Gelesen im Januar: Mimikry, Mord, Musik und Federvieh

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Mensch Kinder, wie die Zeit vergeht! Grad noch hat man sich darüber gefreut, das erste Mal korrekterweise 2017 statt 2016 in die Datumszeile geschrieben zu haben, da ist der erste Monat des neuen Jahres auch schon wieder vorbei.
Da die guten Vorsätze meist ohnehin den Neujahrskater nicht überleben, habe ich mir in diesen Jahr gar nicht erst die Mühe gemacht, welche zu formulieren. Abgesehen davon, dass ich mir auf Goodreads das Ziel gesetzt habe, 52 Bücher zu lesen. Kein allzu kniffliger Vorsatz, aber ich wollte auch nicht, dass ich mich zum Bücherkonsum zwingen muss. Lesen soll schließlich nicht zur Pflicht werden, sondern vor allem Freude bereiten – was im Lesemonat Januar definitiv der Fall war.
Zum Start ins neue Jahr gab es einen schönen, bunten Mix an unterschiedlichsten Geschichten: Ein Mann, auf der Suche nach seiner Freundin beginnt, sich selbst zu verlieren, ein Detektiv, der das macht, was er am besten kann: Morde aufklären, eine Dystopie, in der Musik das geschriebene Wort ersetzt, ein toter Jäger, der als Fasan wiedergeboren wird und zum Abschluss ein Superheld ohne Hose und ohne Kompetenz…

Danny Wallace – Who is Tom Ditto? (Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto)

„Tom, I have not left you. But I am gone. Please carry on as normal.“
Die einzige Nachricht, die Hayley vor ihrem plötzlichen Verschwinden hinterlassen hat, stellt Nachrichtensprecher Tom Adoyo vor ein Rätsel. Einfach normal weitermachen, wo doch die Liebe seines Lebens verschwunden ist? Wie stellt sich Hayley das eigentlich vor? Und wenn sie ihn nicht verlassen hat, warum ist sie dann fortgegangen? Verständlicherweise kann sich Tom nicht mit diesen spärlichen Informationen zufriedengeben und begibt sich auf Spurensuche. Im Zuge dessen erfährt er nicht nur, dass Hayley nicht die Frau gewesen ist, für die er sie gehalten hat sondern stößt außerdem auf eine Gruppe von Menschen mit einem ausgesprochen merkwürdigen Hobby: Wildfremde Menschen verfolgen, beobachten und imitieren. Dabei übernehmen sie den Kleidungsstil, die Inhalte der Einkaufskorbs, die Frisur, die Hobbys, die Wahl des Mittagessens, ja, sogar die Meinungen. Zwar erscheint diese Freizeitbeschäftigung auf den ersten Blick bizarr aber auch Tom wird bald erfahren, dass es in Zeiten der Unsicherheit und Ziellosigkeit einfacher ist, anderen Menschen die Entscheidung über das eigene Leben zu überlassen. Aber wenn man sich nur leiten lässt, wo bleibt dann die eigene Persönlichkeit? Ist man dann überhaupt noch irgendwer?
Dieses beinahe tiefgründige Thema behandelt Who is Tom Ditto ohne sich dabei selbst zu ernst zu nehmen und ohne auf den guten britischen Humor zu verzichten. Zu der offenkundigen Absurdität der Menschen, die andere Menschen imitieren, gesellt sich die wunderbar eingefangene Absurdität des Alltags. Obwohl die Spannung im Laufe des Romans etwas nachlässt und sich mir einige Entscheidungen des Protagonisten nicht ganz erschlossen, hatte ich keine Probleme, das Buch zu beenden. Es liest sich schön dahin  – genau richtig für verregnete Wochenenden oder langweilige Bahnfahrten.

Nicholas Meyer – The West End Horror: A Posthumous Memoir of John H. Watson, M.D. (Sherlock Holmes und die Theatermorde)

Hach, Nicholas Meyer! Wer auf der Suche nach einer richtig guten Holmes Story ist, die nicht von Sir Arthur Conan Doyle geschrieben wurde, ist hier an der richtigen Adresse. Im letzten Jahr hatte ich The Seven Percent Solution gelesen und war sofort gefesselt und absolut begeistert. Nun war ich gespannt, ob das zweite Holmes Buch aus der Feder Meyers da mithalten kann. Die Antwort lautet: Fast.

