Gelesen im Februar | 2017

feat. Drama, Detektive, Teenager und das Ende der Welt

febby

Ein ungewöhnlicher Vertreter seiner Zunft, der Februar. Die Anzahl seiner Tage ist schwankend und selbst im längsten Fall bleibt er immer noch hinter den anderen Monaten zurück… Falls ihr euch mal gefragt habt, warum das eigentlich so ist und nicht der Dezember die wenigsten Tage hat: Der römische Kalender begann ursprünglich im März – das erklärt auch, warum die Monatsnamen September, Oktober, November und Dezember die Zahlen 7, 8, 9 und 10 enthalten. Dementsprechend war der Februar also der letzte Monat des Jahres und bekam deshalb die Anzahl von Tagen, die übrig blieb.
Aber genug der Fun-Facts. Es soll hier schließlich um Bücher gehen. Und obwohl der Februar nun ein paar Tage kürzer war als die restlichen Monate, hatte das recht wenig Auswirkung auf mein Lesepensum. Vermutlich weil mich die Bücher, die ich gelesen habe, kontinuierlich am Ball gehalten haben. Sei es, weil mich das Schicksal zweier Teenager im zweiten Weltkrieg mitgerissen hat, weil echte Meisterdetektive am Werk waren, weil eine Gruppe von Halbstarken ein waghalsiges Spiel spielten, dessen Sinn sich mir nicht erschloss, oder weil ein junger Mann nicht sicher war, ob er die Welt untergehen lassen soll…


All the Light We Cannot See (Alles Licht, das wir nicht sehen)
von Anthony Doerr

Vor ein paar Jahren war dieses Buch überall recht prominent platziert. Instagram, Bestseller Listen, Blogs, Auslagen von Buchläden – nirgendwo kam man an diesem Roman vorbei. Ich hielt All The Light We Cannot See deshalb für einen dieser Liebesromane à la Nicholas Sparks, die zwar unglaublich viele Leser begeistern – mich allerdings nicht. Dennoch wurden Goodreads und Amazon nicht müde, mir dieses Buch vorzuschlagen. Der Algorithmus bestand quasi darauf, dass mir dieses Buch gefallen würde. Und was soll ich sagen? Der Algorithmus hatte vollkommen recht.
Denn All The Light We Cannot See ist weit entfernt von einer schmalzigen Liebesgeschichte – weshalb ich im Nachhinein auch gar nicht so recht weiß, wie ich überhaupt darauf kam.

Wir begleiten hier das blinde Mädchen Marie-Laure und den jungen Soldaten Werner, deren Wege sich 1944 in der französischen Stadt Saint-Malo kreuzen. Die Erzählung springt dabei immer wieder zwischen 1944 und der Vergangenheit der beiden hin und her bis auch der zurückblickende Zeitstrahl an dem Tag im Sommer 1944 angelangt, an dem die Geschichte beginnt.

Was Anthony Doerr hier geschaffen hat, ist wirklich ein Meisterwerk – und dieses Wort kommt mir wirklich nicht oft über die Lippen. Es ist nicht nur die ungeheuer bewegende Geschichte, mit den vielen (moralischen) Konflikten, der Ehrlichkeit, der Tragik und dem Hauch von Hoffnung, es sind auch die wunderschönen Metaphern und sprachlichen Feinheiten, die den Leser während und auch nach dem Lesen beschäftigen, ohne dabei aufdringlich oder kitschig zu wirken.  All The Light We Cannot See hallt lange nach und wird mir wohl noch eine ganze Weile, wenn nicht sogar für immer, im Gedächtnis bleiben.
Ich hoffe tatsächlich, dass zukünftige Generationen dieses Buch in der Schule behandeln werden, anstelle der II.Weltkrieg-Schinken wie „Die Abenteuer des Werner Holt“, die wir in unseren Eastpak Rucksäcken mit uns herumgeschleppt haben, ohne sie zu Ende zu lesen, und uns in Vorbereitung auf die Klassenarbeit lieber eine Inhaltsangabe im Internet besorgt haben. Bücher wie All The Light We Cannot See dagegen hätte ich freiwillig gelesen.
Ja, ich kann es deutlich vor mir sehen, wie eine Klasse darüber diskutiert*, was genau mit dem „Licht, das wir nicht sehen“ gemeint ist. Denn es ist ganz sicher nicht nur das Licht, das dem blinden Mädchen verborgen bleibt…

* Falls ihr euch wundert, dass ich mir friedlich diskutierende Schulklassen herbeisehne: Ich bin ein Lehrerkind, derartige Träume sind genetisch bedingt.


