Ist Sherlock ein Psychopath?

Sherlockianische Grüße, ihr Lieben. Die #bakerstreetblogs melden sich heute wieder zurück. Wir haben zwei unterschiedliche Themen im Gepäck. Drüben auf Ant1heldin fragt sich Sabine, was passiert, wenn Holmes und Watson die Geschlechter wechseln und nimmt weibliche Versionen der Figuren unter die Lupe. Ich beschäftige mich derweil mit dem beliebten Diskussionthema „Was stimmt mit Sherlock nicht“. Auf geht’s!

PsychoSherlockThumb

Die „Denkmaschine Holmes“ – kalt, emotionslos, unnahbar. Darüber zu spekulieren, was die Ursache für das kühle Auftreten des berühmten Detektivs sein könnte, ist eine der liebsten Beschäftigungen der Sherlockianer. Schon über den Geisteszustand des Original-Holmes von Arthur Conan Doyle wurde viel diskutiert, aber als die BBC Serie Sherlock eine moderne und aufgetunte Version des Detektivs auf den Plan schickte, kam noch einmal frischer Wind in die Segel. Kann man in anderen Adaptionen oder im Original nur mutmaßen, warum Holmes so kühl ist, liefert diese Serie gleich eine Diagnose mit. Bereits in der ersten Folge wird Sherlock darin mehrfach als Psychopath bezeichnet, woraufhin er erwidert: „I’m not a psychopath. I’m a high functioning sociopath. Do your research!“

Zweifellos eine sehr knackige und zugkräftige Aussage, die derartigen Kultstatus erreicht hat, dass man sie nun auf Tassen, T-Shirts und Postern erwerben kann. Diskussionen darüber, ob Sherlock aber wirklich ein Soziopath ist oder ob er nicht eigentlich doch ein ganz anderes Problem hat, sind Thema von etlichen Foren-Threads, Youtube-Videos und Artikeln. Wie sieht es also aus mit der Recherche, die Sherlock in diesem Zitat einfordert? Haben die Macher der Show – Steven Moffat und Mark Gatiss – ihre Hausaufgaben gemacht? Zeigen Sie uns einen Soziopathen? Oder ist Sherlock – entgegen seiner Aussage – vielleicht doch ein Psychopath?

Was Psychopathen von Soziopathen unterscheidet

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir erst einmal fragen, was überhaupt der Unterschied zwischen Soziopathen und Psychopathen ist. Tatsächlich ist die Antwort darauf keine besonders einfache. Denn einige Psychologen, Psychoanalysten und Kriminologen sagen, dass es überhaupt keinen Unterschied gibt. Soziopathie und Psychopathie werden teilweise – und das ist auch der Grund, weshalb die Recherche für diesen Artikel ein ziemlicher Krampf war – einfach synonym verwendet. Gemäß dem DSM-5 (Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen) sind Psychopathie und Soziopathie auch keine eigenständigen Phänomene, sondern fallen unter den Ausdruck „Dissoziale Persönlichkeitsstörung“. Die Merkmale einer Dissozialen Persönlichkeitsstörung umfassen Verantwortungslosigkeit; Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen; fehlendes Schuldbewusstsein und Einfühlungsvermögen; eine niedrige Schwelle für aggressives oder gewalttätiges Verhalten; eine geringe Frustrationstoleranz; Schwierigkeiten, aus Erfahrungen zu lernen und die mangelnde Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Menschen aufrecht zu erhalten. Dennoch gibt es auch Forscher, die argumentieren, dass der Begriff der Psychopathie von dem der Dissozialen Persönlichkeitsstörung abgegrenzt werden müsse und dass es ferner einen Unterschied zwischen Psycho- und Soziopathie gibt. In der Studie „Variants of psychopathy in adult male offenders: A latent profile analysis.“ (Mokros et al) wird beispielsweise beschrieben, dass die Begriffe Psychopathie und Soziopathie in einem anderen Kontext verwendet werden: Psychopathie in einem psychologischen und Soziopathie in einem soziologischen. Was damit gemeint ist, ist folgendes: Bei Psychopathen gibt es, nach allgemeiner Auffassung, eine Störung im Gehirn – häufig vererbt oder genetisch bedingt; die Störungen eines Soziopathen sind das Ergebnis von äußeren Einflüssen – z.B. Kindheitstraumata oder Erfahrungen in der Jugend. Diese beiden Varianten der psychopathischen Störung werden auch als Primäre Psychopathie (das, was man meistens meint, wenn man „Psychopath“ sagt) und Sekundäre Psychopathie oder Pseudopsychopathie (das, was meist mit „Soziopath“ gemeint ist) bezeichnet. Ein primärer Psychopath wurde so geboren, ein sekundärer Psychopath (Soziopath) wurde zu einem gemacht. Dementsprechend gibt es auch einen Unterschied im Verhalten: Das Verhalten eines Soziopathen weicht weniger stark vom „normalen“ Verhalten ab, als das eines primären Psychopathen. Ein Psychopath ist aufgrund der Störung im Gehirn nicht in der Lage, Empathie zu empfinden. Ein Soziopath könnte das aber theoretisch und tut es vereinzelt auch – zum Beispiel bestimmten Personen gegenüber. Soziopathen neigen außerdem eher zu Nervosität, sind leicht reizbar und tendieren zu emotionalen Ausbrüchen.
Neben der DSM-5 gibt es auch noch andere Diagnosewerkzeuge, um Psychopathen zu ermitteln. Zum Beispiel die Psychopathy Checklist des kanadischen Kriminalpsychologen Robert D. Hare (wir werden später noch auf sie zurückkommen). Es kann durchaus sein, dass euch diese Checklist etwas sagt – zum Beispiel, wenn ihr Jon Ronsons großartiges Buch „The Psychopathy Test“ gelesen habt. Die Liste gibt 20 Merkmale vor, für die man Punkte von 0-2 verteilt. Ein „normaler“ Mensch erreicht Werte von 0-6. Die Grenze für (primäre) Psychopathen liegt bei 30 und sekundäre Psychopathen (Soziopathen) erreichen meist Werte von 22-29.  Soll heißen: Soziopathen sind, wenn wir es ganz einfach ausdrücken wollen, abgeschwächtere, normaler wirkende Psychopathen.

