Der Geisterjäger, der Sherlock Holmes erfand: Arthur Conan Doyle und Spiritismus

BOO!
Bei den #bakerstreetblogs wird es heute gruselig! Sabine berichtet auf Ant1heldin von der Kriminologie in viktorianischen Zeiten und stellt die Frage, ob Sherlock Holmes den schrecklichsten Kriminalfall seiner Zeit hätte lösen können. Lasst euch das später nicht entgehen! Ich werfe derweil einen Blick in das Reich der Toten und befasse mich mit Sir Arthur Conan Doyles Spiritismus und seiner Leidenschaft für Geister, Feen und Séancen. Was Sherlock Holmes wohl davon halten würde? Wir werden es gleich sehen.

BeitragsbildSpiritismus6

Denke ich an Geister, kommt mir als erstes der Titelsong der Ghostbusters in den Sinn – ich kann nichts dagegen tun, er startet ganz automatisch. Daher lautet unsere Einstiegsfrage heute: If there’s something strange in your neighborhood – you gonna call?
Nun, wenn ihr nach einer rationalen Erklärung sucht, dann vermutlich Sherlock Holmes. Alles Übernatürliche wird sich nach kurzer Ermittlungsarbeit seinerseits als irdisch entpuppen. Holmes hält sich dabei stets an seinen Leitsatz: Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag.
Was für die ‚Denkmaschine‘ Holmes zum Unmöglichen gehört? Definitiv Geister, Dämonen und Gespräche mit den Toten. Umso erstaunlicher ist es daher, dass sein Schöpfer, Sir Arthur Conan Doyle, derartige Dinge keineswegs als Humbug abtat, sondern einen großen Teil seines Lebens darauf verwendet hat, über Spiritismus zu predigen. Ja, der Vater von Sherlock Holmes glaubte an Geister, an die Kommunikation zwischen Toten und Lebenden und sogar an kleine, tanzende Feen.

Was ist Spiritismus?

Bevor wir in das Thema einsteigen, sollten wir vielleicht die Frage klären, was mit Spiritismus überhaupt gemeint ist: Der Begriff bezeichnet den Glauben an Geister und die Beschwörung von Gespenstern oder Geistern Verstorbener, die mit Hilfe eines Mediums mit dem Diesseits kommunizieren können. Wegen falscher Übersetzung des englischen spiritualism wird hierzulande auch der Begriff Spiritualismus verwendet – obgleich er eigentlich eine andere Bedeutung hat. Klar soweit? Dann geht es los.

Spiritismus im historischen Kontext

Die Spiritismus-Bewegung nahm ihren Anfang 1846 in Hydesville, New York. Die Schwestern Margaret und Kate Fox behaupteten, mit dem Geist eines Mannes kommunizieren zu können, der vor vielen Jahren in ihrem Haus ermordet wurde. Man hörte es poltern und klopfen in dem Haus und die Vorfälle lockten bald Besucher und die Zeitungen an. Berichterstattungen verbreiteten sich über den amerikanischen Kontinent.

Nach Großbritannien schwappte der Trend allerdings erst so wirklich, als die Amerikanerin Maria B. Hayden London besuchte, und ihre Dienste als Medium anbot. Sie hielt Séancen ab und kommunizierte angeblich mit Geistern. Sie beeindruckte Besucher u.a. damit, dass sie Dinge über sie wusste, die sie eigentlich nicht wissen konnte – zum Beispiel, in welcher Unterkunft sie lebten. Da sich Haydens Vorstellungen großer Beliebtheit erfreuten und sich als lukratives Geschäft erwiesen, boten auch einheimische ‚Medien‘ bald Séancen an.

