Von harten Fakten zu lebhaften Träumen: Alan Turing in Film, Buch und Graphic Novel

Happy Turing-Day an alle lieben Leser an den Computern da draußen! Wie seid ihr in den Tag gestartet? Erstmal die Wettervorhersage auf dem Smartphone gecheckt? Dann die aktuellen Nachrichten auf dem Online-Nachrichtenportal eurer Wahl zu Gemüte geführt? Siri gebeten, euch daran zu erinnern, morgen Kaffee nachzukaufen? Nach dem besten Pfannkuchen Rezept gegoogelt? Auf diesen Blogartikel geklickt? Dass wir all das noch vor dem Mittagsessen erledigen können, verdanken wir zu einem großen Teil den Ideen Alan Turings, der heute vor 107 Jahren geboren wurde. Obwohl wir sein Erbe jeden Tag nutzen, ist Alan Turings Name überraschenderweise nicht allen Menschen ein Begriff. Eine Erkenntnis, die ich vor allem dadurch gewann, dass mich meine Mitmenschen ab und an fragen, was ich denn gerade lese. In den letzten Monaten habe ich darauf häufig mit „Ich lese gerade ein Buch über Alan Turing“ geantwortet. Woraufhin eine überraschend große Anzahl an Menschen fragte: „Wer?“

Wer war Alan Turing?

Alan Turing (23 Juni 1912 – 7 Juni 1954) war ein britischer Mathematiker, Kryptoanalytiker und Logiker. Seine Arbeit gilt als wegweisend und bildet die theoretische Grundlage in den Bereichen der künstlichen Intelligenz und der Computer- und Informationstechnologie. Während des zweiten Weltkrieges arbeitete Turing für die britische Regierung in Bletchtey Park. Er war dort maßgeblich daran beteiligt, den Code für die deutsche Nachrichten Verschlüsselungsmaschine Enigma zu entschlüsseln und dadurch – laut Winston Churchhill – den Krieg um mindestens zwei Jahre zu verkürzen. Für seine Arbeit in den Kriegsjahren erhielt Turing den OBE (Order of the British Empire). Allerdings wurde die Arbeit der Codeknacker bis in die 70er Jahre von der Regierung unter Verschluss gehalten, sodass Turing nie darüber sprechen durfte, wofür er die Auszeichnung tatsächlich erhalten hatte.

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Im Jahr 1952 wurde Turing aufgrund des Bekanntwerdens seiner Homosexualität und einer gleichgeschlechtlichen sexuellen Beziehung wegen „grober Unzucht und sexueller Perversion“ vor Gericht gestellt. Das Ausleben von Homosexualität galt zu dieser Zeit in Großbritannien als Verbrechen und Turing wurde vor die Wahl gestellt, eine zweijährige Haftstrafe zu verbüßen oder sich einer chemischen Kastration mittels Hormon“therapie“ zu unterziehen. Turing entschied sich für letzteres, um seine Arbeit fortsetzen zu können. In Folge der Hormonbehandlung erkrankte Alan Turing an Depression. Er starb in der Nacht des 07.Juni 1954 im Alter von 41 Jahren an einer Cyanid Vergiftung, die vermutlich auf den Verzehr eines vergifteten Apfels zurückzuführen ist, den man angebissen neben seiner Leiche fand. Das offizielle Ermittlungsergebnis der Polizei lautete Suizid. (Auch wenn es heute Historiker gibt, die argumentieren, dass die Cyanid Vergiftung auch das Ergebnis eines Missgeschicks bei einem chemischen Experiment gewesen sein könnte, an dem Turing gearbeitet hatte.)

Warum ist Turings Wirken heute noch so relevant?

Im Alter von 23 Jahren veröffentlichte Turing die Abhandlung „On computable Numbers with an Application to the Entscheidungsproblem“. Darin legte er den Grundstein für die moderne Computerwissenschaft. Er beschrieb in dem Aufsatz die sogenannte „Turing-Machine“ – ein Gerät, das in der Lage ist, „jedes vorstellbare mathematische Problem zu lösen, sofern dieses durch einen Algorithmus gelöst werden kann“. Dieser Maschine wird ein Set von Instruktionen zur Verfügung gestellt (in der Form von Nullen und Einsen) um eine spezielle Aufgabe zu lösen. Was daran revolutionär war? Diese Rechenmaschine musste nicht in ihrem Aufbau verändert werden, um die nächste Aufgabe zu lösen. Sie musste nur mit einem anderen Set an Instruktionen gefüttert werden. Diese Idee bildete die theoretische Grundlage für etwas, das wir heute jeden Tag nutzen: Den digitalen Computer.