Warum interessiert uns das überhaupt?

Was ist Sherlock Holmes also – Psychopath, Soziopath oder hat sein Verhalten vielleicht eine ganz andere Ursache?
Nun, man könnte sich zunächst einmal fragen, wie sinnvoll es überhaupt ist, eine solche Frage zu stellen. Denn so lebendig der Detektiv auch zu sein scheint und so viele Herzen Cumberbatchs Interpretation des Charakters auch erobert hat, bleibt er doch immer eine fiktive Figur.
Warum viele Menschen aber trotzdem inspiriert werden, ihm und anderen fiktiven Figuren ein vollständiges Seelenleben und eine Vergangenheit zuzuweisen und ihr Verhalten zu analysieren, hängt unter anderem damit zusammen, wie unser Gehirn Geschichten verarbeitet: Erfahrungen, die Figuren in Geschichten machen, verarbeitet und speichert unser Gehirn ähnlich wie unsere eigenen. Charakterbasierte Geschichten erhöhen außerdem den Oxytocinspiegel. Oxytocin ist auch als Kuschelhormon bekannt und von elementarer Bedeutung bei der Mutter-Kind-Bindung, aber auch bei allen anderen zwischenmenschlichen Beziehungen. Dadurch fühlen wir, als echter Mensch, uns mit den Charakteren der Geschichte, die wir gerade verfolgen, verbunden und schreiben ihnen deshalb eine vollständige Persönlichkeit – manchmal mitsamt Persönlichkeitsstörungen – zu. Dass dies aber nicht ohne weiteres funktioniert, merkt man schnell, wenn man versucht, das Verhalten fiktiver Figuren an „menschlichen Standards“ zu messen, und man stößt auf noch größere Schwierigkeiten, wenn man versucht, bei ihnen psychische Erkrankungen zu diagnostizieren. Eine Figur mag echt wirken, aber sie ist es am Ende eben nicht. Eine Figurenzeichnung ist nicht immer konsistent und auch nicht immer komplett durchdacht. Manche Figuren sind einfach nur da, um zu unterhalten, zu belustigen, und hören danach einfach auf – sie sind nicht dreidimensional. Viele Figuren – und das trifft auch auf unseren Sherlock Holmes zu – wurden nur erschaffen, um einen speziellen Zweck zu erfüllen. Fiktion beschäftigt sich sehr häufig mit der Was-Wäre-Wenn-Frage. Was wäre, wenn plötzlich überall auf der Welt die Stromversorgung zusammenbricht? Was wäre, wenn wir durch die Zeit reisen könnten? Was wäre… wenn ein Ermittler die Verbrechensaufklärung wie eine Wissenschaft behandelt? Auftritt: Sherlock Holmes – die Denkmaschine. Doyle hatte nicht den Anspruch und auch nicht die Intention, dem Detektiv eine psychische Störung oder überhaupt ein tiefgreifendes Seelenleben zuzudenken, oder dieses zu erörtern. Holmes ist so „anders“, kalt und berechnend, weil Doyle einen Detektiv erschaffen wollte, der die Verbrechensaufklärung rein logisch angeht. Dazu war es notwendig, dass der Detektiv eben all das missachtet oder ausblendet, was wir als „menschlich“ betrachten: Emotionen, Sexualtriebe usw. Sherlock Holmes sollte Verbrechen analytisch lösen und Abenteuer erleben – das war seine Funktion und alles andere ist quasi Beiwerk und Ausschmückung.
Weil wir aber, wie oben erwähnt, oft den Wunsch haben, dass fiktive Figuren ein komplettes Leben haben und nicht einfach aufhören zu existieren, wenn die Geschichte endet, versucht man, hinter die Fassade von Holmes zu blicken. Was sorgt dafür, dass er so ist, wie er ist? Und was schlummert hinter der Maske?

