Ein echter Klassiker: Mary Shelleys Frankenstein – Wo ist eigentlich Igor?

„Igoooor, es lebt!“ Das war so ziemlich das, was mir einfiel, wenn jemand von Frankenstein sprach. Allerhöchstens dachte ich vielleicht auch noch an den Fakt, den alle Besserwisser nicht müde werden, zu betonen: Frankenstein ist der Name des Wissenschaftlers, nicht der des Monsters. Jaja, das wissen wir mittlerweile alle. Aber darüber hinaus wusste ich – retrospektiv – nicht besonders viel. Mary Shelleys Schauerroman, so dachte ich, drehe sich um einen verrückten Wissenschaftler, der mit seinem Gehilfen, Igor, ein Monster aus Leichenteilen zusammenbastelt, das sich dann gegen seinen Schöpfer richtet und die Stadt in Schutt und Asche legt, bis die erzürnten Bewohner, es mit Fackeln jagen und zur Strecke bringen. Blitze, Feuer, Labore und Gewalt die Zutaten dieser Geschichte. Das Monster halb gruselig, halb lächerlich – grün und hässlich, mit Schrauben, die ihm aus dem Hals ragen. Der Wissenschaftler verrückt, mit wirrer Frisur und diabolisch lachend.

Ein Eindruck, der sich aus den bruchstückhaften Szenen ergab, die ich dazu irgendwann gesehen hatten – in meinem Kopf dabei stets gemischt: Die Verfilmung von 1931 mit Boris Karloff und der Mel Brooks Film Frankenstein Junior von 1974. Von denen ich, mit meinem gefährlichen Halbwissen dachte, sie würden irgendwie zusammengehören. Aber ich glaubte trotzdem, anhand dieser Bruchstücke in einem Kopf, ein relativ gutes Bild von Frankenstein zu haben.

National Theatre at Home

Aber dann kam Corona, ein weltweiter Lockdown, und damit auch „National Theatre at Home“. Das renommierte Londoner Schauspielhaus beglückte das weltweite Publikum, das ja nicht in die Theater konnte, mit Aufzeichnungen von Theaterstücken aus der Vergangenheit, die jeweils im Live-Stream und anschließend eine Woche lang auf Youtube zur Verfügung standen. Mit dabei: Frankenstein mit Jonny Lee Miller und Benedict Cumberbatch, die sich während des Runs der Show 2011 in den Rollen Victor Frankenstein und The Creature abwechselten. Nun, wenn ich die Chance habe, irgendwo Benedict Cumberbatch zu sehen, bin ich natürlich gleich Feuer und Flamme und so saß ich gebannt vor dem Computer, um dieser Aufführung beizuwohnen.

The Creature war, insbesondere in der Cumberbatch Performance, ein extrem bemitleidenswertes Wesen. Einsam und verlassen, erst erschaffen und dann zurückgelassen. Ein Leben lebend, um das es nicht gebeten hatte, verdammt dazu, für immer allein zu sein. Und Frankenstein ein Wissenschaftler, der vor der Verantwortung zurückschreckt, die das Kreieren von Leben mit sich führt, der seine Schöpfung fürchtet und sich vor ihr ekelt. Von Igor und sonstigen Horrorklischees keine Spur. Ich war beeindruckt und vor allem dachte ich: Ist es das, worum es in Mary Shelleys Frankenstein eigentlich geht? Ist es gar nicht der Gruselschocker, für den ich es gehalten hatte? Oder war diese Inszenierung des National Theatres einfach eine Auslegung, die nur wenig mit der literarischen Vorlage gemein hatte? Ich musste es einfach herausfinden. Also wanderte Mary Shelleys Roman auf meine Leseliste.

Ich habe hier auf dem Blog in der Reihe „Ein echter Klassiker“ schon einige Male einen Blick auf Bücher aus der Kategorie „Sollte man mal gelesen haben“ geworfen. Dazu passt Mary Shelleys Frankenstein perfekt, denn auch diesem Roman haftet dieser Ruf an. In diesem Artikel teile ich ein paar Gedanken zu meiner Leseerfahrung mit euch. Wie immer steht dabei die Frage im Vordergrund, ob das Buch seinen Klassiker-Ruhm zurecht genießt oder ob man sich das Lesen nicht vielleicht doch sparen könnte.