Der Spiritismus stieß im viktorianischen Großbritannien auf extrem fruchtbaren Boden. Denn viele Viktorianer begannen zu dieser Zeit, sich von der konventionellen Religion abzuwenden. Die viktorianische Epoche steht für wissenschaftlichen und technologischen Aufschwung. Paradoxerweise sorgte aber genau dieser Aufschwung dafür, dass das Paranormale, Okkulte und Übernatürliche für die Menschen einen gewissen Reiz ausübte. Man wollte glauben, aber wusste einfach nicht mehr so recht woran. Charles Darwins Theorien erklärten, wir wären Affen und stellten den biblischen Kreationismus in Frage. Das transatlantische Telegrafenkabel und, einige Jahre später, die Erfindung des Telefons erlaubten Kommunikation mit einer Geschwindigkeit, die bis dato nie dagewesen war. Wenn es also möglich war, mit Menschen über einen Ozean hinweg zu kommunizieren, warum dann nicht mit Seelen aus dem Reich der Toten? Alles schien plötzlich möglich! Hinzu kam, dass der Tod ein allgegenwärtiger Begleiter war – die Sterberate war extrem hoch. Menschen arbeiteten sich in den Fabriken zu Tode, wurden von Tuberkulose und Cholera dahingerafft, Kinder starben an Krankheiten, für die es heute Impfungen und Heilungen gibt: Pocken, Masern, Scharlach. Der Wunsch, mit den geliebten Verstorbenen zu kommunizieren, war daher ein nur allzu verständlicher.

Der Spiritismus faszinierte viele Menschen unterschiedlichster sozialer Schichten. Auch wenn es zur damaligen Zeit bereits vehemente Gegner der Bewegung gab, die Séancen und andere paranormale Phänomene als Scharlatanerie enttarnen wollten, war bald eine Subkultur entstanden. Es gab diverse spiritistische Zeitschriften und Pamphlete und private und öffentliche Séancen erfreuten sich großer Beliebtheit. Ja, selbst Queen Viktoria nahm an Séancen teil.

Vom Mediziner zum Ghostbuster

Arthur Conan Doyle wurde streng katholisch erzogen, begann aber später den Glauben in Frage zu stellen und sah sich selbst zunächst als Agnostiker. Nach seinem Medizinstudium eröffnete er eine Praxis in Southsea. Als Mann der Wissenschaft war sein Interesse am Thema Spiritismus zunächst professioneller Natur. Mit Spiritismus im Zusammenhang stehende Phänomene wie Hypnose versprachen eine Ergänzung zur Schulmedizin zu sein und man experimentierte zu dieser Zeit mit solchen Verfahren unter anderem zur Behandlung von Epileptikern.
Ein Patient Doyle’s, General Drayson, lud ihn eines Tages ein, in seinem Haus an einer Séance mit ‚Tischrücken‘ teilzunehmen. Die Erfahrung beeindruckte Doyle sehr und er veröffentlichte 1887 einen Bericht dazu im spiritistischen Magazin “The Light”. In seinen Memoiren berichtet Doyle: I was so impressed that I wrote an account of it to Light, the psychic weekly paper, and so in the year I actually put myself on the public record as a student of these matters.
Doyle war fasziniert und begann, sich eingehender mit Spiritismus zu beschäftigen. Im Jahr 1893 trat er der British Society for Psychical Research bei. Diese Gesellschaft hatte es sich zur Aufgabe gemacht, paranormale Phänomene „wissenschaftlich“ zu untersuchen. Hier befand sich Doyle in guter Gesellschaft. Andere Mitglieder waren u.a. der spätere Premierminister Arthur Balfour, der Philosoph William James und der Naturforscher Alfred Russell Wallace.

Ein Jahr später bat ein gewisser Colonel Elmore die Gesellschaft, merkwürdige Geräusche in seinem Haus in Dorset zu untersuchen. Nachts konnten Elmore und seine Familie die Geräusche von Ketten, die über den Holzboden schleiften, und ein qualvolles Stöhnen hören.
Zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern der Gesellschaft nahm sich Doyle der Sache an. Die drei Geisterjäger verbrachten mehrere Abende in dem Haus. Zwar hörten sie merkwürdige Geräusche, konnten aber die Quelle nicht identifizieren. Doyle verließ Dorset unsicher, ob das Haus tatsächlich verflucht war, oder ob es sich um einen Scherz gehandelt hatte.
Später jedoch wurde die Leiche eines ca. 10-jährigen Jungen auf dem Anwesen entdeckt. Doyle war sich danach sicher, er hätte übersinnliche Phänomene beobachtet, die durch den Geist des Kindes verursacht wurden.