Dieser Idee folgend wirkte Turing maßgeblich an der Entwicklung einer solchen Maschine mit: Die “Automatic Computing Engine” (kurz ACE) war eine Maschine, die Instruktionen speichern und alles berechnen könnte, was man berechnen kann. Zwar war ACE nicht das Künstliche Gehirn, das sich Turing ursprünglich vorgestellt hatte, sondern eher ein übergroßer Taschenrechner, aber die Maschine ebnete den Weg für andere, leistungsstärkere und universellere Maschinen dieser Art. Ein paar Dekaden später finden wir die Erben von Turings Ideen überall – von Maschinen, die in Fabriken Autoteile zusammensetzen, bis hin zum Smartphone in unserer Hosentasche.

Aber Turings Einfluss endete nicht mit der Entwicklung dessen, was wir heute als modernen Computer ansehen. Seine Ideen und Denkweisen haben bis heute Einfluss auf das Feld der künstlichen Intelligenz. Während seiner Zeit in Bletchley Park und der Arbeit an der Enigma Entschlüsselung schrieb und redete Turing häufig von Maschinen, die in der Lage sein würden, menschenähnlichen Verstand anzuwenden, um Probleme zu lösen. Im Jahr 1950 veröffentlichte er den Aufsatz „Computing and Machine Intelligence“, in dem er zur Ermittlung von künstlicher Intelligenz das Konzept des „Imitation Games“ vorstellt: Ein einfach aufgebauter Test, bei dem ein menschlicher Fragesteller herausfinden muss, welcher seiner Interviewpartner ein Mensch und welcher eine Maschine ist. Dieses Konzept ist auch unter dem Namen “Turing Test” bekannt und gilt als Meilenstein im Bereich des maschinellen Lernens. (Es gibt heute übrigens künstliche Intelligenzen, denen man nachsagt, den Turing Test zu bestehen – zum Beispiel Google AI – was einige Menschen – vielleicht zurecht – beunruhigt.)

Same, same, but different

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Turings weitreichende Arbeit und sein Leben zwischen Ritterschlag und ungerechtfertigter Verurteilung als Verbrecher hat viele Autoren inspiriert, seine Geschichte aufs Papier oder die Filmleinwand zu bringen. Für mich, wie für viele andere, war die erste Geschichte dieser Art der Film The Imitation Game (2014). Im letzten Jahr habe ich dann endlich einmal einen Vorsatz in die Tat umgesetzt, der mir seit diesem Film im Kopf herumgeisterte und habe die Turing-Biografie Alan Turing: The Enigma von Andrew Hodges gelesen. Die Unterschiede zwischen den beiden Werken führten mir wieder einmal vor Augen, wie eine Geschichte auf unterschiedlichste Weise erzählt werden kann und ich wurde neugierig darauf, welche anderen Ansätze es noch gab. Ich stieß zum Beispiel auf den Roman Murmur von Will Eaves und die Graphic Novels The Imitation Game von Jim Ottiviani & Leland Purvis und Turing von Robert Deutsch. Diese fünf Werke, ihre unterschiedlichen Herangehensweisen, thematischen Schwerpunkte und meine Eindrücke dazu stelle ich euch hier vor:

Biografie: Alan Turing: The Enigma

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Andrew Hodges Biografie gilt als das Standardwerk über Alan Turing und taucht in den Quellenangaben beinahe jedes anderen Buches zu diesem Thema auf. Was Hodges hier geschaffen hat, ist vermutlich der umfassendste und umfangreichste Überblick über Alan Turings Leben und Schaffen.
Der Titel Alan Turing: The Enigma ist dabei treffend gewählt. Denn nicht nur wird Turings Arbeit an der Entschlüsselung der Enigma Maschine und seine Zeit in Bletchley Park umfassend beleuchtet, sondern es wird klar herausgestellt, dass Alan Turing selbst ein Enigma ist. Ein Mann, dessen Innenleben und Gefühle uns vermutlich nie offengelegt werden können und der daran arbeitete, Geheimnisse zu entschlüsseln, aber einen großen Teil seines Lebens selbst Geheimnisse hüten musste – sowohl was seine Arbeit, als auch seine Sexualität betrifft.