Hauptkritikpunkt: Langeweile

Schaut man sich auf Buch- und Rezensionsportalen wie Goodreads einmal um, sind die Meinungen zu diesem Klassiker recht durchwachsen. Die einen loben das Buch in den Himmel, die anderen scheinen vor allem einen Kritikpunkt zu haben: Das Buch ist furchtbar langweilig. Dröge, langatmig, ja unerträglich schnarchnasig! Eine solche Einschätzung ist natürlich vollkommen legitim – auch wenn ich sie nicht teile – und am Ende eine Frage des Geschmacks. Was einen Menschen in Ekstase versetzt, lässt einen anderen nur müde mit der Schulter zucken. Doch im Falle von Frankenstein, so denke ich, hat die oftmalige Enttäuschung ihren Ursprung in falschen Erwartungen. Denn was erwartet man von diesem Buch – vielleicht geschuldet durch die unzähligen Verfilmungen und der Darstellung von Frankensteins Monster als hirnlose, sabbernde Mordmaschine in der Popkultur?

Man erwartet Horror und vielleicht etwas, das einem ein wenig Angst einjagt, eine wilde Story, brutale Morde und Blitze und Donner und Menschen, die mit Mistgabeln wedeln!

Was in Frankenstein passiert (ACHTUNG SPOILER)

Was man stattdessen bekommt, ist zunächst einmal die Geschichte des Schiffskapitäns Robert Walton, der sich auf einer Expedition zum Nordpol befindet. Er ist vom Drang getrieben, Großes zu vollbringen und Neues zu entdecken. Doch er ist einsam auf dieser langen Reise, schreibt seiner Schwester melancholische Briefe, in denen er sich nach einem Freund oder Gleichgesinnten sehnt. Der Zufall scheint ihm genau das zu bescheren. Als sein Schiff im Eis stecken bleibt, finden er und seine Crew einen völlig entkräfteten Mann auf dem Eis – den Wissenschaftler Victor Frankenstein. Sicher an Bord, vertraut sich der Wissenschaftler Walton an und beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Es ist eine außergewöhnliche und fantastische – und lange – Erzählung darüber, wie er ein lebendes Wesen aus Leichenteilen erschaffen hat, wie er – erschrocken von seiner eigenen Schöpfung – das Wesen jedoch sich selbst überließ und aus der Stadt und vor seiner Verantwortung floh.
Und in dieser Geschichte befindet sich eine weitere – diese aus der Perspektive der Kreatur, die Frankenstein geschaffen hatte. Der Unhold (so heißt das Monster meist in der deutschen Übersetzung) ist eine Kreatur, vor der Menschen sich fürchten, sobald sie sie erblicken. Wir erfahren, dass der Unhold lernte zu sprechen und zu lesen, indem er eine Bauern-Familie beobachtete. Doch als er sich schließlich der Familie zeigt, ist der einzige Mensch, der nicht mit Furcht und Abscheu reagiert, ein blinder Mann. Der Unhold ist verzweifelt und einsam. Er jagt deshalb nun seinen Schöpfer, um ihn zu bitten, ihm eine Gefährtin zu erschaffen – so hässlich und abscheulich wie er selbst. Der Wissenschaftler willigt zunächst ein, wenn auch nur, um den Unhold loszuwerden. Aber er wird später von Gewissensbissen geplagt. Was, wenn sich die beiden Monster fortpflanzen? Was, wenn Monster die ganze Erde bevölkern und die Menschheit unterjochen und er, Frankenstein, wäre schuld daran? Und so zerstört er die halbfertige Braut des Monsters. Der Unhold ist außer sich – ermordet Frankensteins Verlobte, seine Freunde, seine Familie, sodass Frankenstein erfahren solle, was es bedeutet, für immer einsam und allein zu sein. Beide sind nun getrieben von Rachegelüsten – jeder der beiden jagt den anderen und wird vom anderen gejagt. Diese Jagd der einzige Lebensinhalt für beide. Sie endet im Polarmeer wo Walton den entkräfteten Wissenschaftler fand. Die lange Anstrengung erfordert ihren Tribut: Frankenstein stirbt kurz nachdem er Walton seine Geschichte anvertraut hat, entkräftet und desillusioniert. Seine letzten Worte an Walton: „Seek happiness in tranquillity and avoid ambition“. Die Worte eines Mannes, der am Ende einen hohen Preis für seinen wissenschaftlichen Eifer zahlt. Für den Unhold, der kurze Zeit später das Schiff erreicht, ist Frankensteins Ableben jedoch nicht die Genugtuung, die er sich erhofft hatte. Die Jagd nach Rache war das einzige, was von Bedeutung schien. Doch jetzt, ohne diesen gemeinsamen Antrieb, wähnt das Monster sein Leben bedeutungslos. Der Unhold ist nun – ohne Schöpfer und Meister – einsamer als je zuvor. Und so schwört das Monster, sein eigenes Leben zu beenden. Am Ende, wie am Anfang, bleibt nur Walton zurück, um uns von dieser Geschichte zu berichten.

