[GESEHEN] Loving Vincent

Vincent van Gogh – ‚das ist doch der Typ, der sich das Ohr abgeschnitten hat.‘
Das scheint die eine Sache zu sein, die jeder über den Maler weiß. Schade, dass das Leben dieses außergewöhnlichen Mannes nur allzu oft auf diesen Fakt reduziert wird.
Es war ein Leben voller Zurückweisung, Trauer und Einsamkeit und ein Leben, in dem einige der schönsten und gefeiertsten Bilder der Kunstgeschichte entstanden sind. Ein Erfolg, den Vincent tragischerweise nie miterleben durfte – er starb mit 37 Jahren durch eine Schusswunde, die er sich vermutlich selbst zugefügt hat. Zeit seines Lebens hatte er nur ein einziges Bild verkauft.

Ich bin wirklich kein großer Kunstkenner, aber Vincent van Gogh ist der eine Maler, der mich mehr als alle anderen fasziniert. Seine Bilder strotzen vor Farbe und fangen die Schönheit des Lebens ein, obwohl ihr Schöpfer ein so zerrissener und missverstandener Mensch war. Von daher braucht man mich sicherlich nicht zweimal fragen, ob ich mir einen Film über diesen außergewöhnlichen Mann anschauen will. Vor allem nicht, wenn er so einzigartig ist wie Loving Vincent.
Man kann durchaus sagen, dass ein Maler durch seine Werke unsterblich wird. Doch dieser Film geht noch einen Schritt weiter: Hier werden die Werke lebendig. Loving Vincent ist der erste Film aus Ölgemälden.

Mehrere Jahre arbeitete das Team rund um die Regisseure Dorota Kobiela und Hugh Welchman an diesem Mammutprojekt.
Die Szenen wurden vor Green- und Bluescreens mit echten Schauspielern gedreht und anschließend auf Gemälde übertragen. Dafür arbeiteten 125 Künstler über zwei Jahre hinweg daran, van Goghs Erbe auf die Leinwand zu bringen. Dabei entstanden 853 Gemälde, die nach und nach ergänzt wurden, um sie in Bewegung zu versetzen – insgesamt 65.000 Einzelbilder. Unglaublich!

Für den Zuschauer bedeutet das ein ganz neues und wunderbares Filmerlebnis. Aber der Film ist mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Bildern, er ist alles andere als ein ein Daumenkino.
Wir begleiten hier Armand Roulin, den Sohn des Postmanns Joseph Roulin – beide verewigt in van Goghs Bildern. Er soll den letzten Brief Vincents an seinen geliebten Bruder Theo zustellen. Was Roulin zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Theo verstarb wenige Monate nach seinem Bruder. Dennoch ist Roulin entschlossen, den Brief jemandem zuzustellen. Doch wem?
Seine Reise führt ihn nach Auvers, wo Vincent van Gogh zuletzt wohnte und sich schließlich das Leben nahm. Doch für Roulin stellt sich die Frage: Warum sollte sich der Maler erschießen, wo er hier doch allem Anschein nach glücklich gewesen ist? War van Goghs Tod ein Unfall? Mord? Wollte Vincent vielleicht am Ende doch leben?

Ich muss zugeben, die hier erzählte Story war zwar solide, aber zweifellos nicht der Star des Films – das sind eindeutig die Bilder. Sie gleicht ein wenig einem etwas langsamen Krimi mit Roulin als Ermittler. Vieles von dem, was Roulin herausfindet, war mir bereits bekannt – weshalb ich auch nicht genau einschätzen kann, ob dieser Film tatsächlich einen guten Einblick in van Goghs Leben gewährt, wenn man noch nichts darüber weiß.
Bewegt haben mich hier vor allem die in schwarz-weiß gehaltenen Rückblenden. Sie erzählen mit sehr viel Feingefühl von der Tragik im Leben Vincent van Goghs. Sicherlich gibt es jedoch Filme und Bücher, die einen umfassenderen Blick auf Person und Werk gewähren (zum Beispiel Van Gogh – Painted With Words oder auch die gesammelten Briefwechsel zwischen Vincent und Theo). Aber ich denke, darum ging es in Loving Vincent letztendlich auch nicht. Sondern eben viel eher um die Frage, warum ein so großartiger Mann, der noch 6 Wochen zuvor geschrieben hatte, dass es ihm gut gehe und dass er vollkommen zufrieden ist, sich plötzlich das Leben nehmen sollte. Dabei lässt der Film im Laufe der Handlung allerdings vielleicht etwas zu sehr außer Acht, dass Vincent aller Wahrscheinlichkeit nach ein psychisch sehr kranker Mann war – auch wenn man ihn aus der Nervenheilanstalt entlassen hatte.
Ob das Ende des Films und die Lösung des Rätsels daher mit der eigenen Überzeugung übereinstimmt, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Wie es sich in Wahrheit zugetragen hat, werden wir vermutlich nie erfahren.

Loving Vincent ist in jedem Fall ein einzigartiges und beeindruckendes Kinoerlebnis, in dessen Realisierung offenkundig viel Liebe, Herzblut, Zeit und vor allem viel, viel, viel Fleiß geflossen ist. Wer Vincent van Goghs Bilder mag – also vermutlich jeder – sollte sich diesen Film deshalb nicht entgehen lassen.

8 replies

  1. Also ich bin ja kein Whovian (jaaaa, Schande über meine Kuh, ich habe mich noch nicht dazu durchringen können), aber eine einzige Folge habe ich gesehen. Durch Zufall. Es war genau diese und ich danach ein heulend Häufchen Elend.
    Halten wir also fest Vincent van Gogh, das war doch der, der sich sein Ort abgeschnitten hat, und der mit der „Dr. Who“-Folge, bei der alle heulen und die viele für die beste Folge der Serie halten, aye?

    Aber nun zum Film. Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, ihn anzuschauen, aber vielen Dank, dass du einen Beitrag dazu geschrieben hast. Ich habe das Gefühl, dass der Film auch nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er verdient hätte. Daher bin ich froh, um jeden, der davon gehört hat und davon erzählt.

    Grüße mit einem kleinen Tränchen im Auge

    Gefällt 2 Personen

    • Ja! Der Film braucht ganz dringend mehr Aufmerksamkeit. Die Oscar-Nominierung hat offenbar nicht ausgereicht um ein größeres Publikum zu erreichen. Es ist so ein tolles Projekt und eben mal eine ganz andere Art und Weise einen Film zu machen – schade, dass sowas irgendwie untergeht. Wenn du dazu kommst, dir den Film anzuschauen, würde mich interessieren wie er dir gefallen hat 🙂
      Und was Doctor Who betrifft – die eine Folge, die du dir da ausgesucht hast, ist eine der besten, es war also eine gute Wahl 🙂 Aber nun darf ich nicht mehr davon reden, sonst bekomm ich wieder feuchte Äuglein… 😀

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