Sherlock Holmes im Original – Ein Psychopath?

Allein, was den Original-Holmes betrifft, gibt es diverse Meinungen dazu, was die Ursachen für sein Verhalten sind – und mit jeder neuen Adaption kommen weitere hinzu. Die „Diagnosen“ reichen von Asperger-Syndrom, über Bipolare Persönlichkeitsstörung, bis hin zur Psychopathie. Letztere ist eine der bekanntesten Theorien und weil wir uns später mit dem High Functioning Sociopath aus BBC Sherlock befassen, schauen wir uns dieses Thema zunächst mal beim originalen Holmes an.

Sherlock_Holmes_-_The_Man_with_the_Twisted_Lip

Illustration: Sidney Paget, Wikimedia Commons

Neurowissenschaftler James Fallon plädiert eindeutig dafür, dass der Sherlock Holmes aus den Originalen ein charismatischer, primärer Psychopath ist. Er stützt seine These unter anderem darauf, dass der Detektiv keine Emotionen und Empathie zeigt, sich nicht für andere interessiert und sich nicht um die Gefühle anderer schert, es dabei aber trotzdem schafft, dass andere ihn bewundern. Die Sache ist allerdings, dass man in Frage stellen könnte, wie genau James Fallon die Geschichten eigentlich gelesen hat.
Zunächst einmal fehlen beim originalen Holmes Informationen darüber, wie er sich verhält, wenn er gerade keinen Fall löst. Klar, wir wissen, dass er ohne Probleme nicht gut kann („My mind rebels at stagnation“) und sich dann ab und zu mal ein bisschen Kokain spritzt. Aber darüber hinaus ist die Informationslage dünn. Gleiches gilt für Wissen darüber, wie er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Das meiste, was wir darüber meinen zu wissen, stammt eigentlich aus Theorien von Sherlockianern. Selbst wenn er also eine psychische Störung hat, wäre es unmöglich zu sagen, ob sie wie bei einem primären Psychopathen von Natur aus da ist, oder wie bei einem sekundären Psychopathen auf äußere Faktoren zurückzuführen ist.
Holmes‘ kalte Art scheint außerdem in den Originalen eher etwas zu sein, dass er erlernt hat, um ein besserer Detektiv zu sein. Zum Beispiel sagt Holmes in The Sign of Four über Watsons zukünftige Ehefrau Mary Morstan: “I think she is one of the most charming young ladies I ever met.”, aber fährt dann später fort: “But love is an emotional thing, and whatever is emotional is opposed to that true cold reason which I place above all things.” Wäre Sherlock Holmes ein Psychopath, würden diese Aussagen relativ wenig Sinn machen, weil er a) gar nicht erkennen könnte, dass Mary charmant ist und b) nicht zwischen „cold reasoning“ und Emotionen unterscheiden könnte. Er erkennt, dass Mary charmant ist, aber er verwirft den Gedanken dann. Er ist nicht unberührbar von Emotionen oder unempfänglich für Charme oder andere Reize, aber sobald er sie erkennt, schiebt er Gefühle zur Seite.