Mary Shelleys Frankenstein ist also, grob betrachtet, eine Geschichte von drei Männern, die einsam sind und darüber sehr lange reden: Walton, der einen Freund sucht und hofft, ihn – von allen Orten auf der Welt – auf dem gefrorenen Meer gefunden zu haben. Frankenstein, dessen eigene Schöpfung ihm alle nahm, die er liebte. Und Frankensteins Monster, das nie Freundschaft, Liebe oder Akzeptanz erfahren hat.  

Subtiler Horror

Wenn man also einen Gruselschocker erwartet, dann kann Frankenstein nur enttäuschend sein. Denn tatsächlich ist das, was der gruselige Part sein könnte – das Zusammentragen von Leichenteilen, das Zusammenflicken der Kreatur und ihr Beleben – weder detailliert erklärt, noch nimmt es viel Raum in diesem Buch ein. Es gibt auch keine großen Beschreibungen von Mord und Totschlag.

Frankenstein ist Gothic Horror, also Schauerliteratur, wie man im Deutschen sagt. Das Blutvergießen und -verspritzen der heutigen Horrorliteratur sucht man dort vergebens. Der Horror hier ist subtiler und entstammt der Atmosphäre – Mary Shelley schrieb Frankenstein im „Jahr ohne Sommer“ 1816, dessen düstere Einflüsse sich deutlich im Buch niederschlagen – und gleichzeitig den moralischen Kontroversen und unglaublichen Ideen, die im Kern dieser Erzählung liegen. Denn jagt es einem nicht vielleicht doch auch heute noch einen kleinen Schauer über den Rücken, wenn man daran denkt, dass in diesem Buch das natürlichste und unumgänglichste Schicksal eines jeden Menschen – der Tod – überwunden wird? Ironischerweise wohnt ihm dadurch noch mehr Schrecken inne. Und locken lebende Tote nicht auch heute noch Millionen Zuschauer:innen vor die Mattscheibe und in die Kinos? Wenn der Roman auch den Horrorgelüsten und -erwartungen moderner Leser:innen nicht gerecht wird, so muss man ihm doch zumindest zugestehen, dass er schon bei der Erstveröffentlichung 1818 mit Ideen spielte, die offenbar heute noch zeitgemäß sind.

Der erste Science-Fiction Roman

Interessanter ist es deshalb ohnehin, Frankenstein nicht als Grusel- oder Horrorroman, sondern als Science-Fiction Roman zu betrachten. Das Buch gilt gemeinhin als erster Vertreter dieses Genres, Mary Shelley somit als Erfinderin des modernen Sci-Fi Romans. Und in der Tat finden sich hier viele Elemente, die man auch bei heutigen Science-Fiction Geschichten antreffen kann.

Mad Scientist

Anzuführen wäre da zunächst mal Victor Frankenstein als Archetyp des „Mad Scientists“, des verrückten Wissenschaftlers, der uns auch heute noch in vielen Sci-Fi Erzählungen begegnet. Angetrieben von dem Gedanken, was Leben ausmacht und wie man es kreieren kann, macht er sich frei von Ethik und Moral – sucht auf Friedhöfen nach Leichenteilen, um seinen perfiden Plan zu realisieren. Beinahe schon manisch in seinem Streben nach Wissen und ergriffen von Selbstvertrauen, kreiert er ein lebendes Wesen und hebelt damit die natürlichen Grenzen der Existenz – Geburt und Tod – aus.  