In den Jahren des ersten Weltkrieges nahm Arthur Conan Doyles Interesse am Thema Spiritismus immer weiter zu. In den Kriegsjahren verlor er mehrere Familienmitglieder, u.a. seinen Sohn Kingsley. Doyle konnte und wollte einfach nicht glauben, dass der Tod das letzte Kapitel des Lebens ist und war sich sicher, dass die Kommunikation mit den geliebten Verstorbenen weiter möglich sein musste. Seine Frau Jean teilte seinen Enthusiasmus und seine Ansichten. Sie fungierte als Medium und stellte den Kontakt zwischen den Welten her. Zusammen hielten sie zahllose Séancen ab, in denen Doyle, durch Jean, mit den verstorbenen Verwandten in Kontakt trat.
Doyle beschloss daraufhin, sich ganz der Studie des Spiritistischen und Paranormalen zu widmen. Er war überzeugt, dass Intelligenz außerhalb des Körpers existieren konnte und dass die Toten mit den Lebenden kommunizieren könnten. Diese Ideen wollte er mit der Öffentlichkeit teilen. Obwohl er sich bewusst war, dass sein Ruf und seine Karriere darunter leiden würden, machte er es sich zu Aufgabe, die „Fakten“ darzulegen, wie er sie kannte. Ab 1918 bereiste Doyle Städte auf der ganzen Welt und hielt Vorträge und Diskussionen zum Thema Spiritismus. Seine Vortragsreise begann in Großbritannien und führte ihn in viele Städte Amerikas, Australiens, Neuseelands, Südafrikas und Europas. Seine liebenswürdige Art und seine absolute Überzeugung machten ihn zu einem beliebten Redner und zu einem der wichtigsten Vertreter und Verfechter der Bewegung. Er schrieb außerdem 20 Bücher zu dem Thema, u.a. The New Revelation (1918), Life After Death(1918), The Vital Message (1919), the Wanderings of a Spiritualist (1921), The Coming of the Fairies (1922), The Case for Spirit Photography (1922), The History of Spiritualism (1926), Pheneas Speaks. Direct Spirit Communication in the Family Circle (1927).

Doyle und Houdini – Der Spiritist und der Magier

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Werbeplakat „Do Spirits Return?“ – Quelle: Wikimedia Commons

Während der Zeit seiner großen Spiritismus-Tour traf Doyle 1920 erstmals auf einen seiner bekanntesten Zeitgenossen: Den Entfesslungskünstler Harry Houdini.
Nach dem Tod seiner geliebten Mutter hatte auch Houdini begonnen, sich für Spiritismus zu interessieren. Er besuchte mehrere Medien und nahm an Séancen teil, kam aber vorerst zu dem Schluss, dass es sich dabei um Betrug und Scharlatanerie handelte.

Trotz ihrer unterschiedlichen Sichtweisen wurden Doyle und Houdini Freunde. Doyle dachte sogar, Houdini besäße selbst einige übersinnliche Kräfte – auch wenn dieser das verneinte. Dennoch fühlte er sich vom Interesse des Schöpfers von Sherlock Holmes geschmeichelt. Er hätte auch nur zu gerne an den Spiritismus geglaubt und sich von Doyles Sichtweisen überzeugen lassen – wenn er doch nur mal ein echtes Medium treffen würde, das Kontakt zu seiner Mutter aufbauen könnte.

Als das Ehepaar Doyle zwei Jahre später in Atlantic City wieder auf Houdini traf, schlug Doyle vor, man solle eine Séance abhalten. Jean war überzeugt, sie könnte Houdini helfen, endlich Kontakt mit seiner Mutter aufzunehmen.
Im Zuge der Séance schrieb Jean in Trance 15 Seiten mit Nachrichten, die sie angeblich von Houdinis Mutter empfangen hatte. Houdini zweifelte zwar nicht daran, dass die Doyles ihm wirklich helfen wollten, aber bezweifelte, dass er hier tatsächlich eine Nachricht seiner Mutter erhalten hatte. Die vermeintlichen Botschaften waren in Englisch – eine Sprache, die Houdinis Mutter nicht sprach. Außerdem fand die Séance am Geburtstag seiner Mutter statt, wovon auf den 15 Seiten keine Rede war. Beides kam Houdini ausgesprochen verdächtig vor.

Houdini teilte seine Zweifel ein paar Monate später öffentlich. Er erklärte, dass Spiritismus Humbug sei und ließ verlauten: Up to the present time everything that I have investigated has been the result of deluded brains.
Er tourte durch das Land und enttarnte die Tricks und Betrügereien von Medien, Wahrsagern und anderen, die behaupteten, mit den Toten zu kommunizieren.
Arthur Conan Doyle ließ sich davon nicht von seinem Standpunkt abbringen – sein Glaube war ungebrochen. Die Freundschaft der beiden Männer erholte sich von diesem Schlag jedoch nicht und fiel letztendlich den unterschiedlichen Ansichten der beiden zum Opfer.