Ja, Holmes wirkt kalt, unnahbar und rücksichtslos und ja, sein Verhalten wirkt oft überheblich, und ja, er scheint manchmal Probleme zu haben, Emotionen vorauszusehen oder sie als Faktor mit einzubeziehen und ja, seine Methoden sind nicht immer solche, die für einen „normalen“ Menschen akzeptabel sind – zum Beispiel Hausmädchen Heiratsanträge zu machen, um an Informationen zu gelangen. Aber es mangelt ihm an, für einen Psychopathen entscheidenden, Eigenschaften – wie der Unfähigkeit, Empathie und Reue zu empfinden oder Fehler und Schuld einzugestehen. In The Three Garridebs ist er beispielsweise sehr bestürzt, als Watson angeschossen wird. (“You’re not hurt, Watson? For God’s sake, say that you are not hurt!”) Seine Empathie zeigt sich auch darin, dass er Kriminelle laufen lässt, wenn sie seiner Meinung nach größtenteils schuldfrei sind oder wenn er denkt, dass sie im recht sind. Das ist natürlich moralisch fragwürdig, aber ein Zeichen dafür, dass Sherlock Holmes Verständnis für menschliche Emotionen hat. Er zeigt außerdem Reue und entschuldigt sich, wenn er einen Fehler gemacht hat. So zum Beispiel in The Empty House: “I owe you a thousand apologies. I had no idea that you would be so affected”. Und obwohl Sherlock Holmes tatsächlich zeitweise arrogant und überheblich sein kann, ist er durchaus in der Lage, Fehler zuzugeben. So heißt es in The Disappearance of Lady Francis Carfax: “Should you care to add the case to your annals, my dear Watson, it can only be as an example of that temporary eclipse to which even the best-balanced mind may be exposed.” Es gibt außerdem ein sehr rührendes Zitat von Watson aus The Three Garridebs, in dem es heißt: It was worth a wound — it was worth many wounds — to know the depth of loyalty and love which lay behind that cold mask. The clear, hard eyes were dimmed for a moment, and the firm lips were shaking. For the one and only time I caught a glimpse of a great heart as well as of a great brain. Da ist er, der Beweis, dass Sherlock Holmes ein Herz hat. Wenn die Fassade eines Psychopathen bröckelt, würde man sehen, dass dahinter nur Kälte liegt. Bei Holmes ist genau das Gegenteil der Fall. Er ist kein Psychopath – nichtmal ein sekundärer.

BBC Sherlock – Ein Soziopath?

Etwas fragwürdiger ist dies jedoch in der BBC Serie Sherlock. Die Figur des Detektivs ist dort so angelegt, dass sie viele Eigenschaften des Original-Holmes drastischer darstellt. Sherlock wirkt – zumindest anfangs – härter, fieser, exzentrischer, antisozialer und insgesamt „unnormaler“ als der Original-Holmes. Die Ursache für sein ungewöhnliches Verhalten erklärt Sherlock selbst: Er ist ein High Functioning Sociopath. In Staffel 4 sehen wir außerdem auch einen möglichen Auslöser für Sherlocks angenommene Soziopathie: Seine Schwester tötet seinen besten Freund.

Was ich mich beim ersten Schauen von Sherlock gefragt habe, war zunächst mal: Was soll das „high functioning“ vor dem Sociopath? „High functioning“ im Zusammenhang von Störungen bedeutet normalerweise so viel wie, dass ein Patient, in der Lage ist, mit oder trotz der Einschränkung zu „funktionieren“. Tatsächlich ist der Begriff aber viel gebräuchlicher im Zusammenhang mit Autismus und wird eher selten zusammen mit psychopathy oder sociopathy verwendet. Wird er aber in diesem Zusammenhang verwendet,  meint er meistens, dass das Individuum hochintelligent ist und einen Weg gefunden hat, in der Gesellschaft erfolgreich zu sein. Genau wie Sherlock in der Serie.
„High functioning“ mag er also sein, aber was ist mit dem „sociopath“? Zeigt Sherlock wirklich die Eigenschaften eines Soziopathen bzw. eines sekundären Psychopathen?

Wie bereits oben erwähnt, finde ich solche Einschätzungen für fiktive Figuren grundsätzlich ein wenig problematisch. Aber da Moffat und Gatiss das angebliche Soziopathendasein so in den Fokus stellen, können wir auch durchaus mal schauen, ob sie uns auch wirklich einen zeigen.

