Schon immer ein bisschen verrückt: Sherlock Holmes Fans damals und heute

Guess who’s back! Die #bakerstreetblogs melden sich wieder zurück aus dem Winterschlaf. Heute steht bei Ant1heldin und mir mal nicht der Detektiv selbst, sondern seine Fans im Fokus: In unseren Beiträgen werfen wir einen Blick auf das Holmes Fandom und seine verschiedenen Facetten. Auf geht’s!

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Das Wort Fan leitet sich vom Wort fanatic (fanatisch o. Fanatiker) ab. Einen solchen Hintergrund würde man dem niedlichen Wörtchen eigentlich gar nicht zutrauen. Aber der Grat, zwischen Fandom und Fanatismus ist in der Tat ein schmaler. Etwas, das bewusster denn je wird, wenn man einen kleinen Blick in das Sherlock Holmes Fandom wirft. Worauf ich mich in diesem Artikel konzentrieren will, sind nicht einfach nur Freunde des Detektivs, oder Leser und Zuschauer, die seine Abenteuer schulterzuckend hinnehmen, sondern eingefleischte Sherlockianer – Sherlock Holmes Super Geeks.

Heutzutage sind wir Super-Fandoms gewohnt. Es ist normal, dass Fans laut und präsent in sozialen Medien sind, sich auf der Comic-Con verkleiden, bloggen, vloggen, und T-Shirts tragen, die ihre Leidenschaften jedem sichtbar machen. Schaut her, liebe Leute, ich bin ein Whovian, ein Potterhead, ein Gamer, ein Sherlockianer. So etwas war zur viktorianischen Zeit, in der unsere kleine Reise durch das Sherlock Holmes Fandom beginnen wird, freilich noch nicht denkbar. Trotzdem waren auch die Sherlock Holmes Fans aus der Amtszeit Queen Viktorias schon etwas Besonderes.

Das originale Sherlock Holmes Fandom

Sherlock Holmes war schon zu Lebzeiten Arthur Conan Doyles bekannt wie ein bunter Hund. Aber er war nicht, wie heute, nur ein literarischer Held. Nein, viele Leser hielten die Geschichten für Erlebnisberichte und Sherlock Holmes für eine reale Person.
Doyle erhielt zahlreiche Briefe, die an Sherlock Holmes gerichtet waren. Viele baten den Detektiv darin, sich ihrer Probleme anzunehmen. Einige schrieben auch an die Adresse 221b Baker Street, die bis in die 1930er noch gar nicht existierte – die Straße hatte bis dato nämlich nur 200 Hausnummern.
Die Art und Weise, wie die Geschichten geschrieben waren – mit dem guten Watson als Erzähler und im realen London verankert – hatte offenbar einige Menschen zum Glauben veranlasst, Holmes würde tatsächlich existieren. Aber selbst die, denen die Fiktionalität bewusst war, waren ihrem Detektiv treu ergeben. Sie standen Schlange an den Zeitungsständen, sobald eine neue Holmes Geschichte im Strand Magazine erschien.
Holmes fand in vielen Klassen der Gesellschaft anklang, aber der Großteil seiner Leserschaft gehörte zur Mittelklasse. Nicht-intellektuelle Leser, die keine elitären Schulen besucht hatten und hart für ihr Geld arbeiten mussten. Diejenigen, die sich teure Konzerte nicht leisten konnten und die auf günstigere Ausgaben warten mussten, bis sie sich die neuesten Romane kaufen konnten. Das Strand Magazine sprach diese Leser mit Mystery-, Sci-Fi-, Abenteuer- und Krimigeschichten von Autoren wie H.G. Wells, Jules Verne und eben dem guten Sir Arthur Conan Doyle gezielt an. Die Holmes Geschichten waren zum Großteil Stand-Alones. Man musste nicht alle Geschichten gelesen haben, um ihnen zu folgen, traf aber immer wieder auf die gleichen Charaktere: Holmes und Watson. Ein Erfolgsmodell, das Leser begeisterte.
Die Krux war nur: Conan Doyle hatte genug vom Verkaufsschlager Holmes und machte ihm in der Geschichte „The Final Problem“ den Garaus. Zusammen mit dem eigens dafür erfundenen Erzfeind Moriarty ließ er den Detektiv in den Reichenbach-Wasserfall stürzen. Das Spiel war aus, der Detektiv war tot. Die Leserschaft war entsetzt, geschockt, bestürzt, verzweifelt. Viele Abenteuer hatten sie schon mit Holmes erlebt, hatten ihn und Dr. Watson ins Herz geschlossen und nun sollte plötzlich alles vorbei sein. Das konnte einfach nicht passieren!  Der Aufschrei der Leserschaft war gewaltig – das Strand Magazine verlor 20.000 Abonnenten. Arthur Conan Doyle erhielt Briefe mit wenig schmeichelhaften Aussagen wie „You brute!“ und Vorwürfe des Mordes wurden laut. In Amerika formierten sich „Let’s keep Holmes alive“ Fanclubs und bis heute hält sich das Gerücht, Menschen hätten in den Straßen Londons Trauerkleidung getragen.
Ein derartiges Echo hatte es bis dato nicht gegeben. Normalerweise akzeptierten Leser einfach, was der Autor schrieb. Nun jedoch nahmen sie den Verlauf von fiktiven Geschichten persönlich. Ein Trend, den wir auch in Fangemeinschaften der heutigen Zeit wiederfinden. Die viktorianischen Holmes Fans dürfen sich durchaus als Vorläufer der modernen Fankultur sehen.
Glücklicherweise erweckte Conan Doyle den Detektiv, wie wir wissen, einige Jahre später wieder zum Leben. Auch wenn das nichts mit dem Bitten der Leser, sondern mit ein paar saftigen Schecks zu tun hatte. Aber egal: Die Leser hatten bekommen, was sie wollten: Mehr von ihrem Lieblingsdetektiv. Der Held war wieder zum Leben erwacht.