Furcht und Faszination

In Mary Shelleys Buch schwingt eine Faszination, aber auch eine Furcht gegenüber den wissenschaftlichen Entdeckungen und Phänomenen ihrer Zeit mit. Einer der Einflüsse auf diese Geschichte war zweifelsohne der 1780 durch den Arzt Luigi Galvani beschriebene Galvanismus – Muskelkontraktion durch elektrischen Strom. Wohin könnten solche Entdeckungen uns führen und vor allem: Welche Schrecken könnten sie entfachen?

Künstliche Intelligenz

Zudem findet sich schon in diesem frühen Beispiel der Sci-Fi Literatur ein Thema, das dort heute noch einen großen Raum einnimmt: Künstliche Intelligenz. Wenn auch kein Roboter oder Android, wie wir sie heute oft in Sci-Fi Stories finden, ist das Monster als eine Art KI zu betrachten. Sie dürfte anhand natürlicher Maßstäbe nicht existieren und wurde künstlich erschaffen. Wie in heutigen Sci-Fi Romanen versucht auch diese Schöpfung hier das menschliche Verhalten zu erlernen und zu imitieren und zeigt sich am Ende menschlicher als die Menschen, die sie erschaffen haben. Frankensteins Kreatur verspürt den menschlichsten aller Wünsche, nicht einsam zu sein, während ihr Schöpfer ihr genau das versagt.

Künstliche Intelligenz ist jedoch mittlerweile nicht mehr nur der Stoff, aus dem Sci-Fi Träume gemacht sind, sondern sie beschäftigt uns auch im realen Leben. Feiern die einen die Entwicklung von Maschinen wie Siri und Alexa, die uns zuhören, lernfähig sind und unsere Befehle ausführen, sehen einige den Rise of the Machines kurz bevorstehen. Sogar Wissenschaftler wie der verstorbene Stephen Hawking warnten davor, dass künstliche Intelligenzen die Menschheit überholen und auslöschen könnten und appellierte an die Entwickler:innen derartiger Technik.

Die Frage der Schuld: Wer ist hier der Schurke?

Mit diesem Thema einher geht in Frankenstein auch die Frage nach der Schuld und der Verantwortung. Für mich zweifelsohne das interessanteste Thema in diesem Buch. Wer ist für die Gräueltaten des Monsters verantwortlich? Ist es die Gesellschaft, die das Monster verstößt und nicht akzeptiert, weil es anders aussieht? Ist es das Monster selbst, das nicht böse auf die Welt kam, aber dann, als Reaktion auf Hass und Zurückweisung, Gräueltaten begeht? Es hat schließlich ein Bewusstsein, müsste es da nicht erkennen, wie verwerflich sein Verhalten am Ende ist? Müsste es nicht sehen, dass seine Taten unrechtmäßig sind? Oder ist es nicht doch Victor Frankenstein, der Leben erschafft, sich dann, wenn sein Ziel erreicht ist, davon abwendet und sich in Selbstmitleid verliert? Victor Frankenstein, dessen Wissensdurst und Entdeckungsdrang man verstehen kann, dessen Verantwortungslosigkeit jedoch schockiert? Hätte er sich nicht seiner Schöpfung annehmen müssen?

Helden gibt es in Frankenstein keine. Doch wer ist nun der eigentliche Bösewicht, der Schurke? Ich persönlich würde, wenn man mir eine Pistole auf die Brust setzen würde, sagen: Es ist Victor Frankenstein. Doch das ist Auslegungssache. Ohnehin ist die Frage der Schuld ein Thema, dass die Menschheit schon immer beschäftigte und auch heute noch beschäftigt. Denn angenommen, es gäbe einen Gott: Wäre er für alle Taten – gute und schlechte – der Menschen verantwortlich, weil er die Menschen erschaffen hat? Oder endet die Verantwortung mit dem Setzen der Menschheit auf diesen Planeten?