Sherlock und die Psychopathy Checklist

Als „Diagnosetool“ nutzen wir die Psychopathy Checklist von Robert D. Hare. Diese Checklist umfasst 20 Punkte, die jeweils mit einem Wert von 0 (trifft nicht zu) bis 2 (trifft voll und ganz zu) bewertet werden.  Diese Liste ist nicht unumstritten und hat ihre Kritiker, aber sie kommt dennoch bei der Bestimmung von Psychopathen häufig zum Einsatz. Als (primärer) Psychopath gilt, wer mehr als 29 Punkte hat. Sekundäre Psychopathen (also Soziopathen) erreichen meist Punkte zwischen 22 und 29. Hinweis: Ich bin kein Psychologe und außerdem könnte eure Bewertung natürlich anders aussehen. Aber so würde ich Sherlock einschätzen:

Eigenschaften, die voll und ganz zutreffen und mit 2 Punkten bewertet werden:
Oberflächlicher Charme: Obwohl Sherlock die meiste Zeit über ziemlich unausstehlich ist, kann er sehr charmant sein, wenn er will. Er setzt den Hundeblick auf und verteilt Komplimente, wenn er zum Beispiel Molly dazu bewegen will, ihm ein paar Leichen zu zeigen und kann Magnussens Assistentin bezirzen. Sein umgekehrtes Lächeln, das sofort verschwindet, wenn er das bekommen hat, was er möchte, ist einer seiner Signature Moves.
Stimulationsbedürfnis: Wir brauchen dazu nicht viele Worte verlieren. Sherlock braucht ständig Stimulation. In seinem Fall: Probleme, die es zu lösen gilt – ansonsten dreht er durch. Beweisstück A:

Manipulatives Verhalten:  Bestes Beispiel sind hierfür die vorgespielte Liebe zu Janine in His Last Vow  und sein Verhalten gegenüber Watson in The Hounds of Baskerville, wo er die Wirkungsweise einer Droge an Watson testet und ihn dazu mit falschen Informationen füttert.
Polytrope Kriminalität: Jaja, Sherlock ist unser Held. Aber er ist auch ein Verbrecher – und wenn wir ehrlich sind, auch keiner von der harmlosen Sorte. Im Gegenteil: Sherlock ist ein Mörder (His Last Vow). Natürlich macht der Antiheld Sherlock das alles, weil er andere beschützen will, aber das ändert nichts daran, dass es eben Mord ist. Hinzu kommen diverse andere kleinere Verbrechen, mit denen Sherlock aber meistens einfach so davonkommt. Dazu zählen: Einbruch (The Blind Banker), das Zurückhalten von Beweisen gegenüber Scotland Yard (A Study in Pink) und Drogenbesitz und -konsum (u.a. The Abominable Bride).
Mangel an Empathie: Der Mangel an Empathie ist vermutlich die hervorstechendste „psychopathische“ Eigenschaft bei Sherlock. In A Study in Pink kann er beispielsweise nicht verstehen, wieso Jennifer Wilson noch immer traurig über ihre Fehlgeburt gewesen sein könnte. Das krasseste Beispiel ist aber vermutlich, dass er seinem besten Freund nichts davon erzählt, dass er seinen Tod nur vorgetäuscht hat. Er lässt ihn stattdessen zwei Jahre trauern und steht sogar versteckt einige Meter daneben, als sein Freund an seinem Grab weint und ihn darum bittet, doch damit aufzuhören, tot zu sein. WHAT THE HELL, SHERLOCK???!!!