‚The Game‘ und die Altherrenmannschaft

Nachdem Arthur Conan Doyle die Feder dann aber endgültig zur Seite gelegt hatte, entstanden vielerorts neue Holmes Clubs und Gesellschaften – zu groß war der Wunsch, sich weiter mit dem Detektiv zu beschäftigen. Im Jahre 1934 gründete Christopher Morley in New York die „Baker Street Irregulars“ – die erste und bis heute die bekannteste Sherlock Holmes Gesellschaft weltweit. Denis Conan Doyle, der Sohn des berühmten Autors, war ziemlich überrascht, als er 1940 zu einem Treffen der Gesellschaft geladen wurde. Nicht aber, weil man ihn überhaupt eingeladen hatte, sondern weil die Vorträge, die er zu hören bekam, Sherlock Holmes und Dr. Watson als reale Personen behandelten und weil von seinem Vater, dem Schöpfer des Detektivs, kein Wort verloren wurde. Wie konnte das sein?
Nun, die Baker Street Irregulars, wie viele andere Sherlock Holmes Gesellschaften, agieren unter der Prämisse, dass die Geschichten tatsächlich passiert sind, Holmes und Watson wirklich gelebt haben und Arthur Conan Doyle nicht der Autor, sondern lediglich Watsons Literaturagent war. Die liebste Beschäftigung der Mitglieder von vielen Sherlock Holmes Gesellschaften weltweit, ist daher etwas, das sie „The Grand Game“, „The Great Game“ oder einfach „The Game“ nennen – angelehnt an das berühmte Holmes Zitat „The game is afoot“. Worum geht es dabei? Wissenschaftliche Methoden werden darauf verwendet, Unregelmäßigkeiten und Widersprüche in den Geschichten aufzudecken und zu erklären oder zu beweisen, wann und wo sie tatsächlich passiert sind und an welchen realen Begebenheiten man dies festmachen könnte. Alle Kleinigkeiten werden analysiert und erforscht – von Holmes‘ und Watsons Tabakgeschmack bis hin zu Holmes‘ Familiengeschichte. Ein großer Teil beschäftigt sich auch damit, eine Chronologie der Fälle zu erstellen – und es ist unglaublich, wie weit die forschenden Mitglieder dabei gehen. Es reicht von Sichtung von Aufzeichnungen von Zugunglücken bis hin zur Auswertung von Wetterdaten. Wahnsinn! Die Ergebnisse werden veröffentlicht und/ oder bei den regelmäßigen Zusammentreffen vorgetragen und besprochen. (Wie es der Zufall will, findet zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels gerade das alljährliche Treffen der BSI, das „BSI-Weekend“, in New York statt.)
Es versteht sich allerdings von selbst, dass nur wenige dieser „Forscher“, tatsächlich daran glauben dürften, dass Holmes eine reale Person war. Sie spielen einfach gern „The Game“. Jeder amüsiert sich bekanntlich auf seine Weise.

