Die beste moderne Holmes Adaption: Elementary, Sherlock oder doch Guy Ritchie?

Heute ist es endlich so weit. The game is on – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Bei den #bakerstreetblogs steigt der große Modern Day Battle: Der Kampf der modernen Holmes Adaptionen!

Es ist eine verdammt gute Zeit, um Holmes-Fan zu sein: Der Meisterdetektiv erlebte in den letzten 10 Jahren einen unglaublichen Aufschwung, der dem Charakter gleich mehrfach wieder neues Leben eingehaucht hat.  Die vergangenen Jahre bescherten uns nicht ein, nicht zwei, sondern drei erfolgreiche Holmes-Franchises und Holmes-Darsteller: Elementary mit Jonny Lee Miller, Sherlock mit Benedict Cumberbatch und die Guy Ritchie Filme mit Robert Downey Jr.
Aber welche ist die beste moderne Holmes Adaption? Genau dieser Frage gehen wir bei den #bakerstreetblogs auf den Grund. Der große Modern Day Battle kann beginnen! Sabine von Ant1heldin und ich schicken in unseren Beiträgen die drei Adaptionen gegeneinander in den Ring. Natürlich spielen persönliche Interessen, Vorlieben und Eindrücke in einem solchen Fall eine Rolle – was der eine gut findet, kann für den anderen als KO-Kriterium gelten. Verpasst daher nicht, nachher bei Sabine vorbeizuschauen und zu sehen, wie ihr Modern Day Battle ausgeht. Wenn ihr Lust habt, diskutiert mit unter #bakerstreetblogs oder verfasst einen eigenen Blogpost – bestimmt habt auch ihr einen klaren Favoriten. Wir sind gespannt, welche Adaption bei euch die Nase vorn hat.

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Aber nun, ohne weitere Vorrede: Auf zum Kampf. Die Kandidaten machen sich gerade bereit: Elementary muss noch schnell zum Drogentest, Sherlock meditiert im Mindpalace und die Guy Ritchie Filme haben auf dem Weg zum Ring aus Versehen schon die halbe Halle eingerissen. Also bevor es noch zu weiteren Schäden kommt: Let’s get ready to rumble!

Runde 1: Bezug auf Originaltexte und -fälle

Wenn man sich auf die Fahne schreibt, eine Sherlock Holmes Adaption zu produzieren, darf ein gewisser Bezug auf die Originale nicht fehlen.

Alle drei Verfilmungen machen einen guten Job, wenn es darum geht, Zitate aus den Doyle Geschichten unterzubringen. Sei es nun Robert Downey Jr., der die Scotland Yard Schergen mit einem nonchalanten “Data, data, data, I can’t make bricks without clay“ auf Spurensuche schickt; Jonny Lee Miller, der verlauten lässt: “When you have eliminated the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth”, oder Benedict Cumberbatch, der seine Mitmenschen mit “You see but you do not observe!”, zurechtweist.

Anders sieht es allerdings bei den Originalfällen aus.
Elementary zeigt hier beinahe überhaupt keine Nähe zum Original. Allerhöchstens findet mal ein bisschen “Name Dropping” statt, wenn Holmes von alten Fällen spricht. So erwähnt er beispielsweise einmal in einem Nebensatz “The Adventure of the Blue Carbuncle” – eine Holmes Geschichte von Sir Arthur Conan Doyle. Davon abgesehen, sind die Fälle aber fernab von den Abenteuern aus den Originalen. Dieser Holmes widmet sich ganz anderen Fällen als seine literarische Vorlage.

Die Guy Ritchie Filme haben schon etwas mehr Nähe zum Original. Zwar konfrontiert uns der erste Film mit einem vollkommen unbekannten Fall. Der zweite Film, A Game of Shadows, greift aber einige Elemente aus The Final Problem – inklusive dem Showdown zwischen Moriarty und Holmes am Wasserfall – auf. Allerdings findet hier noch einiges an Ausschmückung statt und die Story wird ergänzt und verändert – wogegen natürlich grundsätzlich nichts zu sagen ist.

