Simply the Best – Lieblingsbücher 2021

Na wer kommt denn da aus dem Loch gekrochen?
Ja, ehm, hallo, ich bin’s mal wieder. Ich weiß, es gab hier in letzter Zeit nicht so viel zu sehen. Zu meiner Verteidigung möchte ich aber sagen: Aus Gründen. Wie alle Menschen auf diesem Planeten bin ich genervt vom zweiten Pandemie-Jahr. Erschöpft und besorgt wegen der allseits um sich greifenden Abkehr von Fakten. Ich habe mich in diesem Jahr oft gefühlt wie ein Teenager. Und damit meine ich, dass meine vorherrschende Emotion Wut war. Das war ganz schön anstrengend. Hinzu kamen gravierende medizinische Probleme in der Familie. Sich zu sorgen ist auch ziemlich kräftezehrend – glücklicherweise ist aber alles gut gegangen. Und dann habe ich mich zum Ende des Jahres entschieden, einen Etsy-Shop mit meinen Linoldrucken zu eröffnen. (Hab‘ ich hier auf dem Blog eigentlich schon mal über meine geekigen Linoldrucke gesprochen? Ich glaube nicht. Aber das wär‘ vielleicht besser ein Thema für einen anderen Artikel, falls es euch interessiert.) Wie auch immer, was ich sagen will ist, mir fehlten Kraft und Zeit zum Bloggen. Und leider auch zum Lesen. 2021 ist das erste Jahr, in dem ich mein selbst auferlegtes Lese-Ziel von 52 Büchern nicht schaffe. Der Zähler steht bei 43. Aber eigentlich interessiert sich niemand für die Anzahl der gelesenen Bücher, oder? Was ihr vielleicht aber wissen wollt: Wie waren die denn so? Kann ich welche davon empfehlen? Oh ja, das kann ich!
Es fiel mir in diesem Jahr oft schwer, mich aufs Lesen zu konzentrieren. Der erfreuliche Nebeneffekt davon ist, dass ich meistens nur Bücher ausgelesen habe, die mich wirklich gepackt haben. Ein Blick in meinen Goodreads Account verrät mir, dass die Quote der Bücher, die ich mit 5 Sternen bewertet habe, in diesem Jahr recht hoch ist. Aber was soll das überhaupt heißen „5 Sterne“? Diesen Wert definiert ja jede:r anders. Das Sterne-Bewertungssystem ist subjektiv bis zum Get-No. Bei mir ist es folgendermaßen: Ich gebe einem Buch 5 Sterne, wenn es mich nach dem Lesen noch lange bewegt, wenn es mich etwas Fundamentales lehrt oder wenn ich weiß, dass ich nie (oder zumindest nicht in absehbarer Zeit) vergessen werde, es gelesen zu haben. Ein Buch, das okay war, bekommt 3 Sterne, 4 Sterne gibt es für ein sehr gutes Buch und 5 Sterne für ein Buch, das nachhallt. Normalerweise schmuggle ich hier in diesen Jahresrückblick auch ein paar 4-Sterne-Bücher. In diesem Jahr gab es so viele 5-Sterne-Kandidaten, dass das rein platztechnisch nicht möglich war. Nur die Elite also, die Créme de la Créme . Dabei ist, wie immer, alles: Fiction und Non-Fiction, Neuerscheinungen und Klassiker. Hier sind 8 Bücher, die mich 2021 bewegt haben und die ich so schnell nicht vergessen werde.

H is for Hawk

von Helen Macdonald

Here’s a word. Bereavement. Or, Bereaved. Bereft. It’s from the Old English bereafian, meaning ‘to deprive of, take away, seize, rob’. Robbed. Seized. It happens to everyone. But you feel it alone. Shocking loss isn’t to be shared, no matter how hard you try.