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Sticker der deutschen Sherlock Holmes Gesellschaft mit dem Slogan: We believe in Sherlock Holmes

Aber was sind das eigentlich für Menschen, die die Holmes Geschichten als ihre Bibel betrachten und sich ihre Zeit mit „The Game“ vertreiben?
Nun, es sind vor allem Männer. Traditionsbewusste, studierte, weiße Männer, 50+. Die BSI, als prominenteste der Sherlock Holmes Gesellschaften, ist ein recht elitärer Verein. So ziemlich jeder Sherlockianer, der sich mit den Originalen beschäftigt und „The Game“ spielt, träumt von der Mitgliedschaft. Aufgenommen wird man aber nur auf Einladung der Gesellschaft (anders als z.B. bei der deutschen Sherlock Holmes Gesellschaft). Die BSI-Mitgliedschaft war außerdem bis 1991 (!) ausschließlich Männern vorbehalten. Im Jahr 1968 kam es deshalb sogar zu Protesten von weiblichen Holmes Anhängern vor dem Hotel, in dem die Gesellschaft gerade tagte.
Ja, das eingefleischte Holmes Fandom war lange Zeit ein echter „Boys Club“. Sabine erzählt euch übrigens in ihrem Artikel noch mehr über die BSI und das Verhältnis der Gesellschaft zu Frauen und den neuen Fans, denen wir uns hier gleich widmen. Schaut unbedingt vorbei!

Fandom 2.0

Im Gegensatz zu den „traditionellen“ Fans – also denen, die sich vor allem mit den Originalen befassen – ist das Gros der neuen Generation von Sherlock Holmes Fans weiblich, online-affin und unter 30. Die erste (und in manchen Fällen auch die einzige) Sherlock Holmes Erfahrung machten sie mit der BBC Serie Sherlock.
Ich selbst bin auch einer dieser „neuen“ Fans. Allerdings war ich ein wenig spät dran. Als ich 2014 begann, mich mit Sherlock zu befassen, stand das moderne Sherlock Holmes Fandom bereits in voller Blüte. Überall im Netz traf man auf Bilder dieses merkwürdig aussehenden Mannes mit dem komischen Namen, der angeblich nun ein Sexsymbol war. Und seinen kleinen blonden Kumpel, den fanden auch alle süß. Überall schrie man „Spoiler Alert“, einige weinten und offenbar war gerade eine neue Staffel dieser Krimiserie ausgestrahlt worden. Ich war verwirrt. Was zur Hölle sollten die Hashtags #SherlockLives #notdead #ibelieveinsherlock bedeuten? Und warum konnte man T-Shirts kaufen, auf denen Dinge standen wie „I AM SHERLOCKED“ und „I don’t shave for Sherlock Holmes“? Kurzum: Was zur Hölle ging hier eigentlich vor?