Hodges lässt sich bei seinen Betrachtungen nur sehr selten zu Mutmaßungen und Interpretationen verleiten, sondern hält sich an das, was die Quellenlage zulässt. Turing war jedoch kein Mann, der sein Innenleben gerne mit anderen teilte. Die Aufzeichnungen bezüglich seines Privatlebens sind nicht besonders umfangreich – auch wenn Hodges versucht, alles an Informationen herauszuholen, was Zeitzeugenberichte und -aufzeichnungen hergeben. Turings Arbeit hingegen ist besser dokumentiert. Hodges beschreibt, erörtert und erklärt hier detailliert. Als Nicht-Mathematiker fällt es manchmal schwer, alles auf Anhieb (oder überhaupt) zu verstehen. Dennoch sollte man sich von all den Formeln in diesem Buch nicht entmutigen lassen, wenn man – so wie ich – kein Mathematiker ist. Es macht dann eher Sinn, sich auf grundsätzliche Ideen zu konzentrieren und sich davon durch das Buch führen zu lassen. Besonders interessant ist die Biografie auch dann, wenn sie den historischen und gesellschaftlichen Kontext erörtert und beispielsweise erklärt, wie und unter welchen Gefahren Homosexualität zu dieser Zeit ausgelebt wurde.

Ich empfehle dieses Buch jedem, der sich mit Alan Turing beschäftigen möchte. Aber es sei gesagt, dass es für Nicht-Mathematiker teilweise schwer ist, den Ausführungen zu folgen und wenn wir ehrlich sind, ist es auch nicht immer interessant. Die Beschreibungen von Turings Arbeit gehen weit über grobe Abrisse hinaus und gehen tief, tief ins Detail. Das ist natürlich super, aber es ist ein wenig trocken und erfordert viel Aufmerksamkeit vom Leser. Man muss sich Zeit nehmen für dieses Buch. Belohnt wird man mit einem sehr umfangreichen Einblick in Turings Leben.

