Ein echter Klassiker: Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Es gibt viele Bücher, die mit den Worten „Ein echter Klassiker!“ beworben werden. Dracula, Frankenstein, 20.000 Meilen unter dem Meer, Stolz und Vorurteil, Krieg der Welten und dergleichen – die üblichen Verdächtigen eben. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich all diese Bücher noch nie gelesen habe. Noch nie! Obwohl ich so in etwa weiß, worum es in den jeweiligen Büchern geht, habe ich sie eben noch nie selbst aufgeschlagen. Ein Zustand, der mir einigermaßen missfällt – ich habe hier immerhin einen Buchblog, sowas schickt sich da ja wohl nicht. Und natürlich treibt mich auch die Neugier an: Was macht diese Bücher zu Klassikern und wieso muss man sie gelesen haben?
Deshalb versuche ich seit einiger Zeit, ein paar von diesen Klassikern in meiner Leseliste zu verankern. Angefangen habe ich mit H.G. Wells‘ „The Time Machine“ und „The Invisible Man“. Ersteres hat mir sehr gut gefallen und mich direkt in meinem Klassiker-Kurs bestärkt. Aber wo sollte man weitermachen?

Keine allzu schwere Frage. Denn in meinem Bücherregal langweilte sich schon seit langer, langer Zeit ein kleines Büchlein: Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson.

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Ich hatte diese schmucke, kleine Ausgabe irgendwann mal in einer Bücherkiste auf dem elterlichen Dachboden gefunden. Sie wurde 1981 vom Reclam Verlag in Leipzig herausgegeben und war seinerzeit für 1 Ostmark und 50 Pfennig zu bekommen. Der prestigeträchtige Titel, der schöne Alte-Bücher-Geruch und das ausgesprochen stylische Cover haben mich sehr angesprochen und so kam das Buch mit zu mir nach Berlin und zierte seitdem mein Bücherregal.

Dem Inhalt stand ich vorab ein wenig skeptischer gegenüber, weshalb das Buch letztendlich einige Jahre ungelesen versauerte. Schließlich war mir der Clou des Buches – die große schockierende Enthüllung am Schluss – bereits bekannt. Denn selbst wenn man das Buch niemals gelesen hat, wird man wissen, dass (SPOILER ALERT – auch wenn ich denke, dass Spoiler nach über 100 Jahren wohl kaum mehr als solche durchgehen können) Dr. Jekyll und Mr. Hyde dieselbe Person sind. Dam, dam, DAM!

Die „Schauernovelle“ aus dem Jahr 1886 ist also quasi ein Krimi, dessen Lösung man (vermutlich) schon kennt. Macht die Geschichte trotzdem Spaß?
Auf jeden Fall! Denn ist die Frage nach dem WER geklärt, bleibt ja immernoch das WIE und WARUM zu ergründen.

Dazu begleiten wir hier den Anwalt Gabriel Utterson auf seiner Suche nach Antworten. Einer seiner besten Freunde, Dr. Henry Jekyll, hat nämlich ein sehr merkwürdiges Testament verfasst: Sollte er verschwinden oder sterben, soll sein Vermögen in den Besitz eines gewissen Mr. Edward Hyde übergehen. Soweit wäre das kein Problem, wäre dieser Mr. Hyde nicht eine solch verabscheuungswürdige Kreatur, dass sich jedem, der ihn trifft, die Nackenhaare aufstellen. Nicht grundlos, wie man bald feststellen wird, denn Hyde wird im Laufe der Geschichte zum Mörder…
Utterson ist entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Was ist die Verbindung Jekylls zu diesem widerlichen Mann? Wird der Arzt vielleicht von Hyde erpresst? Und wo versteckt sich Hyde nach seiner Bluttat? Weiß Jekyll mehr, als er verraten will?

Natürlich tut er das. Denn Dr. Henry Jekyll IST Mr. Edward Hyde – wie heute jeder weiß. Wobei das eigentlich nicht ganz korrekt ist. Denn tatsächlich ist Hyde nur ein Teil von Henry Jekyll – nämlich der böse, lasterhafte, normalerweise unterdrückte Part seines Selbsts. Ein Part, wohlgemerkt, den Jekyll zunächst mutwillig befreien wollte. Er selbst hat das Mittel entwickelt, mit dem der böse Teil des Ichs isoliert und befreit werden kann. Das ist auch der Grund dafür, dass jeder, der Hyde trifft, Ekel, Hass und Furcht empfindet: Hyde ist das pure Böse und somit etwas Unnatürliches. Für gewöhnlich sind Menschen schließlich weder ausschließlich böse noch ausschließlich gut, sondern ein Mix vieler verschiedener Charaktereigenschaften.
Jekyll genießt es zunächst, in der Form Edward Hydes die Gelüste ausleben zu können, die er als der angesehene Henry Jekyll unterdrücken musste. Doch mit der Zeit wird Hyde immer stärker und dominanter und bricht schließlich auch aus Jekyll heraus, wenn dieser seine Verwandlungsarznei nicht einnimmt. Tatsächlich ist es nun umgekehrt: Mr. Hyde muss das Mittel zu sich nehmen, um sich wieder in Dr. Jekyll zurückzuverwandeln. Und die Dosis, die dafür benötigt wird, wird immer größer, während sich Jekylls Vorrat an den Zutaten für sein Gebräu dem Ende zuneigt…