Ich erholte mich gerade von einer Grippe und dachte, dass dies wohl der passende Moment wäre, mich mal mit diesem Sherlock zu befassen.
Und dann? Ja, dann verstand ich plötzlich alles! Nachdem ich die, bis dato erschienenen, Folgen quasi am Stück gesehen hatte, war ich extrem „sherlocked“ – mit allem was dazu gehört, inklusive dem beinahe obligatorischen Crush auf Benedict Cumberbatch.
Ich hatte nicht die „Die Serie ist ganz nett“ Ausfahrt genommen und war auch nicht bei „Richtig gute Unterhaltung!“ abgefahren. Nein, ich fuhr mit voller Geschwindigkeit auf dem Superfan-Highway und entwickelte eine kleine bis mittelschwere Obsession. Ich las viel zu Hintergründen der Serie, schaute Interviews und wurde zu einem waschechten Sherlock-Geek. Eine App, die zu dieser Zeit sehr populär war, war Quiz Up. Man konnte dort Quizze zu verschiedenen Themen spielen und ich verlor viele Stunden Schlaf, als ich daran arbeitete, die Bestenliste in der Kategorie „Sherlock (TV)“ anzuführen – was mir schließlich auch gelang. Es war ein stolzer Moment!

Nur für Verrückte

Ja, ich war begeistert und auch bisschen durchgeknallt. Aber es gab ein Problem. In der „realen“ Welt fand ich wenige Gesprächspartner, die meine Begeisterung teilten. Klar, die Serie fanden eigentlich alle ganz cool, aber niemand war mit einem derartigen Enthusiasmus dabei wie ich. Also tat ich das, was man zu dieser Zeit eben tat, wenn man sich einer Leidenschaft mit popkulturellem Hintergrund widmete: Ich meldete mich bei der Blogging-Plattform Tumblr an. In dieser kleinen Internetblase fühlte ich mich gut aufgehoben und hatte eine Menge Spaß mit Memes, Witzeleien und wunderbaren Sherlock GIFS. Ich denke, es war genau diese sichere Blase – ohne Naserümpfen der „normalen“ Leute außerhalb der Plattform – die viele dazu veranlasste, ein wenig durchzudrehen. Ich lernte schnell, dass es drei sehr große, sehr aktive Fandoms auf dieser Plattform gab: Doctor Who (das traf sich – ich war auch davon ein Fan), Supernatural und Sherlock. Ich lernte außerdem, dass selbst die anderen Fandoms das Sherlock Fandom für verrückt hielten. Selbst unter den Super-Fans, waren Sherlock-Fans eine Ausnahme.

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Via livelong-and-dftba.tumblr.com

Aber die anderen Fandoms hatten leicht reden. Sie bekamen immerhin jährlich eine neue Staffel serviert. Sherlock Fans mussten warten. Warten. Warten. Ich selbst verbrachte diese Zeit nicht nur auf tumblr, sondern nutzte sie auch, um mich mit den Originalen vertraut zu machen. Die Serie erhielt dadurch für mich zusätzlichen Reiz: Ich konnte sehen, wie clever einige Dinge in die moderne Zeit versetzt wurden und wie viel tatsächlich eigentlich von Doyle stammte, das ich ursprünglich den Drehbuchautoren zugeschrieben hatte. Diesen Weg, so schien es, gingen auch einige andere. Schon allein um herauszufinden, wie Sherlock seinen Tod wirklich vorgetäuscht hat, brachte die Serie den einen oder anderen dazu, sich mit Doyles Geschichten zu befassen. Dennoch blieb der Großteil „nur“ bei der Serie, ohne einen Blick auf das Original zu werfen. Es gab schließlich anderes zu tun. Auf Tumblr und anderen Plattformen war man zum Beispiel schwer mit der Erstellung und Verbreitung von Fan-Art und Fan-Content beschäftigt. Ich sah so viele fantastische Zeichnungen und Illustrationen, Animationen und witzige Comics – es war beeindruckend. Viele nahmen die lange Wartezeit mit Humor und ihre Leidenschaft einfach ein bisschen aufs Korn. Das mochte ich. Es waren gute Zeiten.

What’s up, bitches?

