Adventskalender | 6. Dezember: Humbug!

Einen fröhlichen 6. Dezember wünsche ich euch! Ich hoffe, ihr habt heute Morgen keine Rute in euren Stiefeln gefunden. Hier auf Fiktion fetzt gibt es auch keine Rügen vom Nikolaus, sondern nur schöne Geschichten. Heute steckt eine ganz besondere – ach was, DIE – Weihnachtsgeschichte im Adventskalender.

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A Christmas Carol
Ein Weihnachtslied

Charles Dickens

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Nun, was kann ich euch schon über diese Geschichte erzählen? Wer sie kennt, weiß schließlich, wie schön sie ist.

Im Mittelpunkt von A Christmas Carol steht die Kehrtwende des fiesen Ebenezer Scrooge. Er hält anfangs nichts von Besinnlichkeit oder Nächstenliebe. Er will nichts spenden, er will nicht zu Weihnachtsfeiern eingeladen werden, er will eigentlich noch nicht einmal seinem fleißigen Sekretär, Bob Cratchit, am Weihnachtstag frei geben. Weihnachten und alles, wofür es steht, bezeichnet er mit den Worten „Bah! Humbug!“
Scrooge wird in der Nacht zum 25. Dezember jedoch von 4 Geistern heimgesucht. Zunächst erscheint der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners, Jacob Marley. Marleys Geist trägt Ketten, an denen Geldkassetten und Geldbörsen hängen – sie wurden geschmiedet in einem Leben im Zeichen von Gier und Geld. Auch Scrooge trage bereits eine solche Kette, länger noch als die von Marley. Deshalb werde Scrooge noch in dieser Nacht von drei Geistern besucht, die ihn auf den richtigen Weg zurückführen sollen: vom Geist der vergangenen Weihnacht, dem Geist der diesjährigen Weihnacht und dem Geist der zukünftigen Weihnacht. Es kommt wie von Marley versprochen und die drei Geister führen Scrooge nacheinander in seine eigene Jugend und Kindheit, zeigen ihm das Weihnachtsfest im aktuellen Jahr und reisen mit ihm zu düsteren Weihnachtstagen in der Zukunft. Scrooge bekommt durch die drei Geister einen Spiegel vorgehalten und fragt sich schließlich: Wofür das Streben nach mehr und mehr Geld, wenn doch die eigenen glücklichsten Stunden mit etwas ganz anderem zu tun hatten? Warum griesgrämig sein, wenn es so viele Menschen gibt, die so viel ärmer und doch so viel dankbarer sind? Willst du wirklich, dass die Leute dich als geizigen Menschenhasser in Erinnerung behalten? Die Besuche der Geister öffnen Scrooge die Augen und er ändert sein Leben fortan von Grund auf. Schön!

Dickens‘ unsterbliche Weihnachtsgeschichte wurde am 19. Dezember des Jahres 1843 veröffentlicht. Nur 5 Tage später, am Heiligen Abend, war sie überall ausverkauft. Die Geschichte kam genau zur richtigen Zeit, denn unter Queen Victoria wurde das Weihnachtsfest zunehmend populärer. Die Briten nahmen alte Traditionen wieder auf nahmen neue hinzu. Dazu gehörte zum Beispiel das Singen von alten Weihnachtsliedern, aber auch der Einzug des Weihnachtsbaumes in viele Haushalte Großbritanniens.

Mit A Christmas Carol traf Dickens aber nicht nur den Zeitgeist, weil das Weihnachtsfest in Großbritannien ein Revival erlebte. Er prangerte auch soziale Missstände an, die zur damaligen Zeit eine große Rolle spielten (und leider immernoch spielen). Armut und Obdachlosigkeit sind wichtige und präsente Themen in diesem Buch. Scrooge wird zum Beispiel am Anfang von zwei Herren besucht, die Spenden für ein Armenhaus sammeln. Die jagt Scrooge mit der Frage, ob es denn keine Gefängnisse und Arbeitshäuser gäbe, in denen die Armen hausen könnten, davon. Auch der Blick in die Wohnzimmer und Weihnachtsfeste – insbesondere das der Familie Chratchit – zeigt das Leben der ärmeren Bevölkerungsschichten. Dickens schrieb A Christmas Carol als Antwort auf die, zu dieser Zeit vorherrschende, gesellschaftliche Einstellung zur Armut. Die Geschichte zeigt Scrooge als Paradigma für Egoismus. Als Allegorie für die Auswirkungen der Ignoranz der Armut der anderen stehen dagegen die abgemagerten kindlichen Figuren Want und Ignorance, die unter dem Mantel des Geists der diesjährigen Weihnacht verborgen sind. Die beiden Figuren wurden erschaffen, um beim Leser Mitgefühl hervorzurufen. Gleiches gilt für die Figur des Tiny Tim, Cratchits totkranker Sohn, der sofern er keine Hilfe bekommt, das nächste Weihnachtsfest nicht erleben wird. Durch diese Figuren konnte Dickens von der Notwendigkeit von Wohltätigkeit und Nächstenliebe schreiben, ohne seine vorwiegend bürgerliche Leserschaft zu sehr vor den Kopf zu stoßen.

Auch heute, mehr als 150 Jahre nach der Veröffentlichung gehört A Christmas Carol zu den beliebtesten und bekanntesten Weihnachtsgeschichten überhaupt. Einerseits natürlich, weil die angesprochenen Themen leider nie an Aktualität verlieren, andererseits weil die Novelle eine so atmosphärische Erzählung ist, dass man sich sofort in ihr verlieren kann. Sie ist sehr bildhaft geschrieben und sobald man anfängt zu lesen, sieht man sich quasi neben Scrooge sitzen und zusammen mit den Geistern vergangene, zukünftige und diesjährige Weihnachtsfeste besuchen. Außerdem bietet sie das nötige Maß an Magie, das eine echte Weihnachtsgeschichte braucht – Geister und das Reisen durch die Zeit – gekoppelt mit einem wachen Blick auf die Welt. Sie ist außerdem nicht sehr lang. Man kann sie in einem Rutsch an einem gemütlichen Nachmittag durchlesen. Trotzdem schafft sie es in der kurzen Zeit, Gefühle zu wecken. Man lacht, man grinst, man jubelt, man heult. Ich habe diese Geschichte schon unzählige Male gelesen und gesehen und kein einziges Mal ist es mir gelungen, nicht zu weinen. Weder beim wirklich wunderschönen Original, noch bei den unzähligen Adaptionen der Geschichte – Filme, Hörspiele, Theaterstücke, die mal modernisiert, mal ganz klassisch daherkommen. (Spoiler-Alert: Eine davon wartet morgen im Kalender.) Aber, ich will ganz ehrlich sein: Für mich geht eigentlich nichts über das Original. Für viele (auch für mich) gehört Charles Dickens‘ A Christmas Carol zum Weihnachtsfest wie der Weihnachtsbaum.

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