Sherlock Staffel 4: Top oder Flop?

ACHTUNG: Dieser Artikel enthält Spoiler. Ziemlich saftige sogar.

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Copyright © 2017 BBC

Guess who’s back (back, back)? Back again (‚gain, ‚gain)? Sherlock’s back (back, back)!
Tell a friend? Oder lieber nicht?

Drei Jahre haben wir gewartet. DREI. JAHRE! Genug Zeit, vielleicht sogar zu viel, um sich über den einen oder anderen Plot Gedanken zu machen. An east wind is coming. IOUIt’s not a game anymore. Theorien. Ungeduld. Gerüchte. Hype. Hate. Johnlock!

Did you miss me?
Yes, we did.

Und dann, endlich: Drei glorreiche Sonntagabende mit Sherlock und John! Aber so langsam wie es kam, so schnell war es auch wieder vorbei, unser kleines Intermezzo mit dem Doktor und dem Detektiv. Hat sich das lange Warten dafür tatsächlich gelohnt?

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Nun, nach der ersten Folge, The Six Thatchers, hatte ich daran tatsächlich meine Zweifel. Zwar würde ich die Episode durchaus als solide Unterhaltung bezeichnen, aber ich hatte den Eindruck, dass sich die Geschichte in den, in Staffel 3 gestarteten, Storylines verliert.
Die ganze Sache mit Sherlocks merkwürdigem Schwur, die Watsons zu beschützen und Marys dubiose Auftragskiller-Vergangenheit wurden für meinen Geschmack etwas zu sehr in den Fokus gestellt. Man hat sich, meiner Meinung nach, nicht unbedingt einen Gefallen damit getan, die Geschichten inhaltlich zusammenhalten zu wollen.
Schließlich sind die tragenden Elemente der Geschichten von Arthur Conan Doyle Holmes und Watson, kein, sich über mehrere Stories entwickelnder Plot. Jede der Doyle Stories ist in sich geschlossen und kann ohne weiteres alleinstehen. Ein Konzept, das in den ersten beiden Staffeln von Sherlock weitestgehend übernommen wurde, aber aus irgendeinem Grund bereits in Staffel 3 verworfen wurde.
Aber nun gut, was man begonnen hat, muss man bekanntermaßen auch irgendwann zu Ende bringen. Marys tragisches Ende war deshalb quasi unausweichlich, ebenso wie das damit einhergehende Scheitern von Sherlocks Versprechen. Was natürlich die Freundschaft zwischen John und Sherlock auf eine ungeahnte, und, wenn wir mal ehrlich sind, auch irgendwie unnötige, Probe stellt.
Dafür, dass die Story so lange darauf hingearbeitet hat, fand ich Marys Ende dann auch etwas zu unspektakulär – im Gegensatz zu Freemans schauspielerischer Performance in der Szene, die war nämlich ganz großes Kino.
Was mir in der Episode außerdem gefiel, war die eingewobene Geschichte vom Appointment in Samarra, in der ein Händler versucht, vor dem Tod zu fliehen, nur um ihm dadurch in der Stadt Samarra direkt in die Arme zu laufen. Ich hatte irgendwie darauf spekuliert, dass diese Geschichte oder zumindest die zentrale Aussage „Death waits for us all in Samarra. But can Samarra be avoided?“ in den späteren Folgen noch einmal aufgegriffen wird. Aber da hab‘ ich mich wohl getäuscht. Ist ja nicht das erste Mal („It’s never twins, Watson!“ *hust*).