Film: The Imitation Game

Mit dem Film The Imitation Game rückten Alan Turing und seine Geschichte 2014 ins Augenmerk der breiteren Öffentlichkeit. Ich lehne mich vielleicht gar nicht mal so weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte: Viele Menschen haben überhaupt erst durch den Film erstmals etwas von Alan Turing gehört. Dem Film gelang es nicht nur, Turings Geschichte auf eindringliche Weise einem großen Publikum vorzustellen, sondern er wurde 2015 auch mit dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet.
Interessanterweise ist das Buch, von welchem das Drehbuch adaptiert wurde, die eben erwähnte Biografie von Andrew Hodges, Alan Turing: The Enigma. Das ist deshalb interessant, weil der Film nur sehr wenig mit dem Buch gemein hat. Beschränkt sich Hodges auf Fakten, sehen wir in The Imitation Game viele Interpretationen, Übertreibungen, Veränderungen und Erfindungen. Das ist natürlich vollkommen legitim. Denn wir gehen schließlich ins Kino um eine Geschichte erzählt zu bekommen, die auf der Leinwand funktioniert und die unsere Aufmerksamkeit für zwei oder drei Stunden fesseln kann. Storytelling toppt Wahrheit. Biopics wie The Imitation Game geraten aber gerade dafür oft in die Kritik, wenn sie sich von der historischen Vorlage oder der „wahren“ Geschichte entfernen. (Man hat das zum Beispiel unlängst bei der Kritik an der veränderten zeitlichen Abfolge von Bohemian Rhapsody gesehen). Eine derartige Kritik und das Herauspicken von „Fehlern“ ist aber nur mäßig sinnhaft. The Imitation Game gibt auch gar nicht vor, die wahre Geschichte zu erzählen. „Based on the true story“ heißt es im Trailer, nicht „the true story“ – der Unterschied sollte jedem klar sein. Ich werde deshalb jetzt keinen von diesen: „All the things The Imitation Game got wrong“ Artikeln schreiben – ich denke auch, das kann jeder selbst googeln (oder einfach Andrew Hodges Biografie lesen). Ich sage daher nur: The Imitation Game unterscheidet sich recht stark von seiner historischen und biografischen Vorlage. Der Film stellt Turing beispielsweise als absoluten Außenseiter und missverstandenes Genie mit autistischen Zügen dar – was nicht ganz der Wahrheit entspricht. Der Film spielt heftig mit dem „Loner-Genius“ Konzept, das zu dieser Zeit besonders populär war. (Figuren von missverstandenen und missverstehenden, einsamen Genies erlebten zu dieser Zeit Hochkonjunktur in Film und TV: Von Sherlock über Sheldon Cooper bis hin zu der Interpretation Turings in diesem Film.) Die Darstellung von Turing auf diese Weise und die Fokussiereng auf seine teils exzentrischen Verhaltensweisen – mitsamt den Spannungen, die sie verursachen – war aber notwendig, um die Botschaft dieses Filmes zu vermitteln: Versuch nicht, „normal“ zu sein. Du musst nicht „normal“ sein, um Großes zu leisten. Wahrscheinlich vollbringst du Großes genau deshalb, weil du nicht „normal“ bist! Nicht umsonst beendete Drehbuchautor Graham Moore seine Oscar-Dankesrede mit den Worten: „Stay weird, stay different.“ Das ist eine gute und extrem wichtige Botschaft und ihre Eindringlichkeit ist eine der beiden großen Stärken dieses Films. Die zweite Stärke und letztendlich auch das, was die gesamte Geschichte trägt, ist Benedict Cumberbatchs Performance – und ich sage das jetzt nicht nur in meiner Eigenschaft als Cumberbatch-Fangirl. Subtrahiert man Cumberbatch von der The Imitation Game-Gleichung ist das Ergebnis ein, wenn wir ehrlich sind, durchschnittliches Historien- und Spionagedrama. Mit ihm erhält man eine bewegende Geschichte, bei der fast garantiert ist, dass man ein paar Tränen vergießt. Insbesondere wenn man sich den Film im Original ansieht, wird man erkennen, wie viel Cumberbatch an der Rolle gearbeitet hat. Seine Stimme ist verändert, er stottert, er hat sogar eine andere Kieferhaltung (er trug eine Nachbildung von Alan Turings Zahnersatz während der Dreharbeiten). Natürlich ist es der Job eines Schauspielers, andere Menschen zu spielen. Aber eine gute Performance macht aus, dass man den Schauspieler vergisst und nur die Figur sieht, die er verkörpert. In The Imitation Game verschwindet Benedict vollkommen und wir sehen nur Alan – von Minute 1 an.

Wer auf die Fakten und die wahre Geschichte rund um die Entschlüsselung des Enigma-Codes pocht, sollte sich The Imitation Game vielleicht nicht ansehen. Wer jedoch eine herzzerreißende Geschichte über einen genialen Wissenschaftler sehen will, die von Alan Turings Leben inspiriert wurde, ist hier richtig – und sollte Taschentücher mitbringen.