Auch wenn Titel und Cover von H is for Hawk (H wie Habicht) ein anderes Bild vermitteln, geht es in diesem Buch nicht nur um Vögel. Es geht auch – und vielleicht sogar vorrangig – ums Menschsein. Helen Macdonald berichtet in H is for Hawk davon, wie sie nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters in ein tiefes Loch stürzt. Ein Loch, aus dem sie sich mit ihrer Leidenschaft, der Falknerei, zu befreien versucht. Sie widmet sich einem ambitionierten Vorhaben, der Zähmung eines Habichts.
Wir begleiten Helen und das Habichtweibchen Mabel auf auf dieser Reise, streifen mit ihnen durch die Natur, lernen viel über Greifvögel und Falknerei. Doch es geht Helen nicht gut. Die Zähmung des Vogels ist gleichzeitig der Versuch, die eigene Seele im Zaum zu halten. Sie ist verletzt, sie trauert, sie isoliert sich, sie möchte wie Mabel sein: wild, gefühllos und frei. Ein Wunsch, der Helen letztendlich an den Rand der Entmenschlichung führt. Sie braucht dringend Hilfe – und findet sie zum Glück auch.
H is for Hawk erzählt davon, sich selbst zu verlieren und sich wieder zu finden. Es ist ein Buch über Trauer, Natur und die Frage, was uns menschlich macht. Ehrlich, ungeschönt, traurig – lesenswert!

Titel: H is for Hawk; Autorin: Helen Macdonald; Verlag: Vintage; ISBN: 978-1784701444, Erstveröffentlichung: 2015
Deutscher Titel: H wie Habicht; Ullstein; Übersetzung von Ulrike Kretschmer; ISBN: 978-3548377353

The Power of the Dog

von Thomas Savage

But there was no doubt in Phil’s mind of the end of that pursuit. The dog would have its prey. Phil had only to raise his eyes to the hill to smell the dog’s breath.

The Power of the Dog (Die Gewalt der Hunde) ist eines von den Büchern, die ich nur wegen Benedict Cumberbatch gelesen habe – genau wie Sherlock Holmes, Hamlet und was weiß ich nicht noch alles. Er spielt die Hauptrolle in der Verfilmung von Jane Campion, die in diesem Jahr auf Netflix erschienen ist. Ich wollte mir vorab ein Bild von der Geschichte machen. Buch lesen, Film schauen, so war der Plan. Nun ist es aber leider so, dass mich dieses Buch so beeindruckt hat, dass ich mich jetzt gar nicht bereit fühle, mir die Verfilmung anzuschauen. Denn wenn der Film die Essenz des Buches gut einfängt, ist er ein echtes Meisterwerk.

The Power of the Dog spielt in den 1920er Jahren in Montana und es geht um zwei Brüder – Phil und George Burbank – die zusammen eine Ranch betreiben. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. George ist einfach gestrickt, Phil ist hochintelligent, ein Mann mit tausend Talenten. George ist gutmütig, Phil ist grausam. George tut, was man ihm sagt, Phil hält die Zügel in der Hand. So war es schon immer, und so sollte es immer bleiben, wenn es nach Phil geht. Denn wenn es eine Sache gibt, die er hasst, dann ist es Veränderung. Er erinnert sich gern an die Zeiten, als Männer noch echte Männer waren. Schwäche zeigen? Niemals! Er selbst trägt nicht einmal Handschuhe bei der Arbeit. Schrammen, Schnitte und Kratzer machen schließlich nur Weicheiern etwas aus.
Doch auch die alte Burbank Ranch ist nicht vor Veränderungen gefeit. George heiratet überraschend eine Witwe, die nun mit den Brüdern auf der Ranch lebt. Phil setzt alles daran, dieser Frau das Leben zur Hölle zu machen. Ihren Sohn macht er zum Spielball in diesem Psychokrieg… Doch wer wird hier am Ende die Oberhand behalten? Das verrate ich jetzt natürlich nicht.
 
The Power of the Dog ist ein Buch über Stärke und Schwäche, vor allem aber ein Buch über die destruktive Kraft von toxischer Maskulinität. Der Roman, erstmals 1967 veröffentlicht, erhält sich dadurch – leider – noch immer seine Aktualität. The Power of the Dog ist beeindruckend in seiner Intensität, seiner sprachlichen Finesse und Authentizität. Der Roman ist atmosphärisch, fast gespenstisch und eindringlich. Ich habe The Power of the Dog vor 3 Monaten gelesen und es ist seither kein Tag vergangen, an dem ich nicht darüber nachgedacht habe – insbesondere über das abrupte Ende, das mich erst störte, das ich aber mittlerweile als Geniestreich sehe. Warum dieses Buch nicht bekannter ist, ist mir wirklich ein Rätsel.