Die größte Nähe zu den Originaltexten stellt allerdings Sherlock unter Beweis. Dass die Autoren, Mark Gatiss und Steven Moffat absolute Holmes Fan-Boys sind, wird in den vielen Verweisen auf das Original deutlich. Schon allein die Episodentitel sind zumeist Abwandlungen der Originale. Aus The Empty House wird The Empty Hearse, aus The Sign of Four wird The Sign of Three usw.  Viele der Fälle des modernen Sherlock orientieren sich an Fällen aus den Originalen, ändern aber bestimmte Details und Verläufe ab. So ist die erste Folge, A Study in Pink, recht nah an die erste Holmes Geschichte, A Study in Scarlet angelehnt, weicht aber an bestimmten Stellen von der Vorlage ab. Um es dem geneigten Holmes Fan nicht zu einfach zu machen, verlaufen einige Fälle außerdem bewusst anders als in den Originalen und lenken den Kenner dadurch in die falsche Richtung. So tragen zwar alle Figuren aus The Hounds of Baskerville die gleichen Namen wir in der Romanvorlage, der Mörder ist aber zum Schluss nicht der gleiche wie im Buch.
Je öfter man sich Sherlock ansieht, desto mehr dieser kleinen und großen Verweise auf  Conan Doyles Geschichten wird man entdecken. Zwar funktionieren die Geschichten aus Sherlock auch vollkommen ohne Kenntnis der Originale, aber mit dem „Original-Wissen“ wird das Zuschauervergnügen gleich noch einmal gesteigert. Es macht einfach Spaß, die Parallelen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken.

Zwei der drei Kontrahenten liegen am Boden – einer davon scheint bewusstlos zu sein. Diese Runde geht ganz klar an: Sherlock!

Runde 2: Holmes

Eine Holmes Adaption steht und fällt mit der Darstellung des Protagonisten. Wie werden sich unsere drei Kontrahenten hier schlagen?

In den Originalen wird Holmes als hagerer, großer Mann mit grauen Augen, dunklen Haaren, buschigen Augenbrauen, hoher Stirn und Hakennase beschrieben.
Dieser Gesamtbeschreibung kommt keiner der drei Darsteller, Jonny Lee Miller (Elementary), Benedict Cumberbatch (Sherlock) und Robert Downey Jr. (Guy Ritchie Filme) besonders nah – auch wenn sich gewisse Attribute wiederfinden lassen. Dunkle Haare haben sie alle drei, Miller hat die Stirn, Cumberbatch die Figur, aber keiner hat die Hakennase. Wie wir aber sowieso wissen, ist Aussehen nicht alles, daher befassen wir uns lieber mit anderen Attributen.

Elementary setzt eine ganz bestimmte Charakteristik Holmes‘ in den Fokus: Die Drogensucht. Auch wenn sie in den Originalen eigentlich nicht besonders viel Raum einnimmt, ist sie hier das tragende Element. Zu Beginn der Serie kommt Holmes frisch aus der Entzugsklinik und muss nun gegen seine Sucht ankämpfen. Aber es ist keine Morphin- oder Kokainsucht, wie in den Originalen. Oh nein – Holmes ist abhängig von Heroin. Natürlich! Heroin! Warum tief stapeln, wenn man etwas auch unnötig aufblasen und bis zur Unkenntlichkeit entstellen kann. Alles an diesem Holmes ist einfach eine Nummer zu groß aufgezogen und wirkt vollkommen überzeichnet. Das fängt bei kleinen Dingen an, wie zum Beispiel, dass Holmes nicht auf einem, sondern auf 7 Bildschirmen gleichzeitig Fernsehprogramme verfolgt (weil er so genial und so exzentrisch ist, dass ein einzelner Fernseher reicht da einfach nicht ausreicht!) und hört bei vollkommen irrationalem Verhalten auf: Einen bestimmten Verbrecher möchte er beispielsweise nicht stellen, nein, er möchte ihn foltern und töten. WTF? Bei dieser merkwürdigen Figurenzeichnung kann auch die gute Performance von Jonny Lee Miller nichts herausreißen.
Das Thema Sex hat beim Elementary-Holmes außerdem einen Stellenwert, der mit der asexuellen Denkmaschine aus den Originalen nichts gemein hat. Wie ein pubertierender 17-Jähriger wird Holmes nicht müde, ständig von Sex zu reden oder anderen Menschen zu empfehlen, endlich mal wieder richtig schön zu vögeln. Er selbst findet Sex zwar irgendwie eklig, muss ihn aber haben, um seine Bedürfnisse zu befriedigen – deshalb sind häufig Prostituierte bei ihm zu Gast. Außer es geht um Irene Adler: Da war der Sex dann so großartig und die Frau so toll, dass seine Unterlippe beim bloßen Gedanken an sie anfängt zu zittern. (Och Mensch, der arme, traurige Holmes – so ein tragischer Charakter!) Und ich gebe zu, dass eine solche Figur bestimmt für viele Menschen einen Unterhaltungsfaktor bietet, aber mit Sherlock Holmes hat sie einfach nicht viel gemein. Elementary ist raus!

