Ein echter Klassiker: Der Steppenwolf (Nur für Verrückte)

Hermann Hesse – auch einer von denen, die angeblich in jedes Bücherregal gehören. Ich war da vorab irgendwie ein wenig skeptisch. Und auch vielleicht ein wenig ziemlich voreingenommen. Denn Hesse, so dachte ich, wäre einer dieser Autoren, von denen Menschen behaupten, sie zu lieben, weil man sich gut damit brüsten und seine literarische Kompetenz unter Beweis stellen kann: Schaut her, liebe Leute, ich lese Hesse. Jaha. Literaturnobelpreisträger! Oho. Was anderes lese ich ja eigentlich gar nicht, wisst ihr – nur Nobelpreisträger. Alles andere ist für mich Abfall. Ich möchte, dass mich der Satzbau fordert – wenn ein Satz nicht mindesten 5 Nebensätze hat und ich mich an seinem Ende noch an seinen Anfang erinnern kann, ist das kein richtiger Satz… und so weiter. Ihr wisst schon, was ich meine.

Nun habe ich allerdings dieses Jahr den Entschluss gefasst, mal den einen oder anderen Klassiker zu lesen und war nach Dr. Jekyll und Mr. Hyde nun auf der Suche nach dem nächsten Buch aus der Riege „muss man mal gelesen haben“. Eigentlich wollte ich als nächstes Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde lesen. Aber dann stieß ich bei ida’s bookshelf auf eine ganz bezaubernde Rezension zu Hermann Hesses Der Steppenwolf aus dem Jahr 1927 – und die hat mich tatsächlich sehr neugierig gemacht. Denn irgendwie passte sie so gar nicht zu meinem Vorurteil belasteten Bild von Hesses Werk. Also wanderte das Buch in den Einkaufswagen und wurde alsbald von mir verschlungen.

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Gleich zu Beginn hatte Herr Hesse mich wider Erwarten schon am Haken. „Nur für Verrückte“ steht da nämlich klein gedruckt unter dem Titel des ersten Kapitels geschrieben. NUR FÜR VERRÜCKTE! Gibt es ein besseres und einfacheres Mittel, um selbst mittelschwer bis kaum Verrückte neugierig zu machen? Wohl kaum. Hut ab, Herr Hesse. Hut ab. Und es sollte nicht der letzte Streich des Autors sein.

Aber der Reihe nach. Worum geht es denn im Steppenwolf eigentlich? Ist das eine Geschichte über einen Wolf in der sibirischen Tundra? Nein, keineswegs. Der Steppenwolf berichtet von merkwürdigen Ereignissen aus dem Leben eines gewissen Harry Hallers, der mit der vermeintlichen Spaltung seines Ichs zu kämpfen hat. Haller ist halb Mensch, halb Steppenwolf – so glaubt er zumindest.

Es war einmal einer namens Harry, genannt der Steppenwolf. Er ging auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber eigentlich war er doch eben ein Steppenwolf.

Im Gegensatz zum recht sanftmütigen Harry verachtet der Steppenwolf alles gutbürgerliche, fletscht die Zähne bei den kleinen Freuden des Lebens, belächelt alles hämisch, was der normale Bürger für amüsant oder gut hält, und möchte – so kann man es vielleicht sagen – die Welt einfach brennen sehen.

Es brennt alsdann in mir eine wilde Begierde nach starken Gefühlen, nach Sensationen, eine Wut auf dies abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben und eine rasende Lust, irgendetwas kaputt zu schlagen, etwa ein Warenhaus oder eine Kathedrale oder mich selbst, verwegene Dummheiten zu begehen, ein paar verehrten Götzen die Perücken abzureißen…

Der sensible Harry ist dadurch unglücklich und von seinen Mitmenschen isoliert. Bis er, als er mal wieder seinen Selbstmord planend, in einem Lokal sitzend, auf die junge Hermine trifft. Durch sie lernt er nicht nur zu leben – zu tanzen, zu lieben, zu lachen – sondern wird auf seiner Reise erkennen, dass seine Persönlichkeit keineswegs nur aus Harry und dem Steppenwolf besteht, sondern aus tausenden kleinen Persönlichkeiten zusammengesetzt ist und der einzige Weg, das Leben zu genießen darin besteht, sich selbst und all die Facetten der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren und vor allem nicht zu ernst zu nehmen.