Titel: The Power of the Dog; Autor: Thomas Savage; Verlag: Back Bay Books, ISBN: 978-0316082709; Erstveröffentlichung: 1967
Deutscher Titel: Die Gewalt der Hunde; btb; Übersetzung von Thomas Gunkel; ISBN: 978-3442772216

You Will Get Through This Night

von Daniel Howell

There’s a moment at the end of every day, where the world falls away and you are left alone with your thoughts. A reckoning. When the things you have been pushing to the background come forward and demand your attention…

Mit Anfang 20 habe ich unglaublich viele Youtube Videos geguckt. Ich hatte Lieblingskanäle und Playlists, schaute jeden Tag stundenlang Videos von Menschen, die aus ihrem Wohnzimmer heraus ihre Meinung kundgaben. Nach und nach flaute mein Interesse ab, ich war dem großen Youtube-Hype entwachsen. Aber ein paar wenigen Youtubern bin ich bis heute treugeblieben. Einer davon ist Daniel Howell. Wobei Youtube-Content auf seinem Kanal rar geworden ist. Nach seinem spektakulären Coming Out Video „Basically I’m Gay“, war es etwas ruhiger um Dan geworden. Doch er saß in dieser Zeit nicht untätig herum. Nein, er schrieb ein Buch über Mental Health. Ich hatte die leise Befürchtung, dass dieses Buch ein 08/15 Selbsthilferatgeber sein könnte. Dass Dan den Witz, den Sarkasmus und die Selbstironie seiner Videos hinter sich gelassen hatte und mir nun stattdessen erzählen würde, dass ich den Mount Everest besteigen könnte. Dazu müsse ich nichts weiter tun, außer täglich zu meditieren, 500 herabschauende Hunde pro Tag zu machen und aufzuhören, mir so viele Gedanken zu machen. Aber glücklicherweise ist das nicht, worum es in diesem Buch geht. Glück gehabt!

You Will Get Through This Night ist eine tolle Einführung in das Thema „Mental Health“, gespickt mit Daniels unverwechselbarem Humor, persönlichen Anekdoten und – dank der fachlichen Unterstützung der Psychologin Dr. Heather Bolton- basierend auf fundierten Fakten. Tatsächlich verspricht auch der Untertitel „A practical Mental Health guide“ dabei nicht zu viel. Das Buch bietet tatsächlich viele Erklärungen, die wichtig sind, um die Ursachen von Problemen zu verstehen und viele Übungen, die hilfreich und praktikabel sind. Das Buch erläutert zum Beispiel nützliche Methoden, um destruktive Gedankengänge zu durchbrechen und bietet viele „Mental Exercises“, mit denen man sich selbst beruhigen kann, wenn das Gedankenkarussell mal wieder den Turbogang eingeschaltet hat.
Von allen Büchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe, war You Will Get Through The Night vermutlich das Buch, das den größten Einfluss auf mein Leben hatte. Ich habe viel daraus gelernt und einige der Übungen mache ich regelmäßig. Sie sind kraft- und wirkungsvoll. Danke, Dan!

Titel: You Will Get Through This Night; Autor: Daniel Howell; Verlag: Harper Collins, ISBN: 978-0008407483; Erstveröffentlichung: 2021
Deutscher Titel: bisher nicht erschienen

The End of Everything (Astrophysically Speaking)

von Katie Mack

We are a species poised between an awareness of our ultimate insignificance and an ability to reach far beyond our mundane lives, into the void, to solve the most fundamental mysteries of the cosmos.

Wie unser Universum begann, das wissen wir mittlerweile. Stichwort: Big Bang. Doch wie sieht es am anderen Ende aus? Wie wird das Universum enden? Noch wissen es wir es nicht genau. Doch es gibt Theorien über das ultimative Ende – und die erörtert Astrophysikerin Katie Mack in The End of Everything (Astrophysically Speaking). Big Crunch, Heat Death und Big Rip, um nur mal drei dieser Theorien zu benennen, sind die Stars dieses Buches. All die Endzeitszenarien, die Katie Mack hier für Laien erläutert, sind faszinierend, einige sind wunderschön, andere einfach nur furchteinflößend.