Etwas kritischer beäugte ich dagegen die Fangruppe, die sich selbst den unschmeichelhaften Namen „Cumberbitches“ gegeben hatte und eine ziemlich große Schnittmenge mit dem Sherlock Fandom hatte. Klar, auch ich schwärmte von Cumberbatch, aber es widerstrebte mir, mich Cumberbitch zu nennen. Außerdem schienen, was Cumberbatch betrifft, die Grenzen zwischen Fan und Fanatiker besonders fließend zu sein. Hier und da dachte man sich: Whoa! – vielleicht wäre es nicht schlecht, mal einen Gang zurückzuschalten. Hier ein Beispiel zur Veranschaulichung (ab Minute 2):

 

Der Kult um Cumberbenny nahm ziemlich merkwürdige Auswüchse an. In meinem Besitz befindet sich beispielsweise das „Colour me Good, Benedict Cumberbatch“ Malbuch, das ich seinerzeit als Gag geschenkt bekommen habe. Aber es ist kein gewöhnliches Malbuch für Erwachsene (das war damals übrigens auch ein Trend), sondern man musste die Bilder auch ergänzen. Zum Beispiel sollte man sich selbst an die Seite von Cumberbenny zeichnen und ihm ein Gericht auf einen Teller malen, das man ihm liebevoll gekocht hatte. Von mir hat Benny zwar kein Essen gemalt bekommen, aber dafür einen feschen Schal (er friert nämlich immer so schrecklich). Das ist natürlich mit einer Prise Humor zu betrachten. Aber ich war mir nicht sicher, ob tatsächlich alle dazu in der Lage waren und nicht in Wahrheit auf den Tag warteten, an dem Benedict Cumberbatch vor ihrer Tür stehen und mit ihnen durchbrennen würde.

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Ehhm. Okay.

Nun war Benedict Cumberbatch allerdings nicht der erste Sherlock Holmes Darsteller, dem die Herzen zuflogen und Sherlock war auch nicht die erste Adaption, die viele Zuschauer in ihrem Bann zog. In den 80er und 90er Jahren produzierte Granada (heute ITV) eine Sherlock Holmes Fernsehserie mit Jeremy Brett in der Hauptrolle. Brett führt bis heute so ziemlich jedes Ranking von Sherlock Holmes Darstellern an (zurecht wie ich finde – sorry Cumberbenny). Er verlieh dem Detektiv etwas, das vorher in dieser Form nicht dagewesen war: Sexappeal. Dementsprechend war auch seine Fangemeinde groß, ebenso wie die der Serie insgesamt. Aber damals gab es noch kein Internet, das als Multiplikator der Leidenschaften dienen konnte.

Sherlolly, Adlock und Johnlock – Religionen einer Subkultur

Wo wir schon von Leidenschaften sprechen: Dinge, auf die ich im Zuge meiner Tumblr Erfahrung verstärkt stieß, waren Fanfiction und ‚Shipping‘. Tatsächlich macht dies sogar einen ziemlich großen Part der modernen Fankultur aus. Es gab dabei verschiedene Fokussierungen. Einige schrieben (Liebes-)Geschichten – oder malten Bilder mit teilweise sehr expliziten Inhalten – über Mycroft und Lestrade (aka Mystrade), andere über Sherlock und Irene Adler (aka Adlock), wieder andere über Sherlock und Molly (aka Sherlolly) und und und. So ziemlich jeder wurde mit jedem verkuppelt. Die meisten jedoch beschäftigten sich mit Sherlock und John (aka Johnlock). Welche Paarung man „shippte“, schien in dieser Subkultur beinahe den Status einer Religionszugehörigkeit zu haben. Ich persönlich konnte damit nichts anfangen und shippte und shippe niemanden. Aber hey, wenn es die Menschen glücklich machte, sollten sie es eben tun. Whatever floats your boat, wie der Engländer sagt. Einige namen die Sache jedoch ziemlich ernst und diskutierten mit Inbrunst über das vermeintliche Liebes- und Sexualleben von Sherlock und Co. Die größte und lauteste Fraktion waren dabei vermutlich die „Johnlocker‘. Sherlock liebt John und John liebt Sherlock – das ist doch wohl offensichtlich! Ich war davon einigermaßen überrascht. Sherlock war und ist für mich eine Geschichte über Freundschaft. Aber wenn man sich auf Tumblr und auch an vielen anderen Fandom Sammelplätzen im Netz so umschaute, schien ich damit in der Minderheit zu sein. Mich verwunderte die ganze Debatte ein wenig. Wir sprachen hier immerhin von fiktiven Charakteren. Die Diskussionen jedoch verliefen auf einer anderen Ebene: Man argumentierte so, als wären Sherlock und John real und bräuchten deshalb ganz dringend eine Sexualität, die man auch deutlich aus dieser oder jenen Szene erkennen könnte. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion schienen abermals ein wenig zu verschwimmen. „The Game“ was on… und vielleicht war es auch ein bisschen außer Kontrolle geraten.

