödinger – und beleuchtet ihre Ideen, ihre Theorien, ihr Leben. So weit, so wenig ungewöhnlich. Aber genau wie diese Wissenschaftler auf dem schmalen Grat von Genie und Wahnsinn wandelten als sie ihre Theorien entwickelten, so tänzelt Labatut auf der Kreuzung von Fiction und Non-Fiction, um ihre Geschichten zu erzählen. Er reichert die Fakten mit Erdachtem an – er erfindet hinzu, er schmückt aus, er schafft Verbindungen. Natürlich nicht, was die wissenschaftlichen Ideen und Konzepte betrifft – hier verändert Labatut nichts, beleuchtet nur. Aber wenn es darum geht, wie die Wissenschaftler zu ihren Theorien kamen und wie sie später mit ihrer Entdeckung lebten, kommt einiges an Ausgedachtem hinzu. Dies dient jedoch nicht der Irreführung der Leser oder der Verbreitung von Fake-News. Vielmehr ist das Erdachte dabei das Mittel, um den Wahn und Wahnsinn, das Genie und die zerstörerische Kraft der Ideen zu verdeutlich. Je weiter das Buch voranschreitet, desto mehr Fiktion gesellt sich zu den Fakten. Beinhaltet die erste Geschichte um Fritz Haber, den sogenannten „Vater des Gaskrieges“, noch kaum Erdachtes (laut Aussage, des Autors nur einen Abschnitt), so mischt sich in die letzte Geschichte um Schrödinger und Heisenberg eine Menge an „Ausschmückung“ – von Verliebtheit bis Drogenrausch.
Labatut erklärt nicht, er erzählt. Das hat, zumindest bei mir, den gewünschten Effekt erzielt: Atemberaubend stach die Kraft der Wissenschaft mit all den Wundern, die sie enthüllt und all der Zerstörung, die sie entfachen kann, heraus.

Aber gleichzeitig ist es so, dass ich dieses Buch als wahrheitsliebender Mensch nicht einfach so lesen konnte, ohne herausfinden zu wollen, was jetzt stimmt, und was ausgedacht ist. Wenn man die Fakten von der Fiktion trennen möchte, sich aber nicht extrem gut mit den Biografien der Wissenschaftler auskennt, fordert dieses Buch eine gewisse Partizipation von den Leser:innen. Es bleibt einem selbst überlassen, zu recherchieren, und zu ergründen, was tatsächlich so war, obwohl es fiktiv scheint, und was zwar glaubwürdig scheint, aber doch nur Ausschmückung ist.

Ich finde, das ist ein faszinierendes Konzept, das in diesem Fall extrem wirkungsvoll ist. Aber ich denke, dass es stärker in den Fokus gestellt werden müsste, dass genau das das Konzept ist – und nach Möglichkeit nicht erst im Nachwort, sondern schon im Klappentext. Die englische Ausgabe, die ich gelesen habe, verstreut auf dem Umschlag nur Zitate, die aber immerhin das Konzept erahnen lassen. In einigen Reviews zur deutschen Ausgabe wird allerdings kritisiert, dass Erdachtes mit Fakten vermischt wird und aus anderen Rezensionen ergab sich, dass alles, was in dem Buch stand, als wahr verstanden wurde. Das ist schade. Aber jetzt, wo ihr das wisst, seid ihr ja gut vorbereitet auf dieses tolle Buch 😉

Autor: Benjamín Labatut; Verlag: Pushkin Press (September 2020), Originaltitel: Un Verdor terrible; vom Spanischen ins Englische von  Adrian Nathan West, ISBN: 978-1782276128
Deutscher Titel: Das Blinde Licht: Irrfahrten der Wissenschaft; Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3518429228, Übersetzung von Thomas Brovot

Unfassbar schön

Benjamin Myers: The Offing (Offene See)

Okay, ich sag‘s, wie es ist: Ich habe Probleme, in Worte zu fassen, wie großartig dieses Buch ist. Aber ich weiß eines ganz sicher: Es ist das schönste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Genauer gesagt ist es eines der schönsten, das ich seit langer, langer Zeit gelesen habe.
The Offing spielt in Großbritannien, kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Der junge Robert, ergriffen von Wanderlust und Entdeckerdrang, macht sich auf zu einer Reise durch das Land. In einer Hütte in einem Küstenort trifft er eine ältere Frau namens Dulcie. Sie ist unkonventionell, weise, und frech. Robert verbringt den Sommer bei ihr – ein Sommer, in dem er Lektionen fürs Leben lernt.
Die erste Hälfte dieses Buches fühlt sich an wie ein Sommerurlaub. Wir spüren – zusammen mit Robert – beinahe den Wind in unseren Haaren, liegen im taubedeckten Gras, wandern entlang der britischen Küste, genießen Dulcies Gastfreundschaft. Das allein wäre schon eine Lesereise wert. Aber es ist die zweite Hälfte des Buches, die einen vollkommen mitreißt, die mich schluchzen lies – vor Trauer und vor Schönheit. Denn wir erfahren, was hinter Dulcies Fassade steckt – warum sie zurückgezogen lebt und was aus der Poetin Romy Landau wurde, die einst mit ihr zusammen in der kleinen Hütte lebte. The Offing ist eine Geschichte über Freundschaft und Liebe, über Trauer und Verlust, über Natur und Freiheit, über das Loslassen und Neuanfänge und über Poesie. All dies in einem Buch, besonders wenn es sprachlich so wunderschön umhüllt wird, wie von Benjamin Myers, könnte prätentiös und pathetisch zu wirken. Aber das ist nicht der Fall. Nein, dieses Buch ist perfekt.