Man kommt bei einem Thema wie diesem natürlich nicht umhin, beim Lesen in eine leichte bis mittelschwere existentielle Krise zu stürzen. Wenn sowieso alles endet, was soll dann das alles hier? Ich habe darauf keine Antwort. Aber einige Dinge sind tröstlich an der ganzen Sache: Erstens ist das Ende des Universums aller Wahrscheinlichkeit nach noch Milliarden Jahre entfernt. Es ist also wirklich nicht unser dringlichstes Problem. Zweitens ist das Ende des Universums…nun ja… universell. Es ist fair und allumfassend, für alle gleich. Darin, so finde ich, liegt etwas Schönes. Und ist es, drittens, nicht auch beeindruckend, dass unser Wissensdurst und Forschungsdrang als Spezies so groß ist, dass wir auch das letzte Mysterium in unserem Universum verstehen und vorhersagen möchten? Dass es Wissenschaftler:innen gibt, die all diese Geheimnisse entschlüsseln wollen? Und dass es Menschen wie Katie Mack gibt, die dieses Wissen so aufbereiten, dass es jede:r versteht?

Ich habe in diesem Buch so unglaublich viel gelernt. Mehr als einmal ist mir dabei die Kinnlade heruntergeklappt und ich murmelte: „Wie krass ist das denn?“ Da sehe ich über die Sinnkrise einfach mal hinweg.

Mehr zu diesem Buch, habe ich hier geschrieben: Nie war die Apokalypse schöner: The End of Everything (Astrophysically Speaking) von Katie Mack

Titel: The End of Everything (Astrophysically Speaking); Autorin: Katie Mack; Verlag: Allen Lane/Penguin; ISBN: 978-0241372333; Erstveröffentlichung: 2020
Deutscher Titel: Das Ende von allem*: *astrophysikalisch betrachtet; Piper; Übersetzung von Jens Hagestedt; ISBN:978-3492070805

The Essex Serpent

von Sarah Perry

William Ransome and Cora Seaborne, stripped of code and convention, even of speech, stood with her strong hand in his: children of the earth lost in wonder.

Jahrelang bin ich um The Essex Serpent von Sarah Perry herumschlawenzelt. Bei jedem Besuch im Buchladen zog mich das Cover magisch an. Doch jedes Mal legte ich das Buch wieder beiseite. Der Klappentext klang zu sehr nach „Historienroman trifft Love-Story“. Eine wissenschaftlich interessierte Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist, und ein gutmütiger Pfarrer überwinden ihre unterschiedlichen Ansichten und verlieben sich. Man kennt diese Art Story.
Doch dieses Jahr dachte ich, ich tue es jetzt mal. Erstens weil es das E-Book im Angebot gab und zweitens, weil ich einen Ausflug ins viktorianische Zeitalter machen wollte. In diese interessante Zeit des Umbruchs, in der Glauben und Tradition wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Aufbruch gegenüberstehen. The Essex Serpent war dafür in der Tat das perfekte Buch. Cora Seaborne und William Ransome versuchen zusammen das Geheimnis der Schlange von Essex zu ergründen. Ein ungleiches Duo, diese beiden – er ein Geistlicher, sie eine Hobbyarchäologin und -zoologin.

Aber Entdeckerdrang und wissenschaftlicher Eifer sind nur Begleiter in dieser Geschichte. Denn tatsächlich ist The Essex Serpent vorrangig eine Liebesgeschichte. Aber es ist keine plumpe 08/15 Story, kein Groschenroman, bei dem ein Pfarrer eine heimliche Affäre mit der neuen Frau im Dorf beginnt und bei der man ruft: „Los verlass endlich deine schreckliche Ehefrau, damit du mit unserer Heldin zusammensein kannst“. Williams Ehefrau ist nicht schrecklich und es gibt hier keine Love-Triangles, keine geheimen Intrigen. Alle Charaktere – in der Geschichte geht es nämlich nicht nur um Will und Cora – mögen sich und auch als Leser:in mag man alle Charaktere. Man möchte, dass sie alle glücklich werden, wohl wissend, dass dies in dieser Konstruktion nicht passieren kann. In The Essex Serpent geht es um Liebe in all ihren Facetten – platonische, körperliche, erfüllte und unerfüllte. Liebe, die Dinge geschehen lässt und Liebe, die Wünsche unerfüllt lässt. Bei so viel Liebe ist es erstaunlich, dass der Roman ganz ohne Kitsch auskommt. Er ist unaufgeregt, aber gleichzeitig sprachlich so schön, so poetisch und einfühlsam, dass er mich mehrmals zum Weinen brachte, ohne dass ich genau wusste, wie mir geschieht. Ich will es kurz machen: The Essex Serpent ist eine der schönsten Geschichten, die ich je gelesen habe.