Graphic Novel: The Imitation Game: Alan Turing Decoded

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Die Graphic Novel The Imitation Game von Jim Ottaviani und Zeichner Leland Purvis trägt zwar denselben Titel wie der Blockbuster, unterscheidet sich aber inhaltlich vollkommen.
Anders als der gleichnamige Film konzentriert sich die Graphic Novel nicht nur auf das Codeknacken in Bletchley Park, sondern versucht, eine historisch korrekte Zusammenfassung und Vorstellung von Turings Leben und Wirken zu geben – angefangen in der Kindheit bis hin zu seinem Tod. Die Geschichte ist aufgezogen als Interview mit den Weggefährten Turings – was zwar für Abwechslung aber auch für eine Gewisse Verwirrung sorgt. Manchmal ist nicht ganz klar, wer jetzt gerade erzählt und mir erschloss sich bis zum Schluss auch nicht, wieso man diese Erzählstruktur überhaupt gewählt hat. Ich bezweifle außerdem leider, dass jemand, der noch nicht an anderer Stelle schon etwas über Turings Leben gelesen hat, sich mit dieser Graphic Novel tatsächlich ein gutes Bild machen kann. Es gibt in dieser Geschichte zu viele Lücken, die jemanden, der sich noch nicht mit Turings Biografie befasst hat, stolpern lassen würden. Man würde sich zum Beispiel Fragen stellen wie: Wer ist dieser Mann, der da gerade interviewt wird und warum war er wichtig in Turings Leben? Ich musste im Kopf zu viel der Geschichte selbst ergänzen, denn anders würde der Plot teilweise wenig Sinn ergeben. Was jedoch die starke Leistung dieser Graphic Novel ist, sind die Abschnitte in denen Turings Ideen und Theorien – wie z.B. die Turing Maschine und oder das titelgebende Imitation Game – auf anschauliche Art und Weise erklärt werden. Die Graphic Novel schafft dabei den Balanceakt zwischen Detail und Vereinfachung, sodass man durchaus zu dem einen oder anderen Aha-Erlebnis kommt.

Dieses Buch eignet sich eher für Leser, die schon ein oder zwei Dinge über Turing erfahren haben und ihr Wissen auffrischen wollen. Dann ist The Imitation Game: Alan Turing Decoded eine ansprechend gestaltete Zusammenfassung von Turings Leben und Wirken und legt den Fokus darauf, teils abstrakte Ideen anschaulich darzustellen. Für den Einstieg eignet sie sich aber in meinen Augen nicht.

Graphic Novel: Turing

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Einen etwas anderen Weg geht Robert Deutschs Graphic Novel Turing. Der Fokus liegt hier nicht darauf, einen biografischen Überblick zu geben, sondern auf Turings Sexualität und der gesellschaftlich Nichtakzeptanz. Im Mittelpunkt steht dabei die Affäre zu Arnold Murray, die letztendlich zur Verurteilung wegen „grober Unzucht und sexueller Perversion“ führte. Gehen andere Interpretationen und Adaptionen vielleicht gerne den Weg, Turings Homosexualität nur am Rande zu erwähnen, geschweige denn Liebesszenen zu zeigen, schlägt Robert Deutsch einen ganz anderen Pfad ein – es gibt hier zum Beispiel sehr explizite Sexszenen.
Deutsch geht recht frei mit Turings Geschichte um und vermischt Reales mit Erfundenem, wenngleich die zentralen Themen perfekt aufgegriffen werden. Das Buch zeigt Turing als einen Mann, dessen liebenswerte Naivität gnadenlos mit der Nachkriegsrealität des britischen Königreichs kollidiert. Dazu passend wirkt der Zeichenstil der Graphic Novel naiv, beinahe kindlich und steht in krassem Kontrast zum tragischen Verlauf Handlung. Mit eingearbeitet sind außerdem immer wieder Figuren aus dem Märchen Schneewittchen und die Sieben Zwerge, was den kindlichen Charakter noch unterstreicht. Gleichzeitig sorgt genau das für eine Gänsehaut, wenn man bedenkt, wie sich Turing das Leben nahm: Mit einem vergifteten Apfel.

Ob man dieses Buch mag, hängt vermutlich sehr stark davon ab, ob man sich mit dem naiven Zeichenstil arrangieren kann oder nicht (das Bild auf dem Cover entspricht nicht dem Stil der Zeichnungen im Buch). Mir fiel das, wenn ich ganz ehrlich bin, zwar anfangs schwer, aber nach ein paar Seiten zog mich die Geschichte in den Bann. Robert Deutschs Turing ist durch das Spiel mit den Kontrasten eine sehr spannende Interpretation von Alans Geschichte, für die ich ruhigen Gewissens eine Empfehlung aussprechen kann.