Autor: Benjamin Myers; Verlag: Bloomsbury Publishing (März 2020), ISBN: 978-1526611307
Deutscher Titel: Offene See; DuMont Buchverlag; Übersetzung von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel; ISBN: 978-3832181192


So, meine Lieben – das war es von mir. Erzählt doch mal: Welche Bücher haben euch in diesem Jahr begeistert?

Wir sehen uns 2021 wieder. Bis dahin wünsche ich euch einen guten Rutsch und ein frohes und vor allem gesundes neues Jahr! See you on the other side!

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There are 9 comments

  1. nina. aka wippsteerts

    Als allererstes auch Dir einen guten Jahreswechsel. Danke Dir wie immer für ein paar neue Tipps. Einige kenn ich ja schon Dank Dir. Von N. Gaiman mochte ich damals schon das „Bilderbuch“ der Neuerzählung um Schneewitchen, aber auch das märchenhafte Buch dieses Sommers für mich:“der Ozean am Ende der Strasse“.
    Ich habe auch mal viel und mal wenig lesen können. Manchmal ging es einfach nicht.
    Sehr gern las ich Lewis-Stempel, „ein Stück Land“. Ein wenig Sehnsucht mit ganz viel Realität. Und noch mal „Die Chroniken von Maradine“ als Hörbuch gehört, obwohl schon bei Erscheinen verschlungen.
    Ich drück uns einfach ganz feste die Daumen. Immer an das Licht denken und glauben (sorry, schaue just Star Wars)
    Einen gesunden Jahreswechsel mit viel Glück
    Nina

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  2. jacquysthoughts

    Sehr interessante Buchauswahl! Von den Büchern von Rovelli sind direkt welche auf meiner Merkliste gelandet und auch „The Offing“ möchte ich jetzt unbedingt lesen. Da hast du mich richtig neugierig gemacht 🙂
    Mir gefällt die Entscheidung, nur auf die positiven Erinnerungen zurückzublicken, so habe ich es auch gehalten.

    Ich wünsche dir noch ein gutes neues Jahr!

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  3. Sebastian

    Den ersten Band der Mycroft-Holmes-Reihe habe ich auch vor rund anderthalb Jahren gelesen, mir blieb dabei aber etwas das typische Holmes-Feeling auf der Strecke – was ja einerseits klar ist, schließlich geht es hier mal in erster Linie ausnahmsweise nicht um Sherlock, vielleicht hatte ich aber einfach mehr viktorianisches London erwartet. Würde der Reihe aber auf jeden Fall noch eine Chance geben, denn unterhalten hat mich das Buch dennoch ganz gut.
    Mit Klassikern tue ich mich oft etwas schwer und finde die meisten berühmten Werke eher langweilig und ermüdend, „Frankenstein“ würde ich aber definitiv auch zu den besseren zählen und das lässt sich heute immer noch gut lesen.
    Das Foto zu „The Offing“ finde ich übrigens immer noch super! 😀

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    1. Karo

      Erstmal: Sorry für die späte Rückmeldung. Dass beim ersten Mycroft Holmes Buch das „Holmes Feeling“ fehlt, kann ich gut nachvollziehen. Schließlich ist London davon ein elementarer Bestandteil. Buch zwei spielt aber komplett in London, da kommt dann auch wieder mehr von diesem Feeling auf. Es lohnt sich also bestimmt, wenn du da nochmal reinschnupperst 🙂

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  4. Eli

    Frankenstein habe ich 2020 auch zum ersten Mal gelesen. Ein richtig gutes Buch und – wie zumindest ich finde – ganz anders und wesentlich besser, als die ganzen Frankenstein-Verfilmungen, die ich bis jetzt gesehen habe.

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  5. Thomas Sosnowski

    Ein . wie überhaupt die ganze Webseite – witzig und anregend formulierter Artikel.
    Man merkt Dir an, wieviel Herzblut Du hineinsteckst, und dieser Enthusiasmus färbt auch auf den Leser ab.
    Vielen Dank für die vielen Tipps, ich arbeite mich langsam voran.
    Ohne Dich häte ich, trotz einer großen Vorliebe für englischsprachige Bücher, Denning und Lovegrove vielleicht nie entdeckt – und das wäre doch sehr schade gewesen 🙂

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    1. Karo

      Thomas! Dein Kommentar macht mich grad total happy! Danke dafür 😊 Manchmal fragt man sich ja, ob sich der ganze Aufwand hier lohnt. Und dann sagen Worte wie deine: Ja, lohnt sich. Made my day!

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      1. Thomas Sosnowski

        Oh, dann hätte ich schon eher etwas schreiben sollen. 😄
        Mir gefallen Deine Artikel nicht nur wegen der Informationen, sondern auch weil Du genau meinen Humor triffst.
        A propos: hast Du mal P.G. Wodehouse eine Chance gegeben?
        Auf alle Fälle freue ich mich, daß es dich freut. 😊

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