Natürlich kommt einem die Spurensuche, die Utterson betreibt, ein wenig langsam vor, wenn man das Geheimnis schon kennt. Bei mir kam noch hinzu, dass ich eben dank des Detektivs aus der Baker Street einen schnelleren Aufklärungsprozess gewohnt bin. Ich hatte hier und da den Gedanken: Also nach diesem Hinweis wüsste Sherlock Holmes jetzt ja wohl endgültig, dass Dr. Jekyll und Mr. Hyde derselbe Mann sind. Aber gut, man muss bedenken, dass der Erstleser, vor über 100 Jahren, des Rätsels Lösung eben noch nicht kannte.
Auch sprachlich musste ich mich erst einmal ein wenig umgewöhnen. Nicht, dass der Text schwer zu verstehen wäre, aber der Stil wirkt aus heutiger Sicht natürlich etwas altbacken und eingestaubt. Auch hier muss man sich wieder bewusst machen, dass dieses Buch eben im Jahre 1886 veröffentlicht wurde und auch zu dieser Zeit spielt. Hat man sich erst einmal an diese Sprache aus einer längst vergangenen Epoche gewöhnt, hat der Text seinen ganz eigenen Charme.

Letztendlich war es aber dann doch das Doppelgängermotiv, das mich an dieses Buch gefesselt hat. Da ist es auch egal, dass man schon vorher wusste, dass es im Falle von Dr. Jekyll und Mr. Hyde darauf hinausläuft.
Es ist ein Motiv, dessen Aktualität die Jahre schlichtweg überdauert. Was wohl auch der Grund dafür ist, dass dieses Buch letztendlich in den Olymp der „echten Klassiker“ aufstieg.
Der gespaltene Mensch, der einen Teil seines Selbsts aus moralischen und gesellschaftlichen Gründen unterdrückt, ist ein faszinierendes und allgegenwärtiges Thema, das mich auch noch nach dem Lesen dieses Buches beschäftigt hat.
Sicherlich ist Mr. Hyde ein absolutes Extrembeispiel. Er ist das personifizierte Böse und man darf hoffen, dass nicht in jedem ein solcher Charakter schlummert. Aber dennoch bleibt die Frage, was wohl in Menschen zum Vorschein käme, wenn man Moral und gesellschaftliche Zwänge subtrahieren würde…. Vielleicht will man lieber doch nicht zu viel darüber nachdenken.

(Ich für meinen Teil würde nie wieder Hosen tragen.)

19 replies

  1. Oh ja, die lieben Klassiker…
    Ich habe mich vor ein paar Jahren an Bram Stokers Dracula gewagt und war als Vampir-Fan ziemlich schnell ernüchtert. Vor allem sprachlich – Wie du selbst schreibst, ist das eben eine ganz andere Welt, die man da betritt. Die Sätze sind oft sehr lang und umschnörkelt und einfach ungewohnt. Ich habe 50! Seiten vor Schluss das Buch „pausiert“ und nie zu Ende gelesen. Eigentlich schade, aber ich finde deshalb gar nicht, dass man die lieben Klassiker zwingend lesen muss, sondern einfach das, was einen interessiert 😉
    Dennoch sehr schöne Rezension zu diesem Klassiker!

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  2. Das Buch steht auch schon seit längerer Zeit in meinem Regal und wartet auf ein wenig Beantwortung von mir😅. Dafür hab ich letztens mal ‚Das Bildnis des Dorian Gray‘ gelesen und war eigentlich echt schockiert was Hollywood bisher so aus dieser großartig subversiven und fast Psychothrillermäßigen Vorlage gemacht hat…ist somit eine Empfehlung meinerseits für deine Klassiker-Liste😉

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  3. Hallo Karo,
    wie fast jedem war mir auch die Grundzüge der Geschichte bekannt, aber es ist jetzt das erstemal, dass ich eine Rezension darüber lese. Hat mir gut gefallen, du sprichst viele nachdenkenswerte Aspekte an.
    Ich lese im Moment auch viele Klassiker, hab alte Schullektüre geschenkt bekommen. Danach will ich es beibehalten, immer abwechselnd ein neueres und ein klassisches Stück zu lesen; dieses hier wird dann auf jeden Fall dabei sein!
    Ich bin über das #litnetzwerk hergekommen und werde nachher noch ein bisschen bei dir schmöckern, ich besuche bei diesen Wochenende eher wenige Blogs, die dafür aber intensiv 🙂
    liebe grüße
    Daniela

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  4. Schöne Rezension! Das Buch möchte ich auch noch lesen (auch wenn mich der Beitrag jetzt gespoilert hat, ich bin nicht gut darin, solche Warnungen zu umgehen…). Unter anderem auch deshalb, weil es eben zu den berühmtesten Klassikern gehört und ich (bis eben :D) nicht mal wusste, worum es konkret geht.

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