Auch Robert Downey Jr.’s Darstellung der Figur in den Guy Ritchie Filmen wird oft vorgeworfen, sie hätte mit dem genialen Detektiv, wie Doyle ihn erfunden hat, keine Ähnlichkeit. Dem kann ich zustimmen. Mit dem kalten, rationalen, überlegten Holmes aus den Originalen hat dieser hier recht wenig zu tun.
Zwar erwähnt auch Doyle, dass der Original-Holmes in seiner Wohnung nicht gerade Ordnung hält, dafür aber in seinem Kopf alles penibel sortiert ist. Den Eindruck hat man bei Robert Downey Jr. allerdings eher nicht. Hier ist einfach alles unordentlich: Die Baker Street, die Garderode des Detektivs und irgendwie auch sein Verstand. Dieser Holmes geht eher in die Richtung „Genialer Chaoskopf“. Holmes ist außerdem sehr viel sexyer, trotteliger, spontaner, körperbetonter, aber auch sehr viel liebenswürdiger als in den Originalen. Kurzum: Dieser Holmes ist unverkennbar downey-esk.  Die Persönlichkeit des Schauspielers scheint hier ziemlich deutlich durch. Im Umfeld eines Action-Comedy-Films funktioniert das ziemlich gut und sorgt für nette Unterhaltung.

Ganz anders als der liebenswert-trottelige Holmes aus den Guy Ritchie Filmen ist der kühle, unnahbare „High Functioning Sociopath“ aus Sherlock. Angelegt als geniale Denkmaschine, die sich nicht darum schert, was “normale” Menschen tun und die Emotionen augenscheinlich komplett ausblendet, fasziniert dieser Holmes von der ersten Szene an. Die Show zeigt außerdem die Gegensätze, die Holmes verkörpert, sehr gut auf. Er ist mal genialer Know-It-All, mal nicht wissend, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Mal durchdrungen von unendlicher Energie, mal geplagt von depressiver Lethargie. Mal selbstgefälliges Arschloch, mal bereit, sich für andere zu opfern. Sherlock kommt dem Holmes aus den Originalen damit sehr nah. (Zumindest bis er sich in Staffel drei etwas einfängt, das ihm nicht besonders gut steht: Gefühle.)
Cumberbatchs starke Performance lässt die anderen beiden modernen Holmes Darsteller außerdem ziemlich alt aussehen. Er legt mehr Ausdruck in eine hochgezogene Augenbraue oder ein schiefes Grinsen, als andere in eine zweistündige Performance.

Diese Runde kann daher nur einer gewinnen: Sherlock! (Die anderen beiden Kontrahenten sitzen in der Ecke und weinen.)

Runde 3: Watson

Watson auf die Serien- oder Filmleinwand zu bringen, ist keine leichte Angelegenheit. In den Original-Geschichten ist er derjenige, der uns die Story erzählt – das brauchen wir in einer filmischen Umsetzung nicht unbedingt, wir sehen ja schließlich die Bilder. Allzu oft wissen Produzenten und Regisseure daher einfach nichts mit ihm anzufangen und verpassen ihm kurzerhand die Rolle des Trottels, der allenfalls für Slapstickeinlagen gut ist. Unsere drei modernen Adaptionen gehen glücklicherweise einen anderen Weg. Puh!

Ob der oder die Watson optisch der Beschreibung aus den Originalen – blond, Schnauzbart tragend, kräftig gebaut, normal groß, gutaussehnend – entspricht, brauchen wir hier nicht zu betrachten. Lucy Liu, die in Elementary Joan Watson spielt, würde mit einem Schnauzbart einfach ein wenig merkwürdig aussehen. Daher lasse ich diesen Vergleich hier außen vor.

