[GELESEN] Dreimal Holmes – einmal mit, zweimal ohne

Vier Romane und 56 Kurzgeschichten aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle und unzählige kommentierte Sammelbände, Biografien, Sachbücher und Pastiche-Romane von anderen Autoren – Bücher mit und über Sherlock Holmes scheint es wie Sand am Meer zu geben.
Auch wenn ich diese Tatsache in Anbetracht des recht überschaubaren Kreises der potentiellen Leserschaft etwas verblüffend finde, erfreut mich die Gewissheit, dass mir der Lesestoff in dieser Hinsicht nicht ausgehen wird, ungemein. Damit dieser Blog hier aber nicht zum Sherlock Holmes Blog mutiert und hier eine Sherlock-Pastiche Rezension nach der nächsten erscheint, sammle ich meine Eindrücke zu den Holmes-Geschichten jetzt immer erst, ehe ich sie hier präsentiere.
Wobei Holmes-Geschichten vielleicht in diesem Fall gar nicht der richtige Ausdruck ist… In zwei der drei unlängst gelesenen Bücher spielt der Detektiv mit dem lustigen Hut nämlich allerhöchstens eine Nebenrolle.

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Professor Moriarty: The Hound of the D’Urbervilles

von Kim Newman

Verlag: Titan Books Ltd., Ersterscheinung: 2011, Seiten: 476, ISBN: 9780857682833, Deutscher Titel: Bisher nicht erschienen

Wir alle kennen (und lieben) die klassische Eröffnung der Holmes-Storys: Watson und Holmes sitzen in ihrem Quartier in der Baker Street und ein Klient betritt, mal mehr, mal weniger dramatisch, den Raum und schildert ein Problem. Nach einer kurzen Zurschaustellung von Holmes beeindruckenden Deduktionsfähigkeiten machen sich Holmes und Watson daran, das Rätsel zu lösen und, wenn auch nicht immer unbedingt für Ordnung, dann doch zumindest für Gerechtigkeit zu sorgen.
Die Geschichten in Kim Newmans Buch sind ähnlich aufgebaut. Nur, dass wir uns nicht in der Baker Street befinden, sondern im Obergeschoss eines Bordells in der Conduit Street, wo Professor Moriarty und Scherge Nummer 1, Sebastian Moran, residieren. Und es ist auch nicht Watson, der uns die Geschichte erzählt, sondern Moran. Und für Gerechtigkeit sorgt hier auch niemand. Sondern für Chaos, Verwirrung und eine Menge Blut.
Wenn man sich also mal gefragt hat, was „The Napoleon of Crime“ und „The second most dangerous man in London“ den Tag über so treiben und womit sie ihr Geld verdienen, ist das hier das richtige Buch.

Der geneigte Sherlockianer wird hier auf allerlei amüsante Parallelen zu den bekannten Holmes-Geschichten stoßen: Holmes züchtet Bienen – Moriarty züchtet Wespen.
Holmes ersteht seine Stradivari für 55 Schilling – Moriarty kauft eine Geige zu spektakulärem Preis bei einer Auktion. Für Holmes ist Irene Adler „The woman“ – für Moriarty ist sie „that bitch“ usw, usw. Manche Anspielungen auf die Holmes-Geschichten sind eindeutig, manche etwas plump, andere sind clever und gut getarnt – es macht in jedem Fall Spaß, sie zu entdecken.

Natürlich tritt auch Sherlock Holmes selbst irgendwann in Erscheinung. So wirklich ernst nimmt ihn hier allerdings niemand. Moran und Moriarty nennen ihn nur „The Thin Man“ und missbrauchen ihn im Grunde nur als Spürhund für ihre Zwecke. Natürlich endet die Geschichte trotzdem am Reichenbach-Wasserfall – allerdings mit einer doch sehr anderen Darstellung der Ereignisse als wir sie aus The Final Problem kennen…