Die Cottingley Fairies, Geisterfotografien und Hausgeister

Nun könnte man natürlich sagen: Ja mein Gott, der Mann hat an Geister geglaubt – da ist er ja wohl bei Weitem nicht der einzige. Damit hätte man zweifellos recht. Aber Arthur Conan Doyle legte nicht nur einen unerschütterlichen Glauben, sondern auch eine bemerkenswerte Leichtgläubigkeit an den Tag, bei der seine berühmteste Schöpfung, Sherlock Holmes, vermutlich nur mit dem Kopf schütteln würde.

 

 

Doyle glaubte beispielsweise daran, dass einige Fotografen mit besonderen spiritistischen Fähigkeiten gesegnet waren, die es ihnen erlaubten, Geister zusammen mit realen Personen abzulichten. Er selbst ließ sich mehrfach mit vermeintlichen Geistern fotografieren. Die Methoden der Fotografen wurden bereits zur damaligen Zeit als Schwindel enttarnt, doch davon ließ sich Doyle nicht beirren. Er schrieb sogar ein Buch mit dem Titel The Case for Spirit Photography zu diesem Thema. Darin verteidigte er den Fotografen William Hope, gegen den zuvor Vorwürfe des Betrugs laut geworden waren, und versuchte zu belegen, dass die Fotografien – trotz erdrückender Beweislast – echt seien.

Abgesehen von den, mit ihm fotografierten, Geisterscheinungen hatte Doyle außerdem einen ganz persönlichen Geist, der ihm mit Rat und Tat zur Seite stand. Es handelte sich dabei um einen Araber aus Ur in Mesopotamien, der nun den Namen „Pheneas“ trug. Doyle befolgte Pheneas‘ Ratschläge und Anweisungen aufs Wort. Allerdings konnte auch dieser Geist nur durch Doyles Frau, Jean, mit ihm kommunizieren. Ein direkter Austausch fand nicht statt und Pheneas überbrachte Doyle auffallend oft die Nachricht, dass Jean eine hervorragende Ehefrau sei. Irgendwie verdächtig, wenn ihr mich fragt.

Das bemerkenswerteste Beispiel für Doyles Leichtgläubigkeit sind aber wohl die Fotografien der Cottingley Fairies.
Im Jahr 1917 produzierten zwei junge Mädchen, Elsie Wright und ihre Cousine Frances Griffiths, in ihrem Garten in Yorkshire eine Reihe von Fotografien, auf denen vermeintlich echte Feen zu sehen waren. Doyle untersuchte die Fotos und sendete Negative an zwei verschiedene Stellen zum Testen. Vertreter der Firma Kodak in London sagten zwar, dass die Negative nicht manipuliert wurden, gaben aber gleichzeitig an, dass sie solche Fotos ohne größere Schwierigkeiten nachstellen könnten. Sie konnten daher nicht bestätigen, dass es sich dabei wirklich um Fotografien von Feen handelt.
Der zweite ‚Experte‘, Harold Snelling, bestätigte Doyle jedoch, dass diese Fotos echt seien – was Doyle nur allzu gern akzeptierte. Denn das Urteil vertrug sich sehr gut mit seiner etwas ritterlichen Auffassung, dass zwei junge Mädchen wohl sicherlich nicht in so einer Sache lügen würden. (Hört ihr Sherlock Holmes auch gerade ein bisschen lachen?)
Doyle schrieb daraufhin das Buch The Coming of the Fairies, in dem er erklärte, dass Feen tatsächlich existieren würden und die Fotografien der Beweis dafür seien. Das Buch wurde von der Presse zerrissen und man machte sich öffentlich darüber lustig. Für viele war dies der Beweis, dass Arthur Conan Doyle den Bezug zur Realität endgültig verloren hatte – und seinen Verstand gleich mit.

Was Sherlock Holmes wohl davon halten würde?

Während der Vortragsreise zum Thema Spiritismus richtete ein schwedischer Journalist eine Frage an Doyle, die vermutlich allen – heute wie damals – im Kopf umhergeisterte: „Was glauben Sie, würde Sherlock Holmes sagen, wenn man ihn mit dem Phänomen des Spiritismus konfrontieren würde?“
Doyle erwiderte darauf, dass Sherlock Holmes ja gewissermaßen ein Teil von ihm sei und dass der Detektiv die ganze Sache, unter Anwendung seines Scharfsinns, daher mit denselben Augen betrachten würde, wie er selbst.