Aber das führt uns direkt zum ersten wichtigen Punkt: In Elementary ist Watson eine Frau. Das ist, wie ich finde, ein mehr als zeitgemäßer Ansatz. Aber leider verschenkt die Serie hier einiges an Potential, weil sie der Figur gleich wieder eine klassisch weibliche Rolle überstülpt: Die fürsorgliche Frau. Watson ist Sherlocks “Sober Companion” und soll ihn, nach seinem Aufenthalt in der Entzugsklinik, nun auch im normalen Leben davon abhalten, rückfällig zu werden. Dadurch bekommt Watson gleich zu Beginn den Nanny-Stempel aufgedrückt, und wirkt eher wie ein Babysitter als alles andere. Gleichzeitig sorgt diese Konstruktion dafür, dass kein wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen den beiden entsteht. Wie soll das auch passieren, wenn man ständig Drogentests durchführen muss? Im späteren Verlauf der Serie lässt sich Watson in die Kunst der Deduktion einführen und wird später zu Holmes‘ Partner in Sachen Verbrechensaufklärung. Auch hier gibt es wieder einen spannenden Ansatz, nämlich Holmes und Watson gleichrangig auftreten zu lassen. Tatsächlich funktioniert das aber nicht, wenn es, so wie hier, dann doch wieder darauf hinausläuft, dass der brillante Sherlock Holmes am Ende die intellektuelle Oberhand behält. Watson bekommt hier außerdem eine tragische Vergangenheit verpasst: durch einen Fehler hat sie einen Patienten verloren und daher den Beruf der Chirurgin an den Nagel gehängt. Genau wie Holmes‘ Vergangenheit als Heroin-Junkie wirkt das zu gewollt tragisch, over the top und insgesamt einfach unnötig. Wovon es im Falle der Joan Watson allerdings dagegen etwas zu wenig gibt, ist eine spannende Darstellung der Figur. Lucy Liu spielt relativ emotionslos, alles wirkt irgendwie gleich. Dadurch ist Watson farblos und, wenn ich ganz ehrlich sein soll, einfach ziemlich langweilig. Potential verschenkt: Knock-Out für Elementary.

Der John Watson in Sherlock ist zu Beginn dem Watson aus den Originalen recht nahe. Er fungiert nicht nur als Audience Surrogate, also als Stellvertreters des Zuschauers, sondern nimmt auch die klassische Watson-Rolle des Bewunderers ein.
Der Gegensatz zwischen Holmes und Watson und die trotzdem beinahe simultan einsetzende Loyalität und Freundschaft der beiden, wird bei Sherlock besonders stark in den Fokus gerückt. Watsons Bedeutung für Sherlocks (emotionale) Entwicklung ist ein zentraler Aspekt der Show. Zwar heißt die Sendung Sherlock, aber dadurch, dass Watson hier eine so wichtige Rolle einnimmt, könnte die Show genauso gut „Die John und Sherlock Show“ heißen. Der Kontrast des sehr menschlichen, emotionalen, liebenswürdigen Watson zur Denkmaschine Holmes wird hier tadellos abgebildet.  Befeuert wird das Ganze noch durch die wunderbare Zusammenarbeit der beiden Schauspieler, Benedict Cumberbatch und Martin Freeman. Ich würde in Frage stellen, ob die Show mit anderen Schauspielern so erfolgreich wäre, wie sie es ist oder ob die Johnlock-Bewegung so dermaßen Fahrt aufgenommen hätte.
Mit seiner Darstellung der Figur des John Watson hat sich Martin Freeman in die Herzen der Zuschauer gespielt. Mit kleinen, aber wirkungsvollen, Gesten und Gesichtsausdrücken aber großen Gefühlsausbrüchen, wo es nötig ist, gelingt es ihm, den Zuschauer sofort auf seine Seite zu ziehen. Freeman ist ein Meister darin, den “Typ von Nebenan“ zu spielen, ohne ihn langweilig erscheinen zu lassen.

