[Gelesen] Jem Lester: Shtum

Nein, nein, ich habe mich nicht verschrieben. Das Wort ’shtum‘ gibt es wirklich. Es stammt aus dem Jiddischen, bedeutet, wie man vielleicht schon herleiten kann, so viel wie „stumm“, „still“ oder „sprachlos“ und beschreibt die Familie Jewell im Grunde perfekt: Der 10-jährige Jonah ist Autist und hat seit 8 Jahren kein Wort mehr gesprochen – er lebt buchstäblich in seiner eigenen Welt. Doch Jonah ist nicht der einzige in dieser Familie, der seine Gefühle nicht verbal artikulieren kann. Seine Eltern, Ben und Emma, beispielsweise sprechen nie über die Probleme ihrer Beziehung. Als diese schließlich zerbricht, zieht Ben mit Jonah notgedrungen zu seinem Vater Georg – zu dem er allerdings nie ein besonders gutes Verhältnis hatte. Drei Männer unter einem Dach, von denen einer nicht sprechen kann und zwei es nicht wollen – das klingt nicht besonders harmonisch. Ist es natürlich auch nicht.

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Im Klappentext heißt es:
Ten-year-old Jonah lives in a world of his own.
He likes colours and feathers and the feel of fresh air on his skin.
He dislikes sudden loud noises and any change to his daily routine.
Jonah has never spoken, yet somehow he communicates better than all of the adults in his life.‘
Obwohl das durchaus nach einer Geschichte klingt, die mir potentiell gefallen könnte, war es letztendlich eine Kurzrezension auf der ersten Seite, die mich zum Kauf bewogen hat. Dort stand, Shtum wäre „a darker, sadder version of ‚The Curious Incident of the Dog in the Night-Time‘, but just as moving.“
Nun, The Curious Incident of the Dog in the Night-Time von Mark Haddon (Deutscher Titel: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone) ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Verständlich also, dass mich ein Vergleich wie dieser aufhorchen lässt. Allerdings erweckt ein solcher Verweis natürlich auch gewisse Erwartungen – die in diesem Fall leider nicht erfüllt wurden. Denn Shtum ist in meinen Augen überhaupt nicht mit The Curious Incident […] zu vergleichen – schon allein weil The Curious Incident […] von einem autistischen Jungen und Shtum vom Vater eines autistischen Jungen erzählt wird. Dementsprechend liegt auch der Fokus ganz woanders. The Curious Incident of the Dog in the Night-Time beschreibt die Welt aus Sicht eines Autisten (und eröffnet dem Leser deshalb eine vollkommen neue Perspektive) während Shtum sich eher mit dem Umfeld eines Autisten beschäftigt – eine Draufsicht sozusagen. Die einzige Gemeinsamkeit ist für mich, dass in beiden Büchern autistische Personen vorkommen. Das ist in etwa so, als würde man über sämtliche Bücher in denen Zauberer vorkommen, sagen, sie wären traurigere, fröhlichere, erwachsenere oder modernere… Versionen von Harry Potter.
Wobei ich natürlich nicht sagen will, dass Shtum deswegen ein schlechtes Buch ist. Keineswegs! Aber der Vergleich hat eben ein paar falsche Erwartungen geweckt.

Was mir an Jem Lesters Debütroman besonders gefiel und mich auch ein Stück weit beeindruckt hat, ist die brutale Ehrlichkeit der Erzählung. Viele Menschen haben die Vorstellung, dass autistische Kinder ein vorborgenes Talent haben und auf einem bestimmten Gebiet Genies sind. Und auch wenn es autistische Kinder mit derartigen Begabungen gibt, trifft das längst nicht auf alle zu. Was Shtum gut beschreibt, ist der schwierige Alltag mit einem 10-jährigen Jungen, den seine Eltern zwar über alles lieben, der jedoch nicht spricht, der fremde Menschen anpinkelt, dabei lacht, dessen Gefühlsausbrüche unberechenbar sind und von dem sich die Eltern nichts mehr wünschen, als dass er irgendwann lernt, selbst auf die Toilette zu gehen.
Der Autor weiß dabei genau wovon er spricht, denn auch er hat einen autistischen Sohn und hat dieses Buch unter anderem genau deshalb geschrieben, weil Menschen nicht aufgehört haben ihn zu fragen, was denn die geheime Begabung seines Sohnes sei. Dieser eindeutig autobiografische Einschlag verleiht dem Buch natürlich eine ungeheure Authentizität.

Was mich allerdings etwas störte ist, dass Shtum im Grunde nicht – wie es einem der Klappentext glauben machen will – Jonah in den Fokus stellt, sondern seinen Vater Benjamin, der in meinen Augen nicht unbedingt ein Sympathieträger ist. Zwar muss ich den Hauptcharakter nicht zwingend sympathisch finden um eine Geschichte zu mögen, aber Benjamins Gewälze in seinem Selbstmitleid gepaart mit seinem Alkoholproblem und der Tatsache, dass er irgendwie nichts so richtig auf die Reihe bekommt und in seiner Verplantheit sogar den Geburtstag des eigenen Sohnes vergisst, gingen mir ehrlich gesagt nach einer gewissen Zeit etwas auf die Nerven.

Vielleicht war es diese Antipathie die in mir das Gefühl hervorrief, dass mich dieses Buch zwar bewegen will, es aber nicht ganz schafft. Auf dem Cover stehen Lobpreisungen wie: „It’s a book that breaks your heart“ oder „An emotive, button-pushing read“. Das kann ich zwar nicht bestätigen, aber Shtum ist trotzdem eine ganz interessante und vor allem sehr ehrliche Geschichte.


Infos zum Buch
Titel: Shtum
Autor: Jem Lester
Verlag: Orion
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-1409162988
Seiten: 336
Deutscher Titel: Bisher nicht erschienen

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