Der moderne Prometheus

Hier kommt auch der Untertitel ins Spiel, den Mary Shelley ihrem Roman gab: The Modern Prometheus (Der moderne Prometheus). Prometheus ist in der griechischen Mythologie einer der Titanen. Er formte die Menschen nach dem Vorbild der Götter. Bei einer Opfergabe an Göttervater Zeus überlässt Prometheus ihm nur die wertlosen Teile des Opfertiers und behält das genießbare Fleisch für die Menschen zurück.  Zeus ist darüber erzürnt und verweigert den Sterblichen daraufhin den Besitz des Feuers. Doch Prometheus stiehlt das Feuer für die Menschen. Zur Strafe kettet Zeus Prometheus an den Kaukasus, wo ein Adler jeden Tag aufs Neue seine Leber herauspickt. Eine Strafe, die Prometheus bis in alle Ewigkeit erdulden muss, denn als Gott kann er nicht sterben und seine Leber wächst jeden Tag wieder nach. Erst nach unzähligen Jahren der Qual wird er von Zeus begnadigt.

Auf wen bezieht sich also der Untertitel? Wer ist der moderne Prometheus? Relativ eindeutig ist es Victor Frankenstein. Wie Prometheus erschafft er eine Existenz, verleiht einem toten Körper gewissermaßen das Feuer des Lebens. Auch seine Strafe ist verheerend: Trauer, Schuld, Reue und Rachegedanken plagen ihn. Doch anders als Prometheus ist seine Strafe nicht immerwährend. Frankenstein ist ein Mensch und daher sterblich. Sein Tod ist am Ende die Begnadigung, die Prometheus durch Zeus erfuhr.

Lohnt es sich, Frankenstein zu lesen?

Ihr merkt, bei mir haben sich beim Lesen dieses Buches eine Menge Gedanken aufgetan und um diesen Artikel nicht noch länger zu machen, als er jetzt schon ist, komme ich nun zum Schluss.
Frankenstein war nicht das, was ich erwartet hatte – und das nicht nur, weil Igor in dem Buch vollkommen fehlt.* Frankenstein ist kein Horrorschocker, sondern viel mehr: Ein für seine Zeit innovatives Buch, dem viele Sci-Fi Geschichten folgten. Eine spannende Auseinandersetzung mit philosophischen Themen um Schöpfung und Verantwortung. Eine atmosphärische Erzählung, die am besten zu einem kalten herbstlichen Gewittertag passt. Eine Geschichte, die mich an vielen Stellen bewegte. Ich weinte mit der Kreatur, habe mit Walton gefühlt, der so verzweifelt einen Freund sucht und ja, Frankenstein ist nicht der einzige gewesen, der sich bemitleidet hat. Auch ich hatte Mitleid mit einem Mann, dessen Eifer und Wissensdurst ihn in den Ruin trieben.  Also, um die Frage zu beantworten, die ich bei jedem Buch aus der Kategorie „Ein echter Klassiker“ stelle: Lohnt sich das Lesen? Ja, ja, ja!

Seht ihr das genauso?


*Igor ist, so habe ich mich mittlerweile belesen, eine bloße Ergänzung der Filmemacher. In der Verfilmung von 1931 hieß der bucklige Gehilfe jedoch gar nicht Igor, sondern Fritz. Erst in den Filmen Son of Frankenstein (1939) and The Ghost of Frankenstein (1942) tauchte ein Charakter namens Igor bzw. Ygor auf. Allerdings war der wiederum kein Labor Assistent sondern ein Schmied. Beides zusammen verschmolz irgendwann zum Stock-Character des Igors, den man häufig an der Seite von Verrückter-Wissenschaftler-Figuren sieht.