Ich will mir natürlich nicht anmaßen, den Detektiv besser zu kennen, als sein Schöpfer. Aber der Gedanke, dass Holmes an Feen, Geister und sonstige spiritistische Phänomene glauben könnte, ist in meinen Augen einfach absurd!
‚Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrigbleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag‘, so heißt es in den Sherlock Holmes Geschichten. Der Unterschied zwischen Doyle und Holmes ist in diesem Fall offensichtlich: Die Definition von dem, was unmöglich ist.
Doyle war offenbar davon überzeugt, dass es für Spiritismus Beweise gäbe, die auch einer Prüfung des rationalsten Detektivs standhalten würden.

Holmes, der alles Übernatürliche kategorisch ausschließt, würde aber für das, was Doyle für spiritistische Beobachtungen hält, recht bald Erklärungen finden. So würde er vermutlich darauf hinweisen, dass Medien und Wahrsager oft dieselben Methoden und Fähigkeiten nutzen, wie er selbst: Beobachtung und Deduktion. Wir erinnern uns vielleicht an das erste Treffen zwischen Holmes und Watson in A Study in Scarlet, bei dem Holmes sofort Dinge über Watsons Vergangenheit wusste, ohne dass die beiden je ein Wort miteinander gewechselt hätten. Ist das Medium also ein guter Beobachter, wird er oder sie vermutlich keine großen Probleme damit haben, Dinge von der Kleidung, dem Akzent, oder vielleicht auch nur von der, aus der Tasche ragenden, Hotelrechnung abzuleiten und dies als Information aus dem Reich der Toten zu verkaufen. Und wenn das Medium, so wie bei Doyle, die eigene Ehefrau ist, wird die ganze Sache noch um ein Vielfaches einfacher.
Und die Feen? Bah, Humbug! Holmes würde unsere Aufmerksamkeit vermutlich darauf lenken, dass die Feen etwas schärfer auf den Fotos zu sehen sind als die Mädchen. Das liegt daran, dass Kameras zur damaligen Zeit eine längere Auslösezeit hatten und dadurch beinahe immer eine gewisse Bewegungsunschärfe entstand – es sei denn, man atmet nicht. Diese Feen hier tanzen sogar und könnten von der Kamera trotzdem gut eingefangen werden. Sie werfen außerdem keine Schatten. Wie kann das sein?
Nun, bei den Feen handelt es sich um ausgeschnittene und mit Hutnadeln befestigte Zeichnungen – wie eine der beiden Damen schließlich auch nach Jahren zugab.
Aber was ist mit dem persönlichen Hausgeist, Pheneas, dessen Ratschläge die Welt der Lebenden nur durch Lady Jean erreichen? Elementary – aber sowas von! Eine schöne Methode, um den leichtgläubigen Ehemann zu kontrollieren. Schatz, Pheneas hat gesagt, du musst noch den Müll rausbringen. Und zwar zackig!

Es scheint fast, als würde Doyle die Methoden seines Detektivs – die ja, wie er sagte, ein Teil von ihm waren – absichtlich ignorieren. Dennoch muss man Doyle eines zugutehalten: Er nutze Sherlock Holmes nie, um seine Ansichten zu verbreiten. Wie einfach wäre es gewesen, der riesigen Leserschaft einen Fall zu präsentieren, in dem Holmes keine rationale Erklärung für ein paranormales Phänomen findet? Wenn selbst Sherlock Holmes die Existenz von Geistern akzeptieren würde, dann müsste an den Ideen etwas dran sein! Dieser Gedanke muss für Doyle verlockend gewesen sein. Aber immer, wenn wir in den Geschichten auf vermeintlich Übernatürliches treffen, passiert das, was wir von Holmes erwarten würden. Er präsentiert eine rationale, (meistens) logische, irdische Lösung – und ich denke, dafür können wir Arthur Conan Doyle dankbar sein. Der vermeintliche Geisterhund aus The Hound of the Baskervilles stellt sich als, mit Phosphor bepinselte, Dogge heraus; der Vampir aus The Sussex Vampire ist in Wahrheit eine besorgte Mutter, die ihr Kind vor einer Vergiftung retten will und die vom Teufel besessenen Männer aus The Devil’s Foot sind einem Anschlag mit biologischen Waffen zum Opfer gefallen.
Doyle war rational genug, zu wissen, dass die Denkmaschine Holmes und Spiritismus nicht zusammenpassen. Er ließ Holmes daher einfach Holmes sein. Der Detektiv bleibt in der materiellen Welt verwurzelt, auch zu einer Zeit, in der Doyle bereits sehr tief in die Welt des Spiritismus eingetaucht war. So lässt Doyle seinen Detektiv in The Sussex Vampire (1924) sogar sagen: „This agency stands flat-footed upon the ground and there it must remain. The world is big enough for us. No ghosts need apply.“

