[GELESEN] Jay Asher: Thirteen Reasons Why

IMG_20170520_133954_329Es gibt Geschichten, die man eigentlich nur liest, weil man wissen will, was es mit dem Hype auf sich hat. Aus genau diesem Grund ist auch Thirteen Reasons Why von Jay Asher in meinem Einkaufswagen gelandet.
Die Netflix Serie ist ja seit ein paar Wochen in aller Munde und hat bereits einiges an Diskussion hervorgerufen. Da musste ich natürlich herausfinden, warum eigentlich alle darüber sprechen. Allerdings wollte ich erst einmal den zugrunde liegenden Roman lesen. Das gehört sich so als Bücherwurm. Außerdem mag ich eine gute Young Adult Story manchmal sehr gerne – und dieses Buch hat auf Goodroods und Amazon gute Bewertungen bekommen. Warum, ist mir im Nachhinein allerdings irgendwie schleierhaft. 

Woher die allgemeine Kontroverse um die Geschichte rührt ist schnell erklärt. Es geht um ein heikles Thema: Selbstmord bei Teenagern.
Im Fokus steht dabei Hannah Baker, ein junges Mädchen, das sich das Leben genommen hat. Bevor sie das getan hat, hat sie allerdings eine Reihe von Kassetten aufgenommen, auf denen sie ihre Beweggründe dafür erläutert. Jede der Kassettenseiten enthält eine Geschichte, die den Weg zu Hannahs Entscheidung geebnet hat und richtet sich an eine bestimmte Person. Clay Jensen ist eine davon – ihn begleiten wir dabei, wie er Hannahs Erzählung lauscht.
So weit, so dramatisch.

Da jede Medaille zwei Seiten hat, möchte ich natürlich zunächst mit etwas Positivem einsteigen: Mir gefiel der Schreibstil. Das Buch liest sich flüssig, ist unterhaltsam und lebendig geschrieben. Außerdem mochte ich den Wechsel und das Ineinandergreifen von Hannahs Erzählung und Clays Gedankengängen – das war ein interessantes Element. Der eigentliche Grund, warum ich das Buch überhaupt zu Ende gelesen habe, ist allerdings Clay selbst. Denn man möchte natürlich erfahren, wodurch sich dieser intelligente, höfliche, junge Mann einen Platz auf der Hitliste der Selbstmord-Gründe verdient hat. Um es kurz zu machen: Clay war mir sympathisch. Im Gegensatz zu Hannah.
Und da wären wir auch schon bei der anderen Seite der Medaille angelangt.

Natürlich kann eine Geschichte auch funktionieren, ohne dass man den Protagonisten mag. Manchmal macht es eine Erzählung sogar erst interessant, wenn dem nicht so ist. Was aber in meinen Augen zwingend notwendig ist, ist die Motive und Entscheidungen der Figuren nachvollziehen zu können. Das war hier leider nicht der Fall. Denn ich habe beim besten Willen einfach nicht verstanden, warum sich Hannah umgebracht hat. Klar, im realen Leben bleiben die Gründe für einen Suizid auch oft im Dunkeln aber Hannah hat ja diese Tapes aufgenommen um uns genau das zu erklären. Einige der Gründe waren allerdings so hanebüchen, dass ich den Drang, das Buch in die Ecke zu feuern, nur schwer unterdrücken konnte. Sicher, ich gebe zu, ein oder zwei der geschilderten Vorfälle waren vielleicht verstörend. Aber die meisten der angeführten Begebenheiten klangen eher nach Highschool Drama als nach Gründen für einen Suizid.

Nun werdet ihr vielleicht sagen: Hannah war depressiv und hat sich deshalb umgebracht. Und es mag durchaus sein, dass die Figur so gedacht war, aber mir konnte das das Buch nicht vermitteln. Ich hatte eher den Eindruck, dass Hannah wütend war – auf andere und auf sich selbst. Ich könnte mich irren, aber ich bezweifle, dass man sich umbringt, weil man wütend ist.

Hinzu kommt diese massive Diskrepanz zwischen der Botschaft, die das Buch vermitteln will und der Art und Weise wie es das tut. Die Moral der Geschichte ist nämlich, dass dein Verhalten – auch wenn es dir nichtig erscheint – anderen das Leben versauen kann.
Nun, das stimmt natürlich. Aber wisst ihr, welches Verhalten anderen auch das Leben ruinieren kann? Kassetten zu verschicken, auf denen man sie dafür verantwortlich macht, dass man sich umgebracht hat.

“When you mess with one part of a person’s life, you’re messing with their entire life. Everything. . . affects everything.”

Rache scheint mir überhaupt einer der größten Beweggründe für Hannahs Suizid zu sein. Sie versendet die Tapes scheinbar, um den betreffenden Personen zu zeigen, was sie angerichtet haben. Damit sie sich schämen und mal sehen, was sie jetzt von ihrem Verhalten haben.
Das ist natürlich insofern ein hirnrissiger merkwürdiger Gedanke, als dass im Endeffekt niemand etwas davon hat. Hannah nicht, weil sie tot ist und die anderen nicht, weil sie die Vergangenheit nicht ändern können. Tolle Wurst.