Art in the Blood (Bisher nicht auf Deutsch erschienen)
von Bonnie MacBird

Ob ich wohl auch mal einen Monat verbringe, ohne eine Sherlock Holmes Geschichte zu lesen? Sicherlich. Aber nicht in absehbarer Zeit. Für den Moment bin ich nicht nur von Arthur Conan Doyles großer Schöpfung fasziniert, sondern auch davon, wie andere Autoren die Figur interpretieren und inszenieren. Und da die Auswahl an Sherlock Holmes Pastiches schier unendlich ist, wird mir der Lesestoff wohl vorerst auch nicht ausgehen.

Was meine Aufmerksamkeit ursprünglich auf Bonnie MacBirds Art in the Blood gelenkt hat, war zweifellos das wunderschöne Cover. Aber wie wir alle wissen, kommt es bei Büchern, wie auch bei Menschen, auf die inneren Werte an. Ist die Geschichte also so gut wie sie aussieht?
Ich würde sagen: Jein.
Der Fall der französischen Sängerin, die sich an Holmes wendet weil ihr Sohn verschwunden ist, war in meinen Augen nicht übermäßig spannend. Nicht, dass er besonders vorhersehbar war, aber ich muss zugeben, dass Holmes schon aufregendere Fälle gelöst hat. Außerdem erinnerte mich die Story in Teilen an Anthony Horowitz‘ Sherlock Holmes Roman The House of Silk (Das Geheimnis des weißen Bandes) – deshalb haben mich einige Elemente nicht so schockiert oder überrascht, wie es vermutlich von der Autorin angedacht war.
Allerdings haben mir Bonnie MacBirds Holmes und Watson ausgesprochen gut gefallen. Sie erinnern eher an die modernen Interpretationen von Benedict Cumberbatch und Martin Freeman (ein Eindruck, den die Autorin später im Nachwort bestätigte), wodurch sie im viktorianischen Setting in Sachen Manieren und Wortwahl nicht unbedingt ihrer Zeit entsprechen, dafür aber umso unterhaltsamer wirken. Holmes ist bekanntlich sowieso ein Mann, der seiner Zeit voraus war.
Ich mochte außerdem die Idee, dass Holmes trotz seiner kühlen und analytischen Art einem Künstler nicht unähnlich ist (man beachte den Titel des Buches). Leider ging dieses Motiv im Laufe der Geschichte etwas verloren. Aber der Gedanke war trotzdem gut.

Alles in allem würde ich also sagen: Art in The Blood ist vielleicht nicht der beste Holmes Pastiche, lohnt sich für Fans aber trotzdem und ich freue mich schon auf Bonnie MacBirds zweiten Holmes Roman – Unquiet Spirits – der im Sommer erscheint.


Dirk Gently’s Holistic Detective Agency (Der Elektrische Mönch: Dirk Gently’s Holistische Detektei)
von Douglas Adams

Nachdem mir Dirk Gently’s Holistic Detective Agency als Netflix Serie so gut gefallen hat, wollte ich mich nun der Vorlage von Douglas Adams widmen. Das war zwar eigentlich andersherum geplant, aber es gab Lieferschwierigkeiten, sodass ich umdisponieren musste.
Ich bin ja für gewöhnlich immer ein Mitglied des Teams „Das Buch war besser“, aber im Fall von Dirk Gently’s Holistic Detective Agency würde ich vielleicht doch mal die Seiten wechseln.
Es ist nicht so, dass mir das Buch gar nicht gefallen hätte, aber im Vergleich zur Serie machte es eben weniger Eindruck. Wohl vor allem, weil die Handlung recht langsam in Fahrt kommt und der Detektiv erst nach 100 Seiten in Erscheinung tritt. Überhaupt ist die Story ein wenig ruhiger als in der Serie – was durchaus in Ordnung ist, aber ich hatte mich eben auf etwas mehr Action eingestellt.
Eines haben Serie und Buch aber in jedem Fall gemeinsam: Einzelne, mitunter recht bizarre Handlungsstränge, die nach und nach miteinander verknüpft werden und am Ende ein großes Ganzes ergeben – sodass der holistische Detektiv behaupten kann, er hätte den Fall gelöst. Es verschafft dem Leser ein ausgesprochen befriedigendes Gefühl, zu erkennen, wie die einzelnen Zahnräder der Geschichte ineinander greifen – ganz ähnlich dem Gefühl, das man hat, wenn man beim 1000 Teile Puzzle endlich zwei Stückchen gefunden hat, die zusammenpassen.
Außerdem ist die absurde Mischung der verschiedenen literarischen Genres sehr erfrischend – Douglas Adams selbst bezeichnete das Buch als „detective-ghost-horror-whodunit-timetravel-romantic-musical-comedy-epic“. Hier kommt quasi jeder auf seine Kosten.
Und dass mich Douglas Adams typischer Humor trotz einiger Längen am Ball gehalten hat, brauche ich vermutlich gar nicht erst zu erwähnen…