Teilweise zutreffend – und mit einem Punkt bewertet – sind folgende Merkmale:
Übersteigertes Selbstwertgefühl: Ein Punkt, den man auf den ersten Blick bejahen würde. Dafür sprechen Zitate wie: „Oh look at you. You’re all so vacant. Is it nice not being me? It must be so relaxing!” (Study in Pink) oder “This investigation might go a lot quicker if you were to take my word as gospel” (The Blind Banker). Das ist jedoch immer etwas, das nur auf seinen Intellekt und seine Arbeit bezogen ist. Man könnte daher auch fragen: Ist das wirklich ein übersteigertes Selbstwertgefühl oder ist es vielleicht sogar eine korrekte Einschätzung? Sherlock ist sich seiner Schwächen, insbesondere auf der persönlichen Ebene, bewusst. So beschreibt er sich in seiner Trauzeugenrede als „the most unpleasant, rude, ignorant and all round obnoxious arse-hole that anyone could possibly have the misfortune to meet…” Akkurat.
Mangel an Gewissensbissen und Schuldbewusstsein: Eine Eigenschaft, die man Sherlock sowohl zu- als auch absprechen könnte. Sicherlich, in The Great Game zeigt er keinerlei Schuldempfinden, als eine alte Dame in die Luft gesprengt wird, weil er den Fall nicht rechtzeitig gelöst hat. Worauf ein „normaler“ Mensch sicherlich mit Schuldgefühlen reagieren würde. Aber es gibt, insbesondere in späteren Folgen, Zeichen dafür, dass er sehr wohl ein Schuldbewusstsein hat. Nachdem er es nicht geschafft hat, den Schwur zu halten, den er bei der Watsons Hochzeit abgegeben hat (die Watsons zu beschützen) und Mary stirbt, stürzt er in ein tiefes Loch.
Unfähig zu tiefen Gefühlen: Mhhh ein schwieriger Punkt. Sherlocks Reaktionen auf Emotionen wirken in früheren Folgen in jedem Fall nicht so, als wenn er selbst welche empfinden würde. So sagt er in A Scandal in Belgravia: „Sentiment is a chemical defect found in the losing side. This is your heart and you should never let it rule your head.“ Aber am Ende zeigt dieser Sherlock ja doch Gefühle für Irene Adler – rettet ihr das Leben. Seine, sich vertiefende Beziehung, zu Watson zeigt außerdem eine weitere deutliche Entwicklung in Richtung „echter Mensch mit echten Gefühlen“
Unzureichende Verhaltenskontrolle: Sherlock hat sich meistens ziemlich gut im Griff. Aber es gibt Ausbrüche verbaler und körperlicher Aggression. In The Hounds of Baskerville schmeißt er zum Beispiel Laborequipment an die Wand, weil er nicht findet, was er sucht. Er reagiert außerdem oft gereizt, wenn äußere Einflüsse ihn darin hindern, sich zu konzentrieren. Zum Beispiel in A Study in Pink: „Shut up everybody, shut up! Don’t move, don’t speak, don’t breathe, I’m trying to think! Anderson, face the other way, you’re putting me off!“

Kriterien die nicht zutreffend sind und mit 0 Punkten bewertet werden:
Pathologisches Lügen: Ja, Sherlock lügt, wenn es sein muss, zum Beispiel um an Informationen zu gelangen. Aber es ist nicht krankhaft. Psychopathen lügen quasi ständig und grundlos.
Parasitärer Lebenstil: Davon können wir bei Sherlock nichts erkennen. Er lebt nicht auf Kosten anderer und bereichert sich auch nicht dadurch, dass andere für ihn zahlen.
Promiskuität: Hahahahaha. Nein. Sexuelle Umtriebigkeit können wir Sherlock nun wirklich nicht vorwerfen. Er zeigt kein Interesse an Sex.
Fehlen von realistischen, langfristigen Zielen: Wir wissen wenig über Sherlocks langfristige Ziele. Er scheint eher bereits das erreicht zu haben, was er erreichen wollte: Detektiv werden. Außerdem möchte er Moriartys kriminelles Netzwerk zerschlagen. Das gelingt ihm. Von daher, ist es offenbar kein unrealistisches Ziel.
Verantwortungslosigkeit und Mangelnde Bereitschaft Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen: Beides keine Eigenschaften, die auf Sherlock wirklich zutreffen. Es gibt keine Belege dafür, dass er seine Pflichten missachtet, Rechnungen nicht bezahlt oder sich nicht an getroffene Vereinbarungen hält.
Impulsivität: Sherlock handelt schnell, aber nicht impulsiv. Er berechnet die Konsequenzen seines Handels – aber eben schneller als ein normaler Mensch.
Zahlreiche kurze eheähnliche Beziehungen:
Nope.

Es gibt zudem drei Kriterien, zu denen wir keine Aussage machen können, weil wir nicht genug in der Serie dazu sehen:
Jugendkriminalität, Bewährungsverstöße und frühe Verhaltensauffälligkeiten.