Titel: The Essex Serpent; Autorin: Sarah Perry; Verlag: Profile Books; ISBN: ‎ 978-0062666376; Erstveröffentlichung: 2016
Deutscher Titel: Die Schlange von Essex; Eichborn; Übersetzung von Eva Bonné; ISBN:978-3847900306

The Liar’s Dictionary

von Eley Williams

The thought became clear and clean: it would take just some small strokes of pen to transfer these doodled drafts onto the official blue index cards and he could pepper the dictionary with false entries. Thousands of them—cuckoos-in-the-nest, changeling words, easily overlooked mistakes. He could define parts of the world that only he could see or for which he felt responsible.

Als ich The Liar’s Dictionary von Eley Williams auf den Kassentresen legte, strahlte der Buchhändler bis über beide Ohren. Er erzählte mir, dass er sich unglaublich freut, dass jemand dieses Buch kauft, denn es sei das Beste, das er seit langem gelesen habe. Jausa! Dabei hatte ich The Liar’s Dictionary eigentlich nur gekauft, weil mich das Wort „Mountweazel“ im Klappentext so angesprochen hatte. Aber tatsächlich hatte der Buchhändler nicht zu viel versprochen.
Mountweazels sind absichtlich eingefügte Falscheinträge in einem Lexikon – Wörter, die es gar nicht gibt. Der Roman The Liar’s Dictionary erzählt von Peter, der im 19. Jahrhundert Mountweazels erstellt und von Mallory, die sie in unserer heutigen Zeit, inmitten von Millionen richtiger Wörter, finden muss. Doch das sind nicht die einzigen Aufgaben unserer beiden Protagonist:innen. Peter sucht nach einer Bestimmung, nach seinem Platz im Leben. Mallory nach Selbstakzeptanz und außerdem nach dem Anrufer, der jeden Tag droht, das Büro anzuzünden. (Alltagsprobleme, nicht wahr?) Während wir den Geschichten von Peter und Mallory folgen, führt uns dieser Roman auf urkomische und gleichzeitig extrem einfühlsame Weise durch die Welt der Wörter. Eley Williams zeigt uns in ihrem Debütroman, welche Macht Wörter über unser Leben haben, wie wichtig es ist, die richtigen zu finden und wie viel Kraft darin liegt, sie laut auszusprechen. Kurzum: The Liar’s Dictionary ist eine Ode an die Sprache – an ihre Grenzen und Möglichkeiten, an ihre Komplexität und Zerbrechlichkeit, an ihre Absurdität und Flexibilität. Außergewöhnlich und außergewöhnlich gut.

Titel: The Liar’s Dictionary; Autorin: Eley Williams; Verlag: William Heinemann; ISBN: ‎ 978-1785152047; Erstveröffentlichung: 2020
Deutscher Titel: bisher nicht erschienen

High-Rise

von J.G. Ballard

Later, as he sat on his balcony eating the dog, Dr. Robert Laing reflected on the unusual events that had taken place within this huge apartment building during the previous three month.