Infos zum Buch:

Titel: Frankenstein
Autor: Mary Shelley
Ausgabe: Penguin English Library (Paperback)
Verlag: Penguin Books
ISBN13: 9780141198965

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There are 11 comments

  1. Sabine | Ant1heldin

    Hey hey,
    wieder mal ein super geschriebener und toll recherchierten Artikel von dir!
    Ich musste bei der Formulierung „handelt von drei Männern, die einsam sind und sehr lange darüber reden“ schmunzeln, denn genau das war es, was mir den „Frankenstein“ ein bisschen verleidet hat. Wobei ich den Roman (nach einer abgebrochenen Lektüre auf Englisch vor vielen Jahren) „nur“ als deutsches Hörbuch angehört habe. Vielleicht sollte ich das Werk noch einmal als gedruckten Text angehen, deine Ausführungen haben mir echt wieder Lust darauf gemacht. Denn die Grundidee ist natürlich toll.
    Ich hatte keinen Gruselschocker erwartet, aber mir war das männliche Selbstmitleid zu viel 😉 An ein, zwei Stellen schwächelt die Konstruktion des Plots auch ziemlich, wie ich finde (rein „zufällig“ findet das Monster drei Bücher im Wald, die sein ganzes weiteres Leben prägen, was soll die lange Rahmenhandlung usw….)
    Aber dafür, dass Mary Shelley den Roman mit 18 Jahren geschrieben und damit „in den Wettstreit“ mit zwei berühmten Dichtern, ihren Mann und Lord Byron, getreten ist, ist er natürlich sensationell. Den Mut muss man erstmal haben!
    Vielen Dank für die spannende Lektüre!

    Gefällt 2 Personen

    1. Karo

      Hey Sabine,
      danke für dein Lob! (Und entschuldige bitte die späte Rückmeldung!)
      Ja, das männliche Selbstmitleid ist schon ziemlich vordergründig hier. Besonders bei Frankenstein selbst fand ich das ein wenig anstrengend. Ich mein, ich hatte auch Mitleid mit ihm, aber bei weitem nicht so viel wie er selbst 😀
      Die schwächelnden Plot-Stellen sind mir beim Lesen gar nicht aufgefallen. Aber du hast natürlich vollkommen recht – dass das Monster einfach zuuuufällig diese speziellen Bücher findet, ist ziemlich konstruiert. Aber ich lasse sowas Autor:innen gerne durchgehen, wenn es mir beim Lesen nicht direkt anspringt. Zumal es, wie du schon sagst, ziemlich sensationell ist, dass Mary Shelley dieses Buch mit 18 Jahren geschrieben hat. Applaus, Applaus!

      Gefällt 1 Person

  2. nina. aka wippsteerts

    Schon als ich Deine Überschrift las, kam mir sofort „oder der moderne Prometeus“ in den Sinn. Sowohl Filme (ich persönlich mag Robert de Niro als Wesen) als auch Buch mag ich. Mich hat alleine schon die Entstehungsgeschichte fasziniert. Und diese Zeit des medizinischen Aufbruchs durch Experimente, die gar nicht so weit weg vom Buch waren.
    Danke für diesen wunderbaren Beitrag. Ach und „Igor“ gehört für mich am ehesten zu „Tanz der Vampire“, allein optisch schon.
    Alles Gute, liebe Grüße und gute Woche
    Nina

    Gefällt 3 Personen

  3. geno

    ich gebe dir ein “gefällt mir” und mir gefällt dein aufwand für deine posts. aber es ist für mich zu viel text. ich habe trotz lesebrille eine sehschwäche. ich braucht eine lupe für diesen text. entschuldige, aber ein interessantes blog.

    Gefällt 1 Person

  4. Booknapping

    Sehr spannender Beitrag von dir! Ich liebe deine Zusammenfassung „eine Geschichte von drei Männern, die einsam sind und darüber sehr lange reden“ 😀 Und da ich den Roman vor etlichen Jahren gelesen habe, kann ich das genau so bestätigen. Ich vergesse meine Frankenstein-Lektüre nicht, da sie mich auf besondere Weise beeindruckt hat. Ich fand den Text sehr deprimierend, er hat mich echt runtergezogen. Gleichzeitig aber total fasziniert. Ich habe eine Dünndruckausgabe gelesen und die hauchdünnen Seiten ließen die Story irgendwie immer länger werden, ich hatte den Eindruck überhaupt nicht vorwärts zu kommen. Aufhören konnte ich aber auch nicht, dafür war ich zu sehr „im Buch“.
    Kein Buch für Zeiten, in denen man anfällig ist für schlechte Stimmungen – denke ich. Ansonsten – ja! Es lohnt sich!
    Liebe Grüße
    Sandra