Dennoch ist es für mich der Watson aus den Guy Ritchie Filmen, der alle anderen in den Schatten stellt. Jude Law stiehlt in dieser Rolle nicht nur allen anderen Watsons die Show, sondern auch dem Hauptdarsteller, Robert Downey Jr. Als Inbegriff des „Mannes der Tat“ fackelt dieser Watson nicht lange und tritt Türen ein, während Holmes noch mit einem Dietrich herumfummelt und haut Holmes, wenn es sein muss, auch einfach mal eins auf die Nase. Dass er nicht die Rolle des großen Bewunderers einnimmt, sondern Holmes durchaus Paroli bietet, ist im Vergleich zu anderen Watson Darstellungen eine willkommene und vor allem ausgesprochen unterhaltsame Abwechslung. Die unglaubliche Chemie zwischen Law und Downey Jr. und die knackigen, witzigen Dialoge zwischen den beiden, sind die große Stärke dieser Filme.
Charmant, loyal, tatkräftig und mit einer Spur Sarkasmus verkörpert dieser Watson alles, was ich mir von der Figur wünsche. “Genau so hab‘ ich mir Watson vorgestellt”, frohlockte ich, nachdem ich den ersten Film gesehen hatte.

Diese Runde geht daher ganz klar an Jude Law und die Guy Ritchie Filme.

Runde 4: Britishness

Sherlock Holmes ist unbestreitbar eine britische Ikone. Er gehört zu Großbritannien wie schlechtes Wetter und Schwarztee mit Milch. Dementsprechend ist ein Battle um die Krone der Britishness unausweichlich.

In Elementary ist Holmes der buchstäbliche „Englishman in New York“. Die Geschichten spielen nicht auf den britischen Inseln, ja nicht einmal auf dem europäischen Kontinent, sondern in der amerikanischen Metropole. Für mich ist das ein Problem. Der Charakter Holmes ist so fest mit London verwachsen, dass seine Abenteuer in New York einfach nicht richtig funktionieren. Mir fehlt der Nebel, der Regen, Big Ben und die Baker Street, mir fehlt Holmes Kenntnis der Stadt. Da reicht es auch nicht aus, dass Miller sich durch den britischen Akzent von seinen Mitschauspielern abhebt. Die Britishness bei Elementary strebt gegen Null – man möchte die Serie in dieser Runde beinahe disqualifizieren.

Die Guy Ritchie Filme sind im viktorianischen London angesiedelt, daher gibt es von mir persönlich schonmal einen Pluspunkt, weil ich Holmes gerne in seinem natürlichen Habitat, der großen Ära des britischen Reiches, begutachte.  Robert Downey Jr. hat sich für die Rolle außerdem einen täuschend echten britischen Akzent zugelegt: Chapeau! Und dann kommt auch noch Jude Law als Symbol des englischen Prince-Charming um die Ecke und holt zum finalen Schlag aus. Doch halt! Was ist das?

Die Figuren aus Sherlock haben einen Wasserkocher in den Ring gebracht und kochen Tee! Ganz viel Tee! Selbst wenn Moriarty zu Besuch kommt, wird erstmal eines getan: Tee gekocht! Aber dieses Klischee ist nicht das Einzige, was Sherlock in Sachen Britishness nach vorne bringt. Die Stiff Upper Lip und die, nicht immer ganz aufrichtige, berühmte britische Höflichkeit kommen zum ausgiebig zum Einsatz und werden insbesondere durch Mycroft Holmes besonders schön verkörpert. Außerdem sind London und seine Wahrzeichen ausgesprochen präsent in der Serie. Sherlock hat die Straßenpläne in seinem Mind-Palace gespeichert und kennt sich in der Stadt aus, wie in der eigenen Westentasche. Nachdem er von seiner zweijährigen Abwesenheit zurückkehrt, muss er sich erstmal ein paar Minuten auf das Dach des St. Bath Hospital stellen, um den Ausblick auf seine Stadt zu genießen. Dabei wirkt er fast schon wie ein Superheld, der heroisch die Stadt überblickt, die es zu beschützen gilt. Und selbst nachdem unser Lieblingssoziopath jemanden erschossen hat und des Landes verwiesen wird, lässt seine Rückkehr in die britische Hauptstadt nicht lange auf sich warten. Denn wer ruft ihn da wieder zurück? Queen and Country! Natürlich!

God save the Queen! Auch diese Runde geht an Sherlock.

Action und Spannung

Abenteuer und spannende Fälle spielen in den Sherlock Holmes Geschichten eine wichtige Rolle, daher müssen sich natürlich auch die drei modernen Adaptionen dieser Prüfung stellen.