J.G. Ballard macht schon im ersten Satz von High-Rise keinen Hehl daraus, wie verstörend dieser dystopische Roman werden wird. Und doch kann das beiläufige Erwähnen des Verspeisens eines Hundes nicht adäquat darauf vorbereiten, was einen hier erwartet.
High-Rise, erstmals 1975 erschienen, spielt in einem riesigen, neu errichteten, Hochhaus mit mehr als 1000 Apartments. Ganz oben die Luxus-Wohnungen, weiter unten die etwas preiswerteren Apartments, dazwischen Etagen mit Supermärkten, Schwimmhallen und Freizeiteinrichtungen. Der Apartmentkomplex bietet alles, was man braucht, verlassen muss man dieses Haus nur noch, um arbeiten zu gehen. Doch schon bald entwickeln sich Spannungen unter den Bewohnern. Es beginnt schleichend, mit kleinen Streitigkeiten um verstopfte Müllschlucker und eskaliert schnell, als in einigen Stockwerken der Strom ausfällt. Was in den nächsten Tagen folgt ist Chaos, Gewalt, Anarchie und sozialer Kollaps. Was nun noch zählt, ist einzig die Befriedigung von Grundbedürfnissen: Schutz, Nahrung und Sex. Doch für einige Bewohner bringt diese moralfreie Zone noch mehr zum Vorschein, Dinge, die sie unter der Maske der Zivilisation verborgen haben: Perversion und Grausamkeit.

Der Mikrokosmos, den Ballard hier gezeichnet hat, soll uns nicht vor dem Leben in Hochhäusern warnen, sondern uns ganz deutlich die Fragilität unserer Gesellschaft vor Augen führen. Leider gelingt das erschreckend und nachhallend gut. Vielleicht wäre es mir vor ein paar Jahren noch vollkommen absurd und unrealistisch vorgekommen, wie schnell die Zustände in diesem Wohnkomplex eskalieren. Aber wir alle haben unlängst gesehen, wie Leute sich um Toilettenpapier gestritten haben. Es braucht offenbar nicht viel, um eine Gesellschaft ins Chaos zu stürzen. Ballards Dystopie erscheint mir daher so weit hergeholt nicht zu sein. Dieser Roman hat mich bis ins Mark erschüttert, er hat mir einiges zum Nachdenken gegeben und ich bin sicher, dass ich nie vergessen werde, ihn gelesen zu haben.

Titel: High-Rise; Autor: J.G. Ballard; Verlag: Forth Estate; ISBN: 978-0586044568; Erstveröffentlichung: 1975
Deutscher Titel: High-Rise; Diaphanes; Übersetzung von Michael Koseler; ISBN: 978-3037349328

The Anthropocene Reviewed

von John Green

Above all, I wanted to understand the contradiction of human power: We are at once far too powerful and not nearly powerful enough. We are powerful enough to radically reshape Earth’s climate & biodiversity, but not powerful enough to choose how to reshape them. We are so powerful that we have escaped the planet’s atmosphere. But we are not powerful enough to save those we love from suffering.

Neulich, auf einer Weihnachtsfeier, fragte mich jemand, was denn das beste Buch sei, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Ich hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt keine Gedanken darüber gemacht. Ich wusste, welche 8 Bücher ich hier vorstellen wollte und ich bezeichnete sie in meinem Kopf als ‚Lieblingsbücher 2021‘. Plural. Aber gab es eines, das mehr Lieblingsbuch war als die anderen? Offensichtlich. Denn beinahe automatisch gab ich die Antwort: „The Anthropocene Reviewed von John Green.“ – eine Sammlung von Essays, in denen Bestseller-Autor John Green Aspekte des Anthropozäns, des Zeitalters des Menschen, bewertet – zum Beispiel Diet Dr. Pepper, Höhlenmalereien oder das Lied Auld Lang Syne.
Direkt nachdem ich die Antwort gegeben hatte, fragte ich mich, ob ich das nur gesagt hatte, weil ich etwas sagen musste und nicht wie ein eingefrorerer Computer wirken wollte. Aber nein, es stimmte wirklich. The Anthropocene Reviewed ist mein Lieblingsbuch. Hinweise darauf finden sich unter anderem in meiner Hörbuchstatistik. Nachdem ich das Buch gelesen habe, habe ich es nun bereits 2 Mal als Hörbuch gehört. Aber warum? Was macht diese Sammlung von Essays besonders? Nun, für mich ist das ganz klar: Dieses Buch hat mir Mut gemacht, ja sogar ein Stückchen vom Glauben an die Menschheit zurückgebracht. Es spendet Hoffnung – und ist es nicht das, was wir alle brauchen? Es war in den vergangenen Jahren so einfach zu denken: ‚Menschen sind schrecklich – wir sind das Schlimmste, was diesem Planeten je zugestoßen ist.‘ Und ja, unser Einfluss auf das Ökosystem des Planeten ist katastrophal, das versucht John Green auch nicht zu beschönigen. Und doch kann man aus seinen Essays Zuversicht ziehen. Vielleicht grade weil sie weit entfernt von Objektivität sind. Greens sehr persönliche Sicht auf das Anthropozän, gespickt mit Anekdoten und Erzählungen aus seinem Leben, macht dieses Buch so ermutigend. In seinen Essays erinnert er uns an den menschlichen Wissensdurst und Fortschritt, daran, dass nicht alles, was Menschen tun, schlecht oder wichtig ist. Daran, dass Menschen nicht nur schreckliche, grausame Dinge tun, sondern sentimentale, irrational-liebenswürdige Dinge, die das Leben ein bisschen lebenswerter machen. Dieses Buch ermutigt dazu, zu fühlen und Dinge kompromisslos zu lieben. Latif Nasser, Moderator des Radioprogramms „Radiolab“, beschreibt das Buch so: „If loving something out loud takes courage, and I think it does, John Green is Evel Knievel and The Anthropocene Reviewed is a series of ever-more-impressive motorcycle jumps.” Das, so finde ich, trifft den Nagel auf den Kopf.
Es ist nicht so, dass ich nach diesem Buch nun denke, dass Menschen großartig sind. Aber ich teile John Greens Ansicht, dass wir zwar nicht das Beste sind, was diesem Planeten zugestoßen ist, aber das Interessanteste. Jedes Essay in diesem Buch endet übrigens mit einer Sterne-Bewertung. Es ist daher klar, wie diese Liebeserklärung an John Greens Buch enden muss: Ich gebe The Anthropocene Reviewed 5 Sterne.