Fazit

Der Gedanke, dass der Schöpfer von Sherlock Holmes an Geister glaubte, mutet auf den ersten Blick merkwürdig an – vielleicht auch auf den zweiten und dritten. Aber das Kommunizieren mit den Toten und andere spiritistische Praktiken waren in viktorianischen Zeiten nichts Ungewöhnliches – selbst die Queen tat dies von Zeit zu Zeit.
Die Geschichte von Doyles Spiritismus hat außerdem eine recht tragische Komponente. Sie erzählt von einem Mann, der viele geliebte Menschen verloren hat und nicht akzeptieren konnte, dass er nie wieder mit ihnen sprechen kann. Man sollte also vielleicht nicht so hart mit ihm ins Gericht gehen.
Dennoch ist es bemerkenswert, dass Doyle Täuschungen nicht erkannte, die sein Detektiv – würde man sie ihm in einer seiner Geschichten vorlegen – in Sekunden aufdecken würde. Der Kontrast zwischen Holmes‘ rationalen Methoden und Doyles spiritistischem Glauben ist daher vor allem eines: Ein weiteres faszinierendes Kapitel rund um den Mythos Holmes.

Nachdem es bei mir nun zwischen Feen und Hausgeistern eigentlich noch ganz nett war, wird es bei Sabine nun etwas düsterer. Lest HIER ihren Artikel über Kriminologie und die Frage, wie Holmes wohl den berühmten Ripper Fall angegangen wäre.


Falls ihr mehr zum Thema erfahren wollt – die Informationen zu diesem Artikel stammen aus diesen, sehr empfehlenswerten, Quellen:

Literatur
Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock, btb Verlag, 2015
Podcast
Stephen Fry’s Victorian Secrets, Ep.11: Séance, Science and Messiahs
Web
Victorian Web: Arthur Conan Doyle’s Interest in Spiritualism
Victorian Web: Victorian Spiritualism
Conan Doyle Info: Conan Doyle and Spiritualism

5 replies

  1. Hi. Hast Du Dir wieder eine Mühe gegeben. Ja, wir können uns das überhaupt nicht mehr vorstellen. Na ja, nicht ganz, in Edinburgh sind wir am Sir Arthur Conan Doyle Center, dem lokalen Verbandes der Spiritisten vorbei gekommen. Jedem das seine…
    Liebe Grüße
    Nina

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  2. Bin gerade über diesen Artikel gestolpert und muss sagen, dass ich ca. 2/3 noch nie gehört hatte. Danke also für deine Aufklärungsarbeit 😊. Habe mich noch nie so im Detail mit diesem Autor befasst. Aber jetzt habe ich direkt Lust bekommen ein paar Sherlock Holmes Stories zu lesen !

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    • Wie cool! Ich kann The Hound of The Baskervilles sehr empfehlen. Definitiv eine der coolsten Stories und selbst, wenn man Holmes nicht so mag, einfach ein guter Krimi!

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  3. Ah, cooles Thema! Ich bin schon mehrmals in der Vergangenheit in verschiedenen anderen Medien auf die Freundschaft Houdinis und Doyles aufmerksam geworden, auf Spiritusmus und Doyles Geisterglauben. Losgelöst von deinem Beitrag war das zuletzt im Podcast „Lore“ Ende November oder Anfang Dezember, wo Doyle auch wieder Thema war. Der Podcast könnte evtl dein Beuteschema treffen, da er ein gelungener Mix aus Mythen, Sagen, Geschichte und möglichen realweltlichen Erklärungen ist. Manchmal kommt er aber auch bei „kann man nicht erklären“ raus.

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