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Nachdem mich die erste Folge also nun für sherlockianische Verhältnisse eher mäßig beeindruckt hat, war ich umso gespannter auf The Lying Detective. Insbesondere weil The Adventure of The Dying Detective, die Vorlage von Sir Arthur Conan Doyle, einer meiner absoluten Favoriten unter den Holmes-Stories ist.
Die Messlatte lag also nicht unbedingt niedrig, aber The Lying Detective hat sich trotzdem ganz gut geschlagen.
Was ich besonders mochte, war der allumfassende Wahnsinn der Charaktere in dieser Episode. Sherlock ist so high, dass er nicht mehr richtig zwischen Realität und Einbildung unterscheiden kann, John führt Dialoge mit seiner verstorbenen Frau und ein Serienmörder baut sich ein Krankenhaus, um darin Menschen umzubringen. Wenn das mal keine schöne Mischung ist!
Natürlich könnte eine solche Geschichte auch nach hinten losgehen. Nämlich dann, wenn man keine Schauspieler hat, die das Ganze glaubwürdig darstellen können. Cumberbatch und Freeman zeigen hier aber wieder einmal, dass sie Schauspieler von Weltklasse sind, und auch Toby Jones (Culverton Smith) spielt den Psychopathen so überzeugend, dass ich beinahe Gänsehaut bekommen hätte.
Aber auch die Story selbst war durchweg spannend und hat mich mit dem schönen Mix aus moderner Interpretation und klassischer Doyle-Vorlage bis zum Ende an den Bildschirm gebannt. Trotzdem gab es auch in dieser Folge ein paar (neue) Elemente, die bei mir beinahe ein genervtes Augenrollen entlockten.
Denn ich fand, dass man hier und da einfach über das Ziel hinausgeschossen ist. Einiges wirkte einfach etwas over the top. Zum Beispiel Mrs. Hudson, die in einem roten Sportwagen mit Sherlock im Kofferraum die Mülltonnen der Stadt umkachelt, während die Ode an die Freude aus den Lautsprechern dröhnt. Die Story war auch so schon verrückt genug, da hätte man auf solche Elemente gut und gerne verzichten können. Weniger ist manchmal eben mehr.
Das trifft übrigens auch auf die Gefühlswelt unseres Lieblingsdetektivs zu. Ich hatte den Eindruck, dass man versucht, Sherlock zu vermenschlichen. Und ja, ich kann nachvollziehen, dass Zuschauer sich wünschen, dass Sherlock mehr Gefühle zeigt und vielleicht tief drinnen doch nicht so soziopathisch ist, wie wir dachten und dass John Watson das Beste aus ihm hervorholt – aber um ehrlich zu sein, ist das genau das, was ich nicht sehen möchte. Ich mag Charaktere, die anders sind, die man nicht richtig verstehen kann und deren Entscheidungen vor allem nicht von Gefühlen beeinflusst werden – eben weil das so ein schöner Kontrast zur Normalität ist. Deshalb gefiel mir dieser streckenweise weinende, zweifelnde, nette(!), Irene Adler nachhängende Sherlock einfach nicht so richtig. Das gleiche trifft auf Mycroft zu – wo kam denn bitte plötzlich dessen Libido her? Knödelt einfach mit Lady Smallwood…Ich dachte, ich guck nicht richtig!
Aber all das war natürlich schnell vergessen, als die bis dato unbekannte Holmes Schwester, Eurus, die Bildfläche betrat und unserem Watson obendrein auch noch eine Pistole vor die Nase hielt.
Meine Annahme, dass Sherrinford der dritte Holmes Bruder ist, segelte damit quasi in hohem Bogen aus dem Fenster…

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In The Final Problem erfahren wir dann schließlich, dass Sherrinford ein High-Tech Gefängnis ist, in dem die psychopathische Eurus eigentlich einsitzen sollte.
Natürlich befindet sich diese Festung ganz weit draußen auf einer Insel im Meer. Natürlich kapern Sherlock, John und Mycroft ein Boot um auf diese Insel zu gelangen. Und natürlich ist Eurus ein größeres Genie als Isaac Newton und hat nicht nur die Festung Sherrinford unter Kontrolle, sondern jagt obendrein auch noch die Wohnung in der Baker Street in die Luft, sodass Sherlock und John in einer sehr jamesbondesken Szene aus dem Fenster springen müssen… Soviel nur noch mal zum Thema ‚over the top‘…
Der Rede gar nicht wert, erinnert sich Sherlock, der Typ mit dem berühmten Mind Palace, nicht an seine eigene Schwester – oder daran, was sie seinem geliebten Redbeard angetan hat. Bei jedem anderen würde ich das vielleicht glauben, aber nicht bei Sherlock Holmes – der Mann ist schließlich mehr Hirn als Mensch.
Von diesen kleinen Unzufriedenheiten aber mal abgesehen, ist es dieser Story gelungen, mich komplett zu fesseln. Meine Muskeln waren mindestens in 85 von 90 Minuten dieses Psychospielchens angespannt und die Hände immer so positioniert, dass ich mir schnell die Augen zuhalten konnte. Ab und zu entfuhr mir mal ein „NOOO!“ oder ein „What the hell?!“ während mein Blutdruck vermutlich die 200er Marke geknackt hat. So muss Unterhaltung sein! Genau darin liegt der Zauber einer guten Geschichte.
Nachdem sich mein Adrenalinspiegel ein paar Stunden später wieder normalisiert hatte, fiel mir allerdings auf, dass ich mir in dieser Folge vor allem von einem noch etwas mehr erhofft hätte: Jim Moriarty. Denn die Art und Weise seines Auftritts – nämlich als Videos filmender Flashback – wirft durchaus die Frage auf, warum die Figur am Ende der letzten Staffel überhaupt wieder integriert wurde („Did you miss me?“) und noch viel mehr, warum Sherlock in The Abominable Bride behauptet: „I know exactly what he’s going to do next!“
Hast du uns da etwa Schmarn erzählt, Sherlock? Dass die Schwester, an die du dich nicht erinnerst, hinter all dem steckt, kannst du ja wohl kaum vorausgesehen haben…