Der sherlockianische Shitstorm

Als Staffel 4 schließlich endlich ausgestrahlt wurde, geriet das Sherlock Schiff gehörig ins Wanken. So ziemlich jeder schien auf die eine oder andere Weise enttäuscht gewesen zu sein. Ich für meinen Teil, weil man das, was Sherlock ausmachte, durch zu viel Action und aufgeblasene Storylines eingetauscht hatte. Andere, weil John und Sherlock am Ende kein Paar wurden. Heute scheint es fast, als wäre Staffel 4 ein traumatisches Erlebnis, über das wir nicht sprechen. Aber als die Staffel ausgestrahlt wurde, gab es viele, viele heftige Reaktionen auf Tumblr, Twitter und Co. Die Hasswelle, die diese Staffel auslöste, war für mich der Punkt, an dem ich mich ein wenig vom Sherlock Web Fandom entfernte. Die Autoren Steven Moffat und Mark Gatiss standen (teilweise natürlich berechtigt) für ihre Arbeit in der Kritik, wurden jedoch auch persönlich angegriffen und Fans riefen Petition ins Leben, man müsse Staffel 4 revidieren oder sich zumindest dafür rechtfertigen. Es ist eine Sache, Kritik zu üben (das sollte man natürlich tun und tun dürfen), es ist eine andere, in Rage zu geraten, weil eine Handlung einer Fernsehserie nicht so verläuft, wie man es sich vorstellt. Ich kann verstehen, dass Fans enttäuscht waren – ich war es ja auch. Aber eine schlechte Staffel Sherlock ist noch lange kein Weltuntergang. Ceep calm and carry on. Aber die große heitere Friede-Freude-Eierkuchen-Fandom-Party schien für mich und viele andere nun vorbei. Der letzte macht bitte das Licht aus.

Macht doch, was ihr wollt

Sicherlich war diese Enttäuschung auch das Ergebnis von hohen Erwartungen und letztendlich zeigt sie nur, wie sehr Fans Sherlock eigentlich geliebt hatten. Die „neuen“ Holmes Fans bauen zu großen Teilen eine sehr innige Verbindung zu Charakteren auf und nehmen das Schicksal des Detektivs nicht auf die leichte Schulter, sondern nehmen es sich zu Herzen. Eine Eigenschaft, die sie mit ihren viktorianischen Vorfahren und den traditionellen Kollegen aus den Sherlock Holmes Gesellschaften gemein haben. Was die jüngste Generation von Holmes Fans von ihren älteren Kollegen jedoch unterscheidet, sind zwei Dinge: Der Bezug zu den Originaltexten von Arthur Conan Doyle ist weniger relevant und die Sexualität rückt mehr in den Fokus.

Was uns diese kleine Reise durch das Fandom aber vor allem gezeigt hat, ist, dass Sherlock Holmes Fans schon immer recht enthusiastisch waren. Zugegeben, manchmal verlieren Holmes Fans aller Epochen und Generationen dabei aus den Augen, dass wir hier eben letztendlich von Fiktion sprechen und Sherlock Holmes keine reale Person ist. Und ja, in den Weiten des Internets entstehen heutzutage manchmal merkwürdig anmutende Auswüchse des Fandoms. Aber ob die Malbuch malenden Cumberbitches Cumbercookies nun schrulliger sind, als Männer, die Jahrhunderte alte Wetterdaten nachprüfen, um Holmes-Geschichten korrekt zu datieren, würde ich auch mal in Frage stellen. Viele der Fans, die sich im Netz tummeln, sind einfach unglaublich kreativ, loyal, sie sind witzig, neugierig und (meistens auf positive Art und Weise) durchgeknallt – und ich hoffe, das wird auch in der Zukunft so sein.