    Gefällt 3 Personen

    1. Karo

      Hey Sandra, vielen Dank für deinen Kommentar und das Lob 🙂 (Und sorry, für die späte Antwort!)
      Ja, da hast du recht! Es ist kein Buch für schlechte Stimmungen. Fand die Atmosphäre im Buch auch total bedrückend und düster – und dann kommen natürlich noch die moralischen Abgründe hinzu. Ich fand trotzdem, dass es sich eigentlich ganz flüssig gelesen hat – vielleicht abgesehen, von den Parts, in denen sich Frankenstein in Selbstmitleid verliert 😀
      Viele Grüße

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  5. LeseWelle

    Wow, ein echt toller Beitrag zu Frankenstein! 🙂
    Ich mochte das Buch damals beim lesen auch sehr gerne und vor allem hatte ich Mitleid mit dem Monster. Meiner Meinung nach trägt auch Frankenstein die Schuld, aber wie du schon sagst, alle tragen dazu bei.
    Wenn du eine Verfilmung dazu sehen möchtest, kann ich dir den Film von 1994 mit Robert De Niro empfehlen, der ist wirklich recht nah am Buch dran.
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 2 Personen

    1. Karo

      Danke Dir für das Lob! Und natürlich auch für den Filmtipp – da werd‘ ich mal reinschauen. Ich hatte mir als Vorbereitung auf den Artikel nochmal den alten Film mit Boris Karloff als Monster angeschaut und fand den ziemlich bescheuert 😀 Daher hab ich jetzt richtig Lust auf eine gelungene Verfilmung 🙂

      Gefällt 1 Person

  6. buchpfote

    Liebe Karo,
    für den Titel des Beitrages gibt es einen „Daumen hoch“, weil ich da schon grinsen musste und überhaupt ist das eine ausführliche und toll stukturierter Beitrag mit Pepp. Danke dafür.
    Ich hatte das Buch innerhalb einer Klassiker-Leserunde gelesen. Dabei ist es so, dass wir nach dem lesen skypen und uns dazu austauschen. Ich sage dir, da gibt es so manche Erkenntnis. Bei uns stand damals vor allem die Frage im Vordergrund, wer ist denn nun das Monster? Frankenstein, der vor seiner Verantwortung davon läuft? Die Bauersfamilie, die nur die Oberfläche des unholds gesehen hat? Oder das Monster, weil es doch nicht auf den Kopf gefallen ist?
    Und wir waren uns zumindest soweit einig, dass ein Mensch nicht Gott spielen sollte und wenn, dafür grade stehen muss.
    Dass die Meinungen durchwachsen sind, glaub ich, bei uns gab es einen Teil, der es seitenweise langatmig fand, andere haben das Buch förmlich durchgesuchtet.
    Ich denke jedenfalls wie du, dass man sich der lektüre einmal annehmen sollte.
    Zum Grübeln hat man da jedenfalls genug 🙂
    Liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 2 Personen

    1. Karo

      Hey Tina,
      danke dir für das Lob und deinen Kommentar 🙂 Eure Skype-Leserunde hört sich super an! Kann mir sehr gut vorstellen, dass es speziell bei diesem Buch da einiges zu diskutieren gibt. Ich sehe Frankenstein als das eigentliche Monster. Auch wenn ich bei ihm auch eine Spur Mitleid hatte, weil ich den seinen wissenschaftlichen Entdeckerdrang gut verstehen konnte. Aber am meisten Mitleid hat er am Ende mit sich selbst – das fand ich ein wenig anstrengend. Seiner Verantwortung hätte er sich eben stellen müssen. Aber im Grunde sind alle Parteien hier vermutlich monstermäßig unterwegs. Dass die Bauernfamilie so schrecklich reagiert hat, fand ich herzzerreißend. Andererseits frag ich mich natürlich, wie man selbst reagieren würde, wenn so eine Kreatur vor einem stehen würde. Wie du schon sagst: Zum Grübeln hat man in dem Buch genug 🙂
      Liebe Grüße
      Karo

      Liken

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