Elementary unterscheidet sich weder im Aufbau noch in der Art der Verbrechen von anderen modernen Crime-Shows á la CSI. Das Ende einiger Fälle ist vorhersehbar, andere sind recht spannend. Der Spannungsfaktor insgesamt ist daher eher durchschnittlich. Gleiches gilt für den Action-Aspekt: Alles, was wir an Kampfszenen, Verfolgungsjagden oder Explosionen oder sonstigen Action-Elementen sehen, unterscheidet sich nicht von anderen Crime-Shows aus der TV Landschaft. Ein bisschen lahm, wie ich finde.

Was Action betrifft, können weder Sherlock noch Elementary den Guy Ritchie Filmen das Wasser reichen. Es wird viel gerannt, geboxt, geschossen, versehentlich zerstört oder absichtlich die Luft gesprengt – und all das wird ganz wunderbar mit Einsatz verschiedener Kameratechniken inszeniert. Holmes und Watson sind hier eher Action-Helden als alles andere. Der Abenteuer-Aspekt steht hier stark im Fokus und macht diese Sherlock Holmes Filme zu einem ausgesprochen unterhaltsamen Vergnügen.

Allerdings können sie in Sachen Spannung wiederum nicht mit Sherlock mithalten. Die Serie fesselt den Zuschauer in jeder Sekunde an den Bildschirm. Kein Detail möchte man verpassen und es gibt Szenen, in denen man die Spannung kaum ertragen kann. Ich bin mir sicher, dass es bei der Ausstrahlung von The Reichenbach Fall, in der Szene, in der Sherlock vom Dach springt, zu erheblichen Luftdruckschwankungen kam, weil eine ganze Nation zeitgleich den Atem angehalten hat.

Diese Runde geht daher unentschieden aus: Guy Ritchie holt sich einen Punkt für Action und Sherlock für die Spannung.

Runde 6: Wie gut wurde die Vorlage modernisiert

Es ist so weit: Die Finalrunde und die alles entscheidende Frage: Wie gut wurde der Holmes-Stoff in die heutige Zeit übertragen. Oder, da wir hier einen Kandidaten dabeihaben, der in viktorianischen Zeiten spielt: Wie gut wurde sie modernisiert?

Elementary hat hier meiner Meinung nach am wenigsten Arbeit investiert. Klar, Holmes nutzt moderne Technik anstelle von Briefen und Telegrammen. Aber das ist etwas, was zwangsläufig passiert, wenn man Holmes in eine andere Zeit versetzt. Dass sich Holmes an die Gegebenheiten der Zeit anpasst, ist zu erwarten.  Holmes löst Fälle durch Beobachten und Schlussfolgern – das ist eine Fähigkeit, die in jeder Epoche funktioniert. Das tut es auch hier – aber das ist eben wenig überraschend. Was ich von einer modernen, filmischen Adaption erwarten würde, ist ein tieferer Einblick in die Arbeitsweise und Gedankenwelt von Holmes, die uns die Originale vorenthalten. Elementary bleibt bei dem alten Schema, bei dem wir nicht wissen, was Sherlock tut und was er sieht, bis er es uns verrät. Das finde ich ein wenig schade.
Zugutehalten muss man Elementary aber vermutlich, dass man versucht hat, Sherlock Holmes aus der sehr männerdominierten Welt der Originale zu lösen. Watson und Moriarty als Frauen darzustellen, ist ein guter Ansatz. Aber bei der Inszenierung der Charaktere fällt man leider wieder in veraltete Frauenbilder zurück – die Fürsorgliche und die Femme Fatale. Von daher kann Elementary auch die letzte Runde nicht für sich entscheiden.

Die Frage, wie man Holmes am besten in moderne Zeiten versetzt, brauchte sich Regisseur Guy Ritchie bei seinen Filmen gar nicht erst zu stellen. Sie spielen in der viktorianischen Ära. Dennoch gibt es hier einige Elemente, die dem Stoff einen moderneren Anstrich verpassen. Zum einen gibt es einen unverkennbaren Steampunk-Einschlag in diesen Filmen. Wir stoßen auf allerlei Gerät, das es zur damaligen Zeit garantiert nicht gab, das aber trotzdem nicht fehl am Platz wirkt – wie zum Beispiel der Taser-Apparat, mit dem Holmes seinen riesigen Verfolger im ersten Film außer Gefecht setzt, oder die kleine Tauchgerät, die ihm das Überleben nach dem Sturz in den Reichenbach Wasserfall ermöglicht. Dennoch ist es vor allem der Einsatz von modernen Bildeffekten, der hier für die Modernisierung sorgt. Insbesondere der Zeitlupeneffekt ist großartig eingesetzt und setzt Holmes‘ Fähigkeiten gekonnt in Szene. Vor dem Angriff plant Holmes seine Aktionen und wägt alle Möglichkeiten ab. In seinem Kopf spielt sich das in Sekundenbruchteilen ab, für uns Zuschauer werden die Bilder aber verlangsamt und erläutert, bevor die Aktion in Echtzeit ausgeführt wird. Cool!