Insgesamt hatte ich mir persönlich etwas mehr von diesem Buch versprochen. Oder vielleicht auch etwas anderes erwartet. Die Sache ist nämlich die: Die Gegenspieler von Moriarty und Moran sind keine netten Menschen. Es sind Mörder, Psychopathen, Kleinkriminelle und Ganoven. Es tut einem deshalb nicht sonderlich leid, wenn Moriarty sie gegeneinander ausspielt, sie manipuliert oder Moran beauftragt, sich ihrer zu entledigen. Von einem angeblichen Super-Bösewicht und kriminellen Genie, der seine Dienste meistbietend verhökert, würde man doch eher etwas anderes erwarten. Nämlich dass er keinen Unterschied zwischen Gut und Böse macht, und dementsprechend auch mal nette/ normale Menschen attackieren/ meucheln/ berauben würde. Macht er aber irgendwie nicht. Deshalb ist das Ganze hier im Grunde doch nur Holmes im Moriarty-Pelz. Auch wenn ich zugeben muss, dass dieser Ausflug in die Conduit Street durchaus seine heiteren und unterhaltsamen Momente hatte.


Unquiet Spirits: Whisky, Ghosts, Murder

von Bonnie MacBird

Verlag:  Harper Collins Publ. UK, Ersterscheinung: 2017, Seiten: 497, ISBN: 978-0008129729, Deutscher Titel: Bisher nicht erschienen

Mordanschläge, Entführungen, abgetrennte Köpfe, Explosionen, Geister, düstere Legenden, Doppelagenten – bei Bonnie MacBird führen Holmes und Watson definitiv kein geruhsames Leben. Unquiet Spirits führt den Detektiv und den Doktor zuerst zum Wein nach Frankreich und dann zum Whisky in die schottischen Highlands. Dabei stoßen sie auf alte Geheimnisse, Intrigen und müssen sich den Geistern in ihren Köpfen stellen. Denn an „echte“ Gespenster glauben Watson und Holmes nun bestimmt nicht. Oder etwa doch?

Wie schon bei ihrem ersten Sherlock Holmes Roman, Art in the Blood, präsentiert uns Bonnie MacBird hier eine Detektivgeschichte, die eher durch ihre Charaktere als durch ihre Story besticht. Versteht mich nicht falsch, Unquiet Spirits ist keine schlechte Geschichte. Ich fand den Fall hier durchaus spannend und er konnte mir das ein oder andere Mal ein erstauntes „Whaaaat?“ entlocken – auch wenn einige Elemente mir irgendwie aus dem BBC Sherlock Special The Abomibable Bride bekannt vorkamen. Aber was Bonnie MacBird wirklich gut kann, sind Holmes und Watson. Beide erinnern, wie schon bei Art in the Blood, eher etwas an modernere Interpretationen der Figuren – was dem Ganzen, trotz viktorianischem Setting, eine frische Note verleiht. In Unquiet Spirits taucht Bonnie MacBird nun noch etwas tiefer in die Figuren ein als in Art in Blood und lenkt den Blick auch auf Holmes‘ Vergangenheit – inklusive tragischer Liebesgeschichte. Mir persönlich gefallen derartige Versuche, Holmes zu sentimentalisieren für gewöhnlich nicht. Hier ging es aber ausnahmsweise mal in Ordnung – vermutlich weil die Einblicke in Holmes Jugendtage hier tatsächlich mal etwas mit dem Fall zu tun haben.

Unquiet Spirits
ist nicht der beste Sherlock Holmes Pastiche, den ich je gelesen habe. Aber wenn man solide Unterhaltung sucht und etwas mehr Zeit mit dem Lieblingsdetektiv verbringen will, als uns Arthur Conan Doyle gewährt hat, ist man bei Bonnie MacBird definitiv in guten Händen.


The Sherlockian

von Graham Moore

Verlag:  Twelve, Ersterscheinung: 2010, Seiten: 422, ISBN: 9781455509065, Deutscher Titel: Bisher nicht erschienen

Wer gerade das Gefühl hat, den Namen Graham Moore von irgendwoher zu kennen, hat vermutlich eine Erinnerung an die Oscarverleihung 2015 in seinem Mind Palace gespeichert. Dort hat der junge Mann nämlich einen Oscar in der Kategorie Bestes adaptiertes Drehbuch (für The Imitation Game) verliehen bekommen und eine sehr berührende Rede gehalten, die mit den wunderbaren Worten: „Stay weird, stay different.“, endete. Aber das nur mal am Rande.