Titel: The Antropocene Reviewed – Essays on a Human-Centrered Planet; Autor: John Green; Verlag: DUTTON; ISBN: 978-0525555230; Erstveröffentlichung: 2021
Deutscher Titel: Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?; Karl Hanser; Übersetzung von Henning Dedekind und Friedrich Pflüger; ISBN: 978-3446270558


Ihr Lieben, das war’s von mir. Habt ihr in diesem Jahr auch ein paar tolle Bücher entdeckt? Erzählt mal!

Wir sehen uns 2022 wieder. Fall ihr diesen Text am Tag der Veröffentlichung lest, wünsche ich euch einen guten Rutsch ins neue Jahr. Falls es schon 2022 ist, wenn ihr das hier lest: Frohes Neues!

There is one comment

  1. nina. aka wippsteerts

    Ach, bin ich froh, dass Du aus Deinem Loch gekrochen bist! Ich habe Deine Beiträge sehr vermisst. Aber gut nachvollziehen läßt sich Deine Entscheidung und Deine Gefühle sehr wohl. Und wenn dann noch zur Pandemie andere Probleme dazu kommen… Ich freu mich aber jetzt um so mehr, von Dir zu lesen und schicke gleich die Bitte hinterher, Deine Drucke mal zu zeigen! (reiner Egoismus, ich mach ja auch so Kram, finde Deinen Schritt mit Etsy super mutig, ich schleiche da sehr drum rum)
    Aber zu Deinen Büchern: einige kenn ich schon (Habicht, Essex zB und fand sie auch gut)
    Das Buch über die Wörter würde mich sehr interessieren, ob es wohl auf Deutsch erscheint? Auf Englisch zu lesen ist für mich leider immer noch recht anstrengend und dann landet schon mal ein Buch weit unten im SUB. Denn auch mir ist Lesen dieses Jahr recht schwierig gefallen. Man glaubt es nicht, wie viel innere Ruhe manchmal das Lesen braucht. Die ist iR abends, wenn ich normalerweise lese, aufgebraucht. Ein Buch was ich gern gelesen habe, war der erste Band von B. Chambers, Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten. Die beste Beschreibung ist immer noch die Empfehlung meiner Freundin: wie „Firefly“ nur netter.
    Jetzt wünsche ich Dir noch nachträglich frohe Weihnachten und aktuell natürlich einen guten Rutsch in ein hoffentlich definitiv besseres Jahr!
    Alles Gute und liebe Grüße
    Nina

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