Bei Sherlock hat man sich offenbar sehr intensiv damit auseinandergesetzt, welche Elemente man wie modernisieren kann. Einiges wird einfach unverändert übernommen. Der Mörder in A Study in Scarlet ist ein Taxifahrer, in A Study in Pink ebenfalls – nur, dass das moderne Taxi eben nicht mehr von Pferden gezogen wird. Andere Dinge erhielten ein modernes Upgrade. Watson schreibt nicht mehr für das Strand Magazin, nein er ist ein Blogger. Holmes‘ „Three Pipe Problems“ werden zu „Three Patch Problems“ – die Pfeife wird durch Nikotinpflaster ersetzt. Es gibt etliche von diesen Mini-Moderniserungen. Den Bärenanteil an der Aufbereitung des Stoffes als modernes TV Drama schultern allerdings auch hier die Kinematographie und die visuellen Effekte, wie beispielsweise die ineinandergreifenden Szenenübergänge. Das wirkungsvollste und vermutlich auffälligste dieser Mittel ist dabei so einfach, wie es genial ist: Das Einblenden von Text im Bild. Dadurch können wir sehen, was Sherlock sieht und erhalten einen kleinen Einblick in seinen Verstand.

Sherlock modernisiert nicht nur die Vorlage, sondern revolutioniert auch gleich, wie man eine Detektivgeschichte im TV erzählt. Daher muss auch dieser Punkt eindeutig an Sherlock gehen.

Die Abrechnung

Gut, nach 6 Runden ist es an der Zeit, abzurechen. Wer konnte den Modern Day Battle für sich entscheiden?

Ich denke, es hat sich ein recht deutliches Bild abgezeichnet:

Elementary: 0 Punkte.
Der klare Verlierer – und das vollkommen zurecht. Als normale Crime-Serie mag Elementary überzeugen, aber mit Sherlock Holmes hat die Serie nicht besonders viel gemein.

Guy Ritchie Filme: 2 Punkte
Ein guter zweiter Platz – diese Filme bieten Witz, Action und einen fantastischen Watson. Für verregnete Sonntage, an denen man Aufmunterung braucht, meine erste Wahl.

Sherlock: 5 Punkte
Die Liebe zur Vorlage, der fantastische Holmes und die wunderbare Aufbereitung für den Zuschauer von heute machen Sherlock zur besten modernen Adaption und zum Sieger meines Modern Day Battles. Zugegeben, der Sieg war nicht unerwartet, aber trotzdem sehr verdient! Applaus, Applaus! Konfetti, Konfetti!

Ob das Sabine genauso sieht oder ob Elementary bei ihr vielleicht doch ein paar Gnadenpunkte abräumen kann? Erfahrt es in ihrem Modern Day Battle. Hier geht es zum Beitrag.

Was meint ihr? Ist Sherlock für euch auch der klare Sieger? Erzählt es uns unter #bakerstreetblogs, in einem Blogbeitrag oder einfach in den Kommentaren.

1 reply

  1. Hi! Wie Klasse! Ich bin voll und ganz auf Deiner Seite. Allerdings hat bei mir Elementary weniger Gnade erfahren, ich kenn vielleicht 3-4 Folgen. Zu grausig. Nur weil man den Protagonisten Namen und gewisse Ähnlichkeiten übergestülpt hat, ist es noch lange kein Sherlock Holmes. Brrr. Da sprang nicht mal ein kleiner Funke über. Aber die anderen Umsetzungen, ich hab die nie so verglichen, da einmal TV und einmal Kino. Und leider kann ich dir nur in allen Punkten beistimmen. Sorry 😉 alleine Diskussion die ich anstreben kann.
    Toller Blogbeitrag!
    Liebe Grüße
    Nina

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