Alles zusammengerechnet erreicht Sherlock auf der Psychopathy Checklist nach meiner Einschätzung einen Score von 14. Das zeigt ihn zwar außerhalb des normalen Rahmens (0-6 Punkte), aber auch nicht in der Nähe der Punkte, die ein Soziopath erreichen würde (22-29) würde und ziemlich weit weg von den 30 Punkten, die ein Psychopath erzielen würde. Außerdem sind die Eigenschaften, die eher für einen Soziopathen typisch sind, wie Impulsivität eher weniger stark ausgeprägt. Die höchsten Werte erzielt Sherlock in den Bereichen, die für primäre Psychopathen typisch sind.
Die Darstellung der Figur erfüllt aber insgesamt zu wenige Punkte, um als Psychopath durchzugehen und auch zu wenige für einen Soziopathen. Aber „normal“ ist Sherlock eben auch nicht.

Asperger-Syndrom?

Als Erklärung für Sherlocks Verhalten wird auch oft das Asperger-Syndrom ins Spiel gebracht – auf Fan-Sites, in Foren oder sogar durch Watson in The Hounds of Baskerville. Asperger ist eine Variante des Autismus, die sich auf der einen Seite durch Schwächen in der sozialen Interaktion und Kommunikation und andererseits durch stereotypes Verhalten mit eingeschränkten Interessen zeigt. Ich werde jetzt nicht alle Merkmale durchgehen – zumal es, je nach Diagnoseleitfaden, verschiedene Diagnosekriterien gibt. Es soll an dieser Stelle ausreichen zu sagen: Sherlock zeigt einige der Merkmale des Asperger-Syndroms – wie beispielsweise sozial und emotional unangemessenes Verhalten, eingegrenzte Interessen, mangelndes Verständnis für soziale Signale – aber genauso viele andere eben nicht. So zum Beispiel: Repetitive Routinen, Fehlinterpretationen von wörtlichen Bedeutungen, begrenzte Gestik und begrenzter Blickkontakt sowie motorische Unbeholfenheit. Sollte die Figur in der Serie so angedacht sein, dass sie Asperger zeigt, ist es in jedem Fall keine besonders gelungene Umsetzung.

Das ist doch nicht normal!

So, nun habt ihr diesen Artikel aber vermutlich gelesen, weil ihr herausfinden wolltet, warum Sherlock, so ist wie er ist.
Der originale Holmes ist wie er ist, weil er Probleme ohne Einfluss von Emotionen, rein wissenschaftlich lösen sollte. Er ist kein Psycho- oder Soziopath, sondern allerhöchstens unkonventionell, exzentrisch und seine Methoden moralisch fragwürdig. Sherlock, als moderne Adaption verstärkt diese Eigenschaften und macht den Detektiv dadurch ansprechender für ein modernes Publikum. Figuren, die „anders“ sind, finden wir unterhaltsam, interessant und manchmal auch witzig – weil sie sich nicht so verhalten, wie wir oder wie es die Gesellschaft von ihnen erwartet. Man denke an Spock aus Star Trek oder an Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory. Eine Figur brüllen zu lassen: „I’m not a hero, I’m a high functioning sociopath“, bevor sie den Abzug der Waffe drückt, ist zweifellos ein einwandfreier Weg zu sagen: Hey, guckt mal, unser Protagonist ist total anders als normale Leute!
Im Falle von Sherlock hat die Deklarierung als Soziopath – auch wenn er, wie wir gesehen haben, keiner ist – aber noch eine andere Funktion. Anders als in Doyles Original, macht Sherlock hier nämlich eine Entwicklung durch. Er wird menschlicher, je weiter die Serie voranschreitet. Sherlock ist nicht allein eine Show über Sherlock – auch wenn sie so heißt. Der Einfluss, den John auf ihn hat, ist eines der zentralen Motive. Um diese Entwicklung wirkungsvoll zu zeigen, war es nötig, einen extremen Kontrast herzustellen – und wie ginge das besser, als zu sagen: Ich bin ein Soziopath? Je länger die Serie läuft, desto emotionaler, weicher und verletzlicher wird Sherlock. Er wird von einem Mann, der nicht in der Lage ist, Emotionen zu zeigen, zuzulassen oder angemessen auf sie zu reagieren, zu jemandem, der bewegende Hochzeitsreden hält und seinen Freund dann in Staffel 4 auch endlich mal tröstend in den Arm nehmen kann. Awww! Das spielt auch ein wenig mit der (sehr unrealistischen) Wunschvorstellung, dass man einen Bad-Boy ändern kann, wenn man nur hart genug daran arbeitet.
Der Hauptgrund dafür, dass Sherlock den Protagonisten als Soziopath bezeichnet und dass die Psychopath-Soziopath-Diskussion überhaupt in der Serie so präsent ist, ist aber vermutlich, dass es sich einfach gut verkauft. Psycho- und Soziopathen faszinieren uns. Und auch wenn wir ihnen im realen Leben nicht begegnen wollen, finden wir es doch recht spannend, uns mit ihnen zu befassen, wenn wir in sicherem Abstand zu ihnen auf der Couch sitzen. Psychopathen sind schon seit einigen Jahren „in“ – schon seit Dr. Hannibal Lecter aus Das Schweigen der Lämmer uns gleichzeitig anekelte und faszinierte. Wir sehen daher in den letzten Jahren sehr viele Psycho- und Soziopathen in der Film- und Fernsehlandschaft. Man denke da beispielsweise an Lucifer oder Dexter. Klar, der alte Spruch „Sex Sells“ gilt noch immer. Aber wenn man eine erfolgreiche Serie produzieren will, gilt mittlerweile auch: Pychopathy Sells.