In seinem Debütroman The Sherlockian erzählt Graham Moore die Geschichte eines Sherlockianers namens Harold White, der plötzlich selbst zum Detektiv werden muss.
Harold wurde gerade in den Kreis der Baker Street Irregulars, der berühmtesten und prestigeträchtigsten aller Sherlock Holmes Gesellschaften, aufgenommen. Gleich bei der ersten Versammlung, die Harald besuchen darf, steht eine Sensation an: Doyle-Biograf Alex Cale hat ein lang verschollen geglaubtes Tagebuch von Sir Arthur Conan Doyle gefunden und will es auf der Konferenz präsentieren. Die lange und zermürbende Suche nach dem heiligen Gral der Sherlockianer scheint allerdings nicht spurlos an Alex vorbeigegangen zu sein. Er verhält sich merkwürdig und berichtet sogar davon, verfolgt und beschattet zu werden. Niemand glaubt ihm. Doch am Morgen seiner Präsentation wird Alex tot in seinem Hotelzimmer gefunden – erdrosselt mit dem eigenen Schnürsenkel. Vom Tagebuch fehlt jede Spur. Harold gerät zufällig in die Ermittlungsarbeiten und macht sich schließlich selbst daran, das Rätsel um den Mord und das verschwundene Tagebuch zu lösen. Dabei wendet er an, was er in den Sherlock Holmes Geschichten gelernt hat.

Wir folgen hier allerdings nicht nur Harold bei seiner Suche nach dem Tagebuch, sondern auch Arthur Conan Doyle selbst. Als Leser wissen wir deshalb bereits, wonach Harold noch sucht: Arthurs Geschichte spielt genau in der Zeit, die das verschwundene Tagebuch umfasst. Gemeinsam mit seinem guten Freund und Schriftstellerkollege Bram Stoker (Dracula) versucht Arthur eine Reihe von grausamen Morden aufzuklären. Und wir erfahren außerdem, wie und warum das Tagebuch verloren ging.

Beide Erzählstränge glänzen mit Spannung, falschen Fährten, authentischer Atmosphäre und tollen Charakteren. Zwar habe ich das Ende schon recht früh kommen sehen, aber
The Sherlockian ist trotzdem ein toller Detektiv-Roman, der auch ganz ohne Sherlock Holmes auskommt.
Für den besonderen Gänsehautfaktor sorgt dabei, dass es einen solchen, ungewöhnlichen, Todesfall in den Reihen der Sherlockianer tatsächlich gegeben hat. Sherlock-Forscher und Doyle-Biograf Richard Green kam unter sehr mysteriösen Umständen zu Tode. Er hatte erfolglos versucht, eine Auktion einiger Dokumente von Arthur Conan Doyle zu verhindern und erzählte Freunden und Bekannten nun, dass er verfolgt und beschattet würde und um sein Leben fürchte. Wenig später wurde Green tot in seiner Wohnung gefunden – erdrosselt mit einem Schnürsenkel! Ob es sich dabei um Mord oder Selbstmord handelte, bleibt bis heute ungeklärt…


So, meine lieben Sherlöckchen, das soll es für heute erst einmal gewesen sein mit dem Statusbericht von der Deerstalker-Lesefront. Habt ihr eventuell noch ein paar Holmes-basierte Lesetipps? Vielleicht einen guten Pastiche-Roman, den ich auf keinen Fall verpassen sollte?

3 replies

    • Ja, da hast du recht – ‚Der Fall Moriarty‘ ist ein gelungener Sherlock Holmes Roman. Toller Plot-Twist! The House of Silk (Das Geheimnis des weißen Bandes) hat mir von Horowitz allerdings noch eine Spur besser gefallen 🙂

      Gefällt 1 Person

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