Dazu befragt, ob man ein von ihm verfasstes Theaterstück verändern und Holmes verheiraten dürfe, sagte Arthur Conan Doyle übrigens: You may marry him, or murder him or do whatever you like with him.  Der Meister hat gesprochen: Wir haben freie Hand. Egal, ob man sich also nun mit Sherlock auf Tumblr herumtreibt oder „The Game“ spielt, ob man Blogartikel oder Fanfictions schreibt, Sherlolly oder Johnlock shippt, Holmes-Purist ist oder moderne Adaptionen mag, sich Kostüme kauft oder Pfeife raucht, sich Serien anschaut oder doch am liebsten die Originale liest: Was uns Fans vereint, ist die Begeisterung für Sherlock Holmes. Wie man sich mit dem Thema auseinandersetzt und wie man seiner Leidenschaft frönt, bleibt am Ende jedem selbst überlassen. Das einzig Wichtige ist, dass man Spaß dabei hat!

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr auch durch Sherlock zum Detektiv aus der Bakerstreet gefunden oder seid ihr schon länger dabei? Welche Eindrücke habt ihr vom Fandom?

Nun aber schnell rüber zu Sabine, um Ihren Artikel zu Sherlock Holmes Fans zu lesen. Unter anderem geht es dort um Sexismus im Fandom und das Naserümpfen der alten Hasen gegenüber den „neuen“ Fans. Zum Artikel geht es HIER!


Infos stammen aus:
BBC: How Sherlock Holmes changed the world
Den of Geek: Sherlock Holmes: Original Fandom
Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock, btb Verlag, 2015
Meinem Gedächtnis

5 replies

  1. Hi. Puh, am Anfang dachte ich ja noch, ob das mein Artikel wird?
    Ja, ich mag die Serie Sherlock und ihre Hauptdarsteller, aber ich fand als Darsteller vorher auch J. Brett noch näher am Original, ( er selber sich aber wohl auch). Und damit sind wir für mich schon beim Wichtigsten: den tollen Detektiv Geschichten. Und manchmal bleibt die erste grosse Liebe zu Krimis, besonders ihre Auflösung, am stärksten hängen.
    Du hast Dir wieder so viel Mühe gegeben und auch viel persönliche Dinge offenbart, Wahnsinn.
    Zumal Fan sein ja echt so unterschiedlich sein kann, vor allem aus der Sicht des Betrachters!
    Am Wichtigsten ist ja noch immer, es soll Spass machen, oder?
    Hoffe, Dir bleibt da viel Spass erhalten.
    Liebe Grüße
    Nina

    Gefällt 1 Person

    • Danke für deinen Kommentar, liebe Nina! Schön auf Jeremy Brett Fans zu treffen – unter den „neuen“ Fans ist da ja eher selten. Ich habe neulich ein Buch über Brett als Holmes gelesen („Bending the Willow“ heißt es). Sehr beeindruckend, mit wie viel Enthusiasmus und Hingabe er sich der Rolle gewidmet hat – auch wenn er wohl zeitweise mit dem düsteren Charakter Holmes zu kämpfen hatte und das seine eigenen psychischen Probleme verstärkt zu haben schien. Tragische Geschichte…

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  2. Wow, ich bin beeindruckt von deiner „kleine Reise“, aber wirklich eine spannende Geschichte! Ich muss gestehen, dass ich Sherlock noch nicht gesehen habe, aber dafür vor kurzem Elementary beendet habe. Was hältst du eigentlich von der Serie?

    Gefällt 1 Person

    • Danke, Andrea 🙂

      Elementary ist eher nicht so mein Fall. Als Crime-Serie funktioniert es sehr gut, aber mit Sherlock Holmes hat es recht wenig zu tun, finde ich. Ich muss aber auch gestehen, dass ich nur eine Staffel gesehen habe. Wie hat dir die Serie gefallen?

      Gefällt 1 Person

      • Ich fand die Serie am Anfang eher schwierig, aber dann musste ich sie komplett durchgucken, weil sie mich doch sehr gefesselt hat. Aber du hast Recht. So viel hat sie mit Sherlock Holmes wahrscheinlich nicht zu tun…

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