Und am Ende von The Final Problem bleibt natürlich noch eine weitere Frage unbeantwortet: War das vielleicht die allerletzte Folge Sherlock? Man könnte es ja fast vermuten (auch wenn man es nicht wahrhaben möchte).

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Um jetzt aber endlich mal auf die Frage vom Anfang dieses Textes zurückzukommen: „Hat sich das Warten gelohnt?“
Ich und meine, eventuell etwas zu hoch angesetzte, Messlatte würden sagen… jein.
Versteht mich nicht falsch, ich denke nach wie vor, dass Sherlock ein überragendes Format ist, aber ich finde, dass die vierte Staffel doch recht merklich hinter den vorherigen zurückbleibt. Zwar gibt es hier, wie gewohnt, Elemente, die mich vom Hocker gerissen haben, aber gleichzeitig die unerfreuliche Neuerung, dass mir das ein oder andere missfiel. Wobei ich diese Aussage natürlich dadurch relativieren möchte, dass ich sage: Das, was ich hier mache, ist Jammern auf hohem Niveau. Wer gute Holmes-Geschichten sucht, der wird sie nach wie vor bei Sherlock finden.
The game‘s (still) afoot.

3 Gedanken zu “Sherlock Staffel 4: Top oder Flop?

  1. Sherlock, wie ich ihn lieben gelernt habe, gab es so nur in The Lying Detective diese Season. Die anderen beiden Folgen waren einfach mau. The Final Problem fand ich sogar in der Überstrukturiertheit ärgerlich. Man stelle sich vor, wie Eurus in 5 Minuten mit Moriarty das geplant hat, was wir in den letzten Folgen gesehen haben. Und natürlich den Rätsel-Parcours. Das ist schon eine unverdauliche Pille, die man da schlucken soll. Moriarty verkommt zu einem Video-Gimmick, was mich wirklich ärgert. Komisch, das in der Familie nie über Eurus gesprochen wurde. Nirgendwo ein Bild von dem Mädchen hing, aber die Eltern sich am Schluss echauffieren, das Mycroft ihnen verschwiegen hat, dass die Tochter noch lebt. Wirklich, diese Folge war so voller Plotholes, das ich mir die Haare raufe.

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  2. Mir ist die gesamte letzte Staffel viel zu weitbweg von dem, was ich so an der Serie geliebt habe. Kaum nachvollziehbare Deduktionen, eine Mischung aus Bond, The Ring, Matrix und Klamauk.

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  3. Sherlock selbst war großartig geschrieben, aber Martin Freeman wirkte und war (meiner Meinung nach) viel interessanter. Sicherlich, er hatte ein großes Los zu tragen und daher auch Möglichkeiten dieses auszuspielen und Sherlock war eben Sherlock. Die Season selbst fand ich okay, aber zu weit weg – wie auch schon mehrfach genannt wurde – vom Ursprung, von dem, was die Serie einst so großartig machte. Es kam mir zu bemüht, zu viel und zu übertrieben vor. Die Geschichte mit der Schwester war seltsam, aber soweit okay.

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