Der Schrecken geht um in Londons West-End. Zwei brutale Morde halten die Theaterwelt in Atem. Und an wen wendet man sich, wenn die Polizei mal wieder ratlos ist? Natürlich an den berühmten Detektiv aus der Baker Street. Man kennt das ja.
Im Grunde ist das zu lösende Rätsel hier weder sonderlich spektakulär noch besonders vorhersehbar – guter Sherlock Holmes Durchschnitt, würde ich sagen. Den Reiz von Meyers Geschichten macht aber ohnehin etwas anderes aus. Zum einen wäre da natürlich die Tatsache, dass Meyer es versteht, nicht-fiktionale Zeitgenossen Holmes‘ geschickt in die Geschichte einzuweben, ohne dass das Ganze zu gewollt wirkt. In The Seven Percent Solution war es Sigmund Freud und hier sind es unter anderem Bram Stoker und Oscar Wilde. Zum anderem ist es der Mix aus relativ akkurater Darstellung von Holmes und Watson – der eine gerät in vielen Pastiches zu emotional und der andere zu dumm – und einer Prise Irrwitz. Mein persönliches Highlight war zweifellos die Szene, in der Watson und Holmes in Bram Stokers Wohnung einbrechen, dann, weil der Hausherr heimkehrt, durchs Fenster fliehen müssen und im Ergebnis unbemerkt von Bram Stokers Balkon baumeln, während der im Inneren seelenruhig Dracula schreibt. Das kommt natürlich an The Seven Percent Solution und den wahnwitzigen Schwertkampf auf dem Dach eines fahrenden Zuges, der vom unermüdlich Kohlen schippenden Sigmund Freud angetrieben wird, nicht ganz heran. Aber, wenn wir mal ehrlich sind, ist das ohnehin nur ganz schwer zu toppen.

Anna Smaill – The Chimes (Bisher nicht auf Deutsch erschienen)

In Ermangelung eines besseren Wortes um The Chimes zusammenzufassen, sage ich einfach mal: Wow! Und das bezieht sich nicht nur auf diese wunderbare Geschichte aus einer Welt, die so ganz anders ist als unsere – eine Welt in der das geschriebene Wort verboten ist, Erinnerungen schon nach wenigen Stunden verblassen und in der Musik so allgegenwärtig ist wie Worte in unserer – sondern auch darauf, dass ich im Grunde gar nicht so recht weiß, wie ich dieses Buch bewerten soll.
Einerseits wirkt der Großteil der Charaktere merkwürdig flach. Ihnen und in Teilen auch der gesamten Geschichte mangelt es an Hintergrund, an Tiefe, an Antworten, nicht alle Motivationen waren für mich nachvollziehbar und nicht alle Konzepte haben sich mir erschlossen. Aber auf der anderen Seite musste ich mich natürlich fragen, ob es in einer Welt, in der erinnern nur den allerwenigsten vorbehalten ist, überhaupt anders sein könnte.

Aber immer genau dann, als mir diese Dinge sauer aufstießen, ließ Anna Smaills Fähigkeit, Musik zu beschreiben, alle Zweifel an der Geschichte vergessen. Ich halte es im Grunde für einen Widerspruch, Noten in Text umzuwandeln. Aber wenn hier eine Melodie beschrieben wird, weiß man genau, welches Gefühl sie repräsentiert und wie sie klingt. Was insbesondere der Liebesgeschichte – die einen recht beträchtlichen Teil der Erzählung ausmacht – einen ganz besonderen Zauber verleiht und The Chimes zu einem dieser Bücher macht, von denen ich mir während des Lesens gewünscht habe, sie würden nicht enden.

Guy Kennaway – Bird Brain (Bisher nicht auf Deutsch erschienen)

Bird Brain erzählt die Geschichte eines Mannes, der während der Fasanenjagd zu Tode kommt und dann als Fasan wiedergeboren wird. Man weiß ja: Karma’s a bitch und so. Und als ob sein neues Federkleid nicht schon genug wäre, muss dieser Fasan nun auch noch seinen eigenen Mord aufklären, um seiner zeitlebens vernachlässigten und mittlerweile verarmten Tochter das Erbe zu sichern.
Hinsichtlich dieser kurzen Inhaltsangabe ist natürlich klar, was ich von diesem Buch erwartet habe: eine witzige, absurde und sehr exzentrische Geschichte.
Leider ist der Protagonist, Basil „Banger“ Peyton-Crumbe, aber als Fasan genauso langweilig wie als Mensch und die Geschichte verliert bei den ausgesprochen detaillierten Beschreibungen von Bangers geliebten Ländereien und den Freuden der Fasanenjagd ihren Reiz vollkommen. Dazu passend sind nicht nur das Ende der Geschichte, sondern auch die einzelnen Etappen dorthin ziemlich vorhersehbar. Zwar hat die Erzählung durchaus ihre heiteren Momente, aber im Großen und Ganzen lautet mein Fazit eher: Meh.