So, nun genug über Psychopathen und schnell rüber zu Sabine, zu ihrem Artikel über weibliche Versionen von Holmes und Watson! Ich bin schon sehr gespannt! HIER geht’s lang.


Quellen

Sollid, Ragnhild (2016): A „high-functioning sociopath“? Sherlock Holmes (psycho)analysed
Mokros, A., Hare, R. D., Neumann, C. S., Santtila, Habermeyer, E., & Nitschke, J. (2015): „Variants of psychopathy in adult male offenders: A latent profile analysis.“

Web:
Maria Konnikova | criminal element: Stop Calling Sherlock a Sociopath! Thanks, a Psychologist.
Business Insider: We asked a neuroscientist if Sherlock Holmes is actually a sociopath and his answer surprised us
Dr. Todd Grande (Youtube): What is the Difference Between Primary and Secondary Psychopathy?
Wikipedia: Asperger-Syndrom, Dissoziale Persönlichkeitsstörung

 

3 replies

  1. Ein interessanter Beitrag! Das mit der Erklärung, warum wir oft mit Serien und Buchcharaktere wie reale Personen umgehen, wusste ich gar nicht. Das finde ich sehr faszinierend, weil ich mich da auch mal öfter ertappt haben mich mit meiner besten Freundin über Buchcharaktere wie echte Menschen zu unterhalten. Als wir in der Schule im Päda LK Rauchfleischs physchologischen Ansatz durchgenommen haben, haben wir Klaus aus The Original auch auf psychische Störungen „untersucht“ 😀 So genug zu dieser kleinen Anekdote, auf jeden Fall schön Sherlock Holmes unter die Lupe genommen, habe jetzt auch wieder Lust bekommen einen Rewatch der Serie zu starten.

    Liebe Grüße

    Nadine

    Gefällt 1 Person

    • Hey Nadine, danke Dir! 😊 Ja, es ist nicht immer so ganz einfach, fiktive Figuren nicht wie echte Menschen zu betrachten. Ich hatte auch schon den einen oder anderen Crush auf Figuren aus Büchern 😁
      Haha, euer Pädogogik LK klingt ja super! Das war garantiert eine sehr interessante Beschäftigung. Und welche Störungen hat Klaus so? 😀

      P. S. Ich hab hier vor einer Weile mal ein paar Zeilen dazu geschrieben, was so im Gehirn passiert, wenn wir Geschichten hören: https://fiktionfetzt.blog/2018/02/24/weshalb-menschen-geschichten-lieben/

      Gefällt 1 Person

      • Oh ja von Crush zu Buch Charakteren kann ich ein Lied singen, dass übertrifft deutlich die Menschen im realen Leben 😀
        Warum sind die aber auch immer so toll? 😀

        ich bin mir nicht mehr ganz sicher. Ich glaube, wir haben ihm eine narzistische Persönlichkeitsstörung diagnosiert, weil er zur Gewaltätigkeit neigt, dadurch aber auch zum großen Teil seine Verletztlichkeit versteckt, eigentlich ein geschwächtes Selbstbewusstsein hat, dass er zu verstecken versucht. Dann haben wir halt seine Kindheit und sein schlechtes Verhältnis zu seinem Vater analysiert 😀

        Alles halt aus Spaß 😀 War eine nette Klausur Vorbereitung.

        Danke für den Link, da werde ich mal vorbei schauen. Sehr interessantes Thema 🙂

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.