Doch wer jetzt denkt, dass es sich beim Steppenwolf nun um eine kitschige Liebesgeschichte handelt, ist schief gewickelt.
Hesse beschreibt Szenen, die mir so noch nie unter die Nase gekommen sind. So verrückt und gleichzeitig so klar und nachvollziehbar beschreibt er die Erlebnisse des Steppenwolfs, dass ich mir beinahe sicher war, dass diese Szenen ihren Ursprung in bewusstseinserweiternden Drogen haben müssen. Mozart wird an seinem Zopf durch den Raum geschwungen, Goethe legt einen Stepptanz aufs Parkett – einiges wirkt hier wie ein sehr bizarrer, wenngleich witziger, Traum.

Ich packte Mozart am Zopf, er flog davon, der Zopf wurde länger und länger, wie ein Kometenschweif, an dessen Ende ich hing und durch die Welt gewirbelt wurde.

Anderes hingegen wirkt so wach und real, dass einem mulmig wird. Hesse erzählt so lebendig, so bildhaft, dass ich von der ersten Seite an gefesselt war und jede einzelne Szene so scharf vor Augen sehen konnte, dass ich mir sicher war, schon einmal eine Verfilmung gesehen zu haben, obwohl dies nicht der Fall ist.
Sprachlich hatte ich verschwiemelte, verschachtelte Sätze erwartet, und sie ehrlichgesagt auch bekommen. Aber gleichzeitig war ich von der Klarheit Hesses Sprache überrascht. Die Sätze sind lang, ja – aber sie sind so voller Gefühl, dass man ihnen leicht folgen kann und will. Sie strotzen mal vor Kraft und Wut, peitschen sich hoch, und sind dann wieder leise und einfühlsam. Es ist schlichtweg eine Freude, sie zu lesen.

Doch so klar die Szenen auch beschrieben sind, so lassen sie am Ende des Tages doch einige Interpretationen zu. Ich war mir nie sicher, ob meine eigene nun die richtige ist, oder ob es hier überhaupt ein richtig und falsch geben kann. Auch beschäftigte mich während des Lesens zweifellos die Frage, ob Der Steppenwolf ein rein autobiografisches Werk ist. Dass es einige Parallelen gibt, ist in jedem Fall klar. Hermann Hesse, Harry Haller – die Initialen stimmen schon einmal. Selbst in puncto Aussehen und Lebenslauf gibt es einige Gemeinsamkeiten. Aber ob der Autor nun einen so wütenden Steppenwolf in sich trug, das vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen.
Eins weiß ich allerdings ganz sicher: Der Steppenwolf ist ein besonderes Buch, das mich sprachlich und inhaltlich überrascht hat und meine Vorurteile in hohem Bogen aus Fenster segeln ließ. Einige Passagen haben sich mir ins Gedächtnis gebrannt und sprudeln nun von Zeit zu Zeit an die Oberfläche – „Ein paar verehrten Götzen die Perücken abzureißen“, darauf habe ich beispielsweise häufiger mal Lust…
Ob man dieses Buch aber nun gelesen haben MUSS, sei mal dahingestellt – wie heißt es so schön: sterben muss man, sonst nichts – aber empfehlen würde ich es trotzdem. Literaturnobelpreis hin oder her, Der Steppenwolf ist einfach ein gutes Buch – und es wird nicht das letzte gewesen sein, das ich von Hesse gelesen habe.


Infos zum Buch:

Titel: Der Steppenwolf
Autor: Hermann Hesse
Erstveröffentlichung: 1927
ISBN: 9783518366752 (Suhrkamp Verlag, Taschenbuch)
Seiten: 278

7 replies

  1. Hi. Ja Klassiker überraschen manchmal, manche gefallen einem wirklich!
    Wenn du noch Mal was von H. Hesse lesen magst, es gibt Märchen von ihm, 2 Bände. Heissen auch einfach so. Und sind natürlich keine Märchen im üblichen Blick. Hesse war was typisches, was ich in der Sturm und Drang Zeit gelesen habe:-)
    Oscar Wilde kann ich dir auch nur sehr empfehlen. Liest sich auch gut und flüssig, ich liebe ja sein Gespenst von Canterbury oder die Geschichte vom Einsamen Riesen.
    Viel Spass jedenfalls! Denn das soll auch ein Literatur Klassiker machen, wenn nicht, dann muss ich ihn vielleicht doch nicht lesen.
    Liebe Grüße
    Nina