[sic] (Bisher nicht auf Deutsch erschienen)
von Scott Kelly  

Sechs Teenager aus einem tristen Trailerpark versuchen, angeführt und angestachelt vom soziopathischen David Bloom, der Hoffungslosigkeit zu entfliehen, indem sie ein Spiel spielen, bei dem sie, sobald sie am Zug sind, 15 Minuten Zeit haben ihr Leben zu ändern. Am Ende (das gleichzeitig der Anfang der Geschichte ist) wird David Bloom sterben. Aber welcher der Spieler ist dafür verantwortlich?
Das hört sich zwar durchaus nach einer vielversprechenden und spannenden Geschichte an, aber mich persönlich konnte [sic] nicht so recht fesseln.
Die Regeln des Spiels waren mir doch etwas zu vage und ich habe mich die meiste Zeit über gefragt, warum die Spieler nicht tatsächlich versuchen, ihr Leben durch Fleiß und harte Arbeit in geordnete Bahnen zu lenken, anstatt ihre Zeit (und ihr Leben) mit diesem merkwürdigen Spiel zu verschwenden. Auch der Plot-Twist, der wohl ein schöner Whaaat!?!-Moment hätte sein sollen, hat mich wenig überrascht. Denn wenn der Erzähler am Anfang der Geschichte sagt „You’re in luck. I’m the normal one.“ fragt man sich doch schon zwangsläufig, ob man seinen Aussagen vertrauen kann…


We Are the Ants (Bisher nicht auf Deutsch erschienen)
von Shaun David Hutchinson

Wenn ihr wüsstet, dass die Welt in 144 Tagen endet, aber ihr könntet es verhindern indem ihr einen großen roten Knopf drückt – würdet ihr es tun?
Ich vermute mal, die meisten Menschen würden nicht allzu lange darüber nachdenken und den Knopf einfach drücken. Aber Henry Denton ist da anders. Denn er ist sich nicht sicher, ob die Welt es wirklich wert ist, gerettet zu werden. Nicht nur, weil er es ein wenig ungerecht findet, dass die Aliens, die ihn seit Jahren entführen, einem Teenager diese Entscheidung überlassen, sondern vor allem weil Henrys Leben objektiv und subjektiv betrachtet alles andere als angenehm ist. Seine große Liebe, Jesse, hat sich vor einigen Monaten in seinem Zimmer erhängt, ohne auch nur eine Notiz hinterlassen, seine Großmutter ist an Alzheimer erkrankt, sein Vater hat die Familie verlassen und der Highschool-Schönling, Marcus, schläft zwar heimlich mit Henry, macht aber Henrys Leben in der Highschool zur Hölle, sobald andere dabei sind.
Doch gerade als Henry definitiv entschlossen ist, die Welt enden zu lassen, trifft er auf den liebenswerten (wenngleich geheimnisvollen) Diego und beginnt zumindest schon mal seine Entscheidung zu überdenken.

Auch wenn man als Leser absolut nachvollziehen kann, dass Henry dieser Welt überdrüssig ist, wünscht man sich, genau wie Diego, dass Henry den Knopf am Ende doch drückt. Aber nicht, um die Welt für andere zu retten, sondern weil man einfach will, dass Henry selbst weiterleben möchte. Denn Shaun David Hutchinson hat mit We Are The Ants nicht nur einen soliden Young Adult Roman abgeliefert, sondern mit Henry auch einen dieser wunderbaren Charaktere erschaffen, bei denen man nicht umhin kommt, sie zu mögen, denen man nur Gutes wünscht, mit denen man mitleidet, mitfiebert, deren Handlungen nachvollziehbar sind – auch wenn man nicht einer Meinung mit ihnen ist – und die man innerlich bis zum Schluss anfeuert (Push the damn button, Henry!)

Ob er den Knopf am Ende tatsächlich drückt?
Findet’s am besten selbst heraus – und das sage ich jetzt bestimmt nicht aus dem vollkommen uneigennützigen Grund, dass ich einige Punkte der Erzählung gern diskutieren würde, aber das ohne Spoiler nur ganz schlecht machbar ist…


So, das war’s von mir. Was habt ihr in diesem Monat denn so gelesen? Ich würde mich sehr über Tipps für die Leseliste freuen 🙂

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