Roman: Murmur

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Von allen Werken, die wir uns in diesem kleinen Artikel bisher angeschaut haben, ist Will Eaves Roman Murmur vermutlich das ungewöhnlichste. Obwohl Alan Turing hier selbst nicht in Erscheinung tritt, wurde die Geschichte unzweifelhaft von seinem Leben inspiriert und es lässt sich mehr als eine Parallele zwischen seinem und dem Leben des Protagonisten finden. Murmur handelt von einem Wissenschaftler namens Alec Pryor. Wie Turing wird auch Pryor zur chemischen Kastration und Psychotherapie verurteilt. Das Buch besteht aus Notizen, Briefen und Traumsequenzen – wobei die Träume immer der Ausgangspunkt sind und Briefe und Notizen meistens Pryors Versuch darstellen, diese zu deuten. Wir begleiten ihn also dabei, wie er, seinem Naturell entsprechend, mit großer wissenschaftlicher Neugier und Aufrichtigkeit versucht, sein eigenes Innenleben und seine Gedanken und Träume zu deuten, zu verstehen und zu erklären.

Eaves Roman wirkt in vielerlei Hinsicht experimentell und ungewöhnlich. Es ist eine Leseerfahrung, die ich bisher so nicht kannte. Was Murmur von allen Büchern unterscheidet, die ich jemals gelesen habe, sind die Traumsequenzen. Normalerweise werden Träume in Geschichten und Büchern so erzählt, dass sie einen Sinn ergeben, sie ergänzen oft die Erzählung und sind in sich geschlossene Geschichten innerhalb von Geschichten. Das hat aber eigentlich wenig damit zu tun, wie wir wirklich träumen. Die Traumsequenzen in Murmur hingegen, wirken wie „echte“ Träume. Es gibt merkwürdige Szenenübergänge, plötzliche Cuts, Dinge, die überhaupt keinen Sinn ergeben und aus dem nichts auftauchen, aber innerhalb des Traumens nicht in Frage gestellt werden. Genauso gibt es eben aber auch Elemente, die viel über die Psyche, die Ängste oder geheimes Verlangen verraten. Murmur war für mich eine sehr spezielle, eigen- und einzigartige Leseerfahrung.

Will man die Träume in dem rein fiktiven Werk Murmur tatsächlich mit Turings Leben verknüpfen, empfiehlt es sich auch hier, sich vorab ein wenig mit Turing zu beschäftigen. Alle Figuren in diesem Buch sind Avatare von Personen aus Turings Leben – sie tragen in Murmur nur andere Namen. Die Zuordnung zu den realen Entsprechungen gelingt nur, wenn man schon an anderer Stelle von ihrem Einfluss auf Turings Leben erfahren hat. Aber ich denke eigentlich, dass Murmur als Roman auch funktioniert, wenn man überhaupt nichts über Turing weiß. Dann erzählt das Buch die Geschichte eines Mannes, der körperlichem und seelischem Stress mit wissenschaftlicher Neugier begegnet und versucht, die Tiefen des eigenen Bewusstseins zu ergründen. Eine sehr ungewöhnliches Leseerlebnis!

So Freunde, das war’s! Vielleicht hat der/die eine oder andere von euch ja durch meine kleine Vorstellungsrunde nun Lust bekommen, sich mit Alan Turing zu befassen. Wie ihr seht, gibt es die unterschiedlichsten Herangehensweisen beim Adaptieren und Interpretieren von Alan Turings Geschichte. Es gibt hier kein richtig oder falsch – sondern nur verschiedene Wege, eine Geschichte zu erzählen. All diese Werke haben ihre Berechtigung – und alle haben etwas, das sie auszeichnet. Vor allem aber tragen sie allesamt dazu bei, eine Geschichte bekannt zu machen und am Leben zu erhalten, die jeder kennen sollte: Die von Alan Turing. Wenn ihr also heute irgendetwas auf eurem Laptop tippt oder aufs Smartphone schielt, weil euch jemand Liebesbotschaften oder witzige Memes schickt, sagt doch kurz mal: „Danke, Alan.“


Infos zu den Büchern und Filmen:

Alan Turing: The Enigma (1992), Andrew Hodges, Vintage, 768 Seiten, ISBN 978-0099116417, Sprache: Englisch, Deutscher Titel: Alan Turing, Enigma (1994), Springer, Übersetzung: R. Herken, E.Lack