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    • Oh, die Märchen klingen spannend! Danke für den Tipp, Nina 🙂
      Wilde werde ich wohl als nächstes angehen (die Erinnerungen aus der Teenagerzeit sind nicht mehr so ganz frisch) – wobei ich jetzt so aus einigen Lagern gehört habe, dass sich seine Bücher recht anstrengend lesen. Ich bin mal gespannt.
      Gibt es noch ein paar Klassiker, die du sonst empfehlen kannst?
      Liebe Grüße

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      • Hm, da ist die Auswahl Recht groß 🙂
        Ich möchte Dürrenmatt*Richter und sein Henker*, auch wenn das Schullektüre oftmals ist. R. L. Stevenson, Jack London (seine Reise mit der Snark bei Mare!,) Ich find, ein guter Roman darf auch spannend sein und darin seine Botschaft verstecke*, ohne das man gleich sehr Prosatische Texte lesen muss. Klar kann man die Literatur Klassiker einfach so Mal runtergehen, aber nützt ja nichts, wenn man dann nicht voran kommt. Und man merkte deiner Auswahl an, dass du gerne englische Literatur magst. Mal sehen, mir fällt vielleicht noch was ein. Übrigens, Wilde Diese und Gespenst sind nicht so lang, teste sie doch.
        Liebe Grüße
        Nina

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  2. als junger teen gelesen, könnte ich mal wieder reinlesen und eine neue chance geben. ich weiß nur noch, dass ich damals nicht so begeistert war, was aber auch daran lag, dass ich kurz zuvor narziß und goldmund gelesen hatte, was um ein vielfaches besser gefiel und mich weit mehr mitreißen konnte.

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    • Narziß und Goldmund wollte ich mir auch mal anschauen. Der Noch-zu-lesen-Stapel wächst und wächst…
      Gib doch dem Steppenwolf mal noch eine Chance – angeblich ändern sich Geschmäcker ja von Zeit zu Zeit 🙂

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  3. Hi liebe Karo!

    Ich freue mich gerade diebisch, dass dich meine Rezension dazu inspiriert hat, Hesse eine Chance zu geben. 🙂 Deine Rezension gefällt mir so gut! Ich fühle mich gerade so, als hätten wir kurzzeitig ein Hirn geteilt und hätten nun dieselben Gedanken zu dem Buch – beispielsweise hatte ich auch den Eindruck, als hätte ich bereits eine Steppenwolf-Verfilmung gesehen, obwohl ich das definitiv nicht habe. 😀
    Und genau diese Einstellung hat mich auch eine ganze Weile einen Bogen um Hesse machen lassen – weil er oft wie ein Prestige-Autor (aka. ‚muss man gelesen haben um gebildet wirken zu können‘) angepriesen wird und man sich dann davor fürchtet, es eventuell echt doof zu finden und damit auf gut deutsch seine Zeit zu verschwenden – oder es einfach nicht zu verstehen. Aber ich liebe es, wie er schreibt! Und du hast genau die richtigen Worte gefunden, um das zu beschreiben, was ich beim Lesen empfunden habe.
    Interpretationsansätze hatte ich auch eine Menge, aber keine Ahnung, ob es überhaupt eine ‚richtige‘ Interpretation zu diesem Buch gibt – und natürlich hatte ich auch wilde Vermutungen zum autobiographischen Aspekt. Aber das ist auch irgendwie das Schöne daran: man wird zum Nachdenken angeregt, man wundert sich ein bisschen und setzt sich mit dem Buch auseinander. Es wird auch definitiv nicht mein letzter Hesse bleiben – da sind wir uns einig! ❤

    Liebste Grüße,
    Ida

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    • Oh, Ida, vielen Dank für deinen lieben Kommentar 🙂 Ich freue mich total, dass dir meine Rezension gefällt. Und danke nochmal für den tollen Lesetipp – ohne deine Rezension hätte ich bestimmt nicht zu Hesse gegriffen und da wäre mir ja wirklich was entgangen! Witzig, dass unsere Lese-Erfahrungen so ähnlich sind – verblüfft mich ja schon ein bisschen 😀 Ich bin sehr gespannt auf weitere Berichte von Hesses Büchern von Dir ❤ Liebe Grüße!

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