Walt Disney – LTB Premium 13: Darkwing Duck: Der dunkle Schatten

Nach dieser enttäuschenden Begegnung mit dem Fasan aus Bird Brain lag es nun an der berühmten Ente aus St. Erpelsburg meine Meinung gegenüber dem Federvieh wieder etwas aufzubessern. Im Grunde ist das aber keine schwierige Aufgabe, denn Darkwing Duck ist einer meiner absoluten Favoriten aus Kindheitstagen und hat deshalb schon allein durch den Nostalgie-Faktor gehörig Rückenwind. Es war auch diese Rückbesinnung auf die glücklichen Kindertage, die mich zum Kauf dieses Lustigen Taschenbuchs bewogen hat. Ein klassischer Impulsivkauf. Aber im Gegensatz zu anderen Anschaffungen dieser Art habe ich diesen Kauf nicht bereut. Schon allein weil wir hier nicht nur Darkwing  Duck in Reinform – also mit viel Witz und coolen Sprüchen aber ohne den Hauch von Kompetenz – geliefert bekommen, sondern zusätzlich auch noch ein wunderbares Ducktales Crossover. Das heißt, neben den üblichen Verdächtigen – Darkwing, Quack, Kiki und Alfred – gesellen sich auch Dagobert Duck, Tick, Trick und Track und sogar die Krachbumm-Ente (Gewinner in der Kategoie „Bester Name ever“) hinzu. St. Erpelsburg trifft Entenhausen, oder besser gesagt: Endlich alle Lieblingsenten in einem Buch.

Ich bin zwar kein regelmäßiger Leser der Lustigen Taschenbücher aber ich liebäugle nun damit, mir auch die anderen Bücher der Premiumreihe, die laut Wikipedia Geschichten thematisiert, „die sich weit vom „klassischen“ Entenhausen wegbewegen“, zuzulegen. Aber auch wenn es bei diesem einen Ausflug in die Kindheit voll guter Nachmittagstrickfilme und lustiger Taschenbücher bleiben sollte, habe ich ihn sehr genossen. Darkwing ist (immernoch) der King!

3 Gedanken zu “Gelesen im Januar: Mimikry, Mord, Musik und Federvieh

  1. Meine Güte, wie schnell liest Du denn? xD 5 Bücher in einem Monat!

    Am besten klingt für mich die Sherlock-Holmes-Story (der allein schon cool genug ist) und dann kommen auch noch Bram Stoker und Oscar Wilde dazu? Der Hammer! xD

    Kurze Frage: Du liest viel auf Englisch? Ich hab seh auch ständig Bücher, die auf Deutsch (noch) nicht erschienen sind, und ab und an probiere ich mich auch an denen. Aber obwohl ich mit Englisch eigentlich überhaupt kein Problem habe, fühle ich irgendwie immer eine emotionale Distanz zu der Geschichte und zu den Charakteren, was das Lese-Erlebnis immer dann ein bisschen einschränkt.
    Klingt das komisch? Bin ich damit allein? Geht das irgendwann weg, wenn ich öfter auf Englisch lese? Mache ich mich gerade zum Deppen mit den Fragen? 😛

    Jedenfalls schön geschrieben! Mir gefällt deine bunte Bücherauswahl! 🙂

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    • Das klingt überhaupt nicht komisch – ich weiß nämlich genau was du meinst. Bei mir ist es aber genau andersrum: Weil ich meistens englische Bücher lese (habe damit angefangen weil man damals auf die neuen Harry Potter Bücher in deutscher Sprache sonst so lange hätte warten müssen), fühle ich diese Distanz meist dann, wenn ich mal ein Buch auf Deutsch lese. Ich glaube das hat alles mit Gewöhnung zu tun. Mein Hirn ist mittlerweile offenbar so gepolt, dass es sofort weiß: „Aha, jetzt ist Geschichten-Zeit!“ wenn es was Englisches vor die Nase bekommt und bei deutschen Büchern dann das Signal aussendet: „Irgendwas ist doch hier anders als sonst“. Verrückt was das Unterbewusstsein so machen kann 😀

      Vielen lieben Dank für die netten Worte übrigens! 🙂

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      • Das ist ja echt witzig! Dass sowas geht! 😯

        Na, mal schauen, ich hab noch ein paar englische Bücher auf meinem Kindle, die mich immer so nett anlächlen, vielleicht versuche ich es demnächst noch mal! Aber hauptsächlich auf Englisch zu lesen, das werde ich wohl nicht hinbekommen… 🙄

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