Weil man Nachahmer befürchtet, dürfen Teens in Neuseeland die Serie – die wohl sehr nahe am Buch zu sein scheint – mittlerweile übrigens nur in Anwesenheit eines Erwachsenen sehen. Das wäre sicherlich nicht der Fall, wenn die Geschichte insgesamt anders mit dem Thema Suizid umgehen würde. Denn zum einen wird hier der Selbstmord stellenweise fast heldenhaft dargestellt. Zum anderen sind die angeführten Gründe teilweise so nichtig, dass es die Ursachen für Suizid beinahe als lächerlich darstellt.
Menschen bringen sich um, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, nicht, weil sie zum jemand in der Schule bei der „Bester Hintern“-Hitliste auf Platz 1 gesetzt hat.
Schon allein deshalb ist es der Geschichte nicht gelungen, mich zu bewegen, geschweige denn Mitgefühl und Verständnis zu erwecken. Die einzige große Bewegung, die das Buch bei mir hervorgerufen hat, war genervtes Augenrollen.


Infos zum Buch

Titel: Thirteen Reasons Why
Autor: Jay Asher
Verlag: Penguin
Erstveröffentlichung: 2007
ISBN: 978-0141328294
Seiten: 304
Deutscher Titel: Tote Mädchen lügen nicht (ISBN: 978-3570308431, Verlag: cbt)

6 replies

  1. Das passt gerade sehr gut, da ich gerade das Hörbuch auf den Ohren habe. Deine Besprechung trifft es sehr gut und ist sehr schön ehrlich. Je länger das Drama nämlich dauert, desto nebulöser wird auch mir, warum sich Hannah umgebracht hat. Nicht wenige ihrer Entscheidungen tragen nämlich dazu bei, dass sie sich unglücklich fühlt. Und der Kassetten-Plan passt einfach nicht zu der Passivität, die sie an anderer Stelle an den Tag legt.
    Ich bin also voll bei dir. Form -> Top, Inhalt -> bestenfalls bemüht

    Gefällt 2 Personen

  2. Hi Karo, meine Serienreview dazu hast Du ja schon geliked, bin so froh, dass noch jemand diese Geschichte aus denselben Gründen nicht mag! Deine Rezension kann ich so gut nachvollziehen. Könnte gar nicht sagen, was mich daran am meisten gestört hat: Der Umgang mit der Thematik (Hannah ist die Tollste, hat immer Recht, ist das Opfer von den bösen Highschool-Teenies gewesen und Selbstmord ist auch cool) oder die langweiligen Szenen, in den Clay nur minutenlang Fahrrad fährt. Apropos: Den Grund, warum er auf den Kassetten und vor allem so weit hinten ist, finde ich absolut bescheuert. Doch nur ein stilistisches Mittel, um die Zuschauer länger auf die Folter zu spannen. Hachja, ich könnte mich darüber echt stundenlang aufregen 😀
    (Wer Lust hat, was über die Serie zu erfahren, kann bei uns mal vorbeischauen: https://quergetippt.wordpress.com/2017/05/21/13-reasons-why-review/)
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • Hey Siri, danke für die netten Worte 🙂 Ich war so froh auf deine Rezension gestoßen bin. Die meisten Kritiken, die ich gelesen hab, waren so positiv – hab mich schon gefragt ob meine Wahrnehmung irgendwie verzerrt ist 😀
      Ich glaube ja, es hat der Geschichte fast noch gut getan dass Clays Tape erst so weit hinten kam – ansonsten hätte ich vermutlich schon früher aufgegeben. Wobei sich mir im Grunde überhaupt auch nicht erschloss, warum er überhaupt auf diesen Kassetten ist…Aber gut, das habe ich bei gut der Hälfte der Leute nicht verstanden…
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

      • Haha, stimmt! Musste mich auch zwingen, die Serie ab der Hälfte überhaupt noch weiterzuschauen und habe im Endeffekt Monate dafür gebraucht 😀 Danke Clay!
        Und zur Hinterngalerie ist mir noch eingefallen: klar ist es irgendwo eine Degradierung oder ein Eingriff in die Intimsphäre einer Person, aber fragt da auch jemand danach, wenn z.B. in den ganzen Abirankings gevoted wird? Da finden es plötzlich auch alle lustig und sind stolz, auf Platz 1 bei „Beste Heckansicht“ zu sein. Hätte es bei 13 Reasons Why noch verstanden, wenn Hannah auf „Hässlichstes Mädchen“ o.ä. gesetzt worden wäre, was ganz klares Mobbing ist. Aber so ist es ihr halt unangenehm, aber deswegen dieser Person Schuld für ihren Selbstmord zuzuweisen? Genauso wenig kann diese etwas dafür, dass ihr ein anderer an den Hintern grapscht. Tja, so leicht kann man sich’s machen 😉
        Überhaupt diese Anmaßung: Rache durch Selbstmord – auch wieder eine gefährliche Logik, die in die Köpfe junger Rezipienten gepflanzt wird.

        Gefällt 1 Person

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