The Imitation Game (2014), Regie: Morten Tyldum, Drehbuch: Graham Moore, Deutscher Titel: The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben, Darsteller u.a.: Benedict Cumberbatch, Keira Kneightley, Matthew Goode

The Imitation Game: Alan Turing Decoded (2016), Jim Ottiviani, Leland Purvis, Abrams & Chronicle Books, 233 Seiten, ISBN 978-1419718939, Sprache: Englisch, bisher keine deutsche Übersetzung erschienen

Turing (2017), Robert Deutsch, avant-verlag, 192 Seiten, ISBN 978-3945034552, Sprache: Deutsch

Murmur (2018), Will Eaves, BELLEVUE LITERARY PR, 184 Seiten, ISBN978-1942658641, Sprache: Englisch, bisher keine deutsche Übersetzung erschienen

There are 4 comments

  1. ninakol.

    Wahu, was für eine Mühe Du Dir hier gegeben hast. Und ich versteh absolut gar nichts von der Materie. Film und damit die in den Vordergrund gerückte Person habe ich schon mal im Blickfeld gehabt, auch wenn man sich vorstellt, was alles passiert wäre, wenn man den Code nicht geknackt hätte, (es gab noch ganz andere Pläne, den Krieg zu beenden)…
    Danke Dir und liebe Grüsse
    Nina

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  2. Suzie

    Hammer-Artikel! Toll geschrieben, bin total begeistert! Den Film habe ich seinerzeit auch gesehen und war ebenfalls der Meinung, dass er nur durch Cumberbatch‘s Darstellung so gelungen war. Aber das sind Filme dieser Art ja meist, s. „A Beautiful Mind“ oder „Die Entdeckung der Unendlichkeit“.

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  3. Mikka Liest

    Hallo,

    ich habe gerade erst das Buch „Menschen wie ich“ von Ian McEwing gelesen, in dessen alternativer Wirklichkeit Turing nicht chemisch kastriert wurde und sich daher auch nicht umgebracht hat. Ich fand hochinteressant, wie sich die Welt des Buches, verglichen mit unserer Realität, alleine dadurch verändert, dass Turing weiterlebt und weiterforschen kann.

    Turing war mir allerdings vorher schon ein Begriff, weil ich von 2000 bis 2005 Computervisalistik studiert und auch „Robotik / Künstliche Intelligenz“ belegt habe, wobei man um Turing natürlich nicht herumkam. 🙂

    „The Imitation Game“ sollte ich mir endlich mal angucken! Ich schaue seeeeer selten Filme oder Fernsehen, aber ich mag den Schauspieler und finde das Thema sehr interessant.

    „murmur“ klingt sehr interessant, das werde ich mir auf jeden Fall mal näher anschauen.

    LG,
    Mikka

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  4. Miss Booleana

    Vielen Dank, dass du Alan Turing mit deinem Beitrag in das Bewusstsein der Menschen holst 🙂 Ich habe damals mit Spannung den Film mit Benedict Cumberbatch erwartet, da er passenderweise gerade zu meinem Höhepunkt des Sherlock-Fangirling erschien. Dass Benedict Cumberbatch auch noch einen meiner „Helden“ der Mathematik und Informatik spielen würde … das Glück hätte kaum größer sein können 😉 Turing und seine Turing-Maschine begegneten mir in meinen Mathematik-Fächern in der Uni, die Turing-Maschine in meinem KI-Fach. Allerdings haben die Aussagen des Films über Mathematik und Informatik schon während des Schauens des Films etwas meinen Argwohn erregt. Als ich dann aus Interesse so wie Alan Turing: The Enigma las, habe ich sowohl in dem Film als auch (muss ich leider so sagen) Benedict Cumberbatchs Performance wenig von dem vorgefunden. Ich sage es nicht gern, aber manchmal muss man zu den Fakten stehen, die Charaktere genauso ausmachen wie ihr Genie: nämlich, dass Alan Turing scheinbar um einiges mehr socially awkward war als die noch recht verträgliche Darstellung in Imitation Game. Nichtsdestotrotz ist er ein großer Kopf und Vordenker. Die Graphic Novel „Turing“ und „Murmur“ schaue ich mir bestimmt auch mal an 😉

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