[ALTE LIEBE] Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Als ich Die Vermessung der Welt zum ersten Mal gelesen habe, war ich ungefähr 17. Damals war ich so begeistert von dem Büchlein, dass ich es nicht nur so oft gelesen habe, bis ich einige Textstellen auswendig aufsagen konnte, sondern es seitdem auch immer aufzähle, wenn mich jemand nach meinen Lieblingsbüchern fragt. Jetzt, mit 29 Jahren, habe ich mich allerdings gefragt, ob das wohl immer noch so richtig ist. Wie lange kann sich ein Buch ungelesen in der Lieblingsliste halten? In 12 Jahren ist schließlich einiges passiert – z.B. bin ich emotional und auch in anderen Aspekten kein Teenager mehr – und der Buchgeschmack hat sich hier und da doch ein wenig verändert. IMG_20170704_195747_095
Also zog ich das vom vielen Lesen abgeschrabbelte Buch nochmal aus dem Bücherregal. Ein bisschen aufgeregt war ich dabei ja schon. Was, wenn mir jetzt auffallen würde, dass mir das Buch, das ich so geliebt habe, plötzlich überhaupt nicht mehr gefällt?

Zum Glück blieb mir die existentielle Krise jedoch erspart. Denn es stimmt, was die Leute sagen: Alte Liebe rostet nicht.

Die Vermessung der Welt ist immer noch urkomisch, herrlich verrückt und gleichzeitig tiefgründig und fast schon eine Spur tragisch.
Das Buch zeichnet das Portrait zweier Wissenschaftler, die unterschiedlicher nicht sein könnten und am Ende doch viel gemeinsam haben: Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Wie der Titel des Buches schon vermuten lässt, vermessen beide die Welt, jedoch mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen.

Wann immer einen die Dinge erschreckten, sei es eine gute Idee, sie zu messen.

Gauß verlässt Deutschland nie, arbeitet meist in seinem stillen Kämmerlein, löst Aufgaben lieber durch Überlegungen als durch Taten. Humboldt hingegen bereist die halbe Welt, erklimmt den höchsten Berg, befährt die mückenverseuchtesten Gewässer. Beide jedoch sind offenkundig von ihrer Wissenschaft besessen. Gauß springt noch in der Hochzeitsnacht auf, um eine Formel zu notieren, Humboldt testet das Nervengift Curare an sich selbst, nur um zu beweisen, dass es nur tödlich sei, wenn es in die Blutbahn gelange. Trinken könne man es!
Das Zwischenmenschliche liegt keinem der beiden besonders. Gauß ist der Inbegriff des griesgrämigen Genies – zeitlebens davon geplagt, dass sein Verstand zu schnell für seine Mitmenschen arbeitet. Humboldt hingegen ist eher vom Typ „komischer Kauz“, ein verrückter Professor, dessen Methoden und Ehrgeiz anderen unverständlich sind.
Klar wird in jedem Fall: Beide sind ihrer Zeit weit voraus – wenngleich sie irgendwann erkennen, dass schon bald andere an ihre Stelle treten werden.

Seltsam sei es und ungerecht, sagte Gauß, so recht ein Beispiel für die erbärmliche Zufälligkeit der Existenz, dass man in einer bestimmten Zeit geboren und ihr verhaftet sei, ob man wolle oder nicht. Es verschaffe einem einen unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit und mache einen zum Clown der Zukunft. […] Sogar ein Verstand wie der seine, sagte Gauß, hätte in frühen Menschheitsaltern oder an den Ufern des Orinoko nichts zu leisten vermocht, wohingegen jeder Dummkopf in zweihundert Jahren sich über ihn lustig machen und absurden Unsinn über seine Person erfinden könne.

Wo die historischen Fakten aufhören und die Fiktion beginnt, ist bei Daniel Kehlmanns Roman nicht immer ganz klar. Ob Humboldt und sein Kollege Bonpland tatsächlich so wunderbar unterhaltsam halluzinierten als sie den Chimborazo bestiegen oder ob Gauß seinem Sohn tatsächlich gesagt hat, er solle bloß froh über seine Mittelmäßigkeit sein, bleibt unklar. Es ist im Grunde aber auch egal, denn unterhaltsam ist es allemal – heute genauso wie vor 12 Jahren. Die Vermessung der Welt ist und bleibt ein geniales Beispiel moderner Literatur – und definitiv eines meiner absoluten Lieblingsbücher.


Infos zum Buch

Titel: Die Vermessung der Welt
Autor: Daniel Kehlmann
Verlag: Rowohlt
Erstveröffentlichung: 2005
ISBN: 9783498035280

4 replies

  1. Ich bekomme ja neue Beiträge von dir als Mail, die dieses Mal als Betreff trug „[Neuer Beitrag] [ALTE LIEBE]…“ und vielleicht war ich schon nur von diesem Betreff ziemlich begeistert.
    Ansonsten: schön, dass du immer noch begeistert bist, dann muss ich dieses Buch ja vielleicht tatsächlich auch mal lesen. Ich fröne ja derzeit auch meiner Kindheits-/Jugendbuchliebe und liebe es ebenfalls noch immer, obwohl ich es nicht so uneingeschränkt an Unbeteiligte empfehlen kann. Dolly ist halt schon harter Tobak…

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  2. Awww, die Vermessung! Das hatte jemand bei mir in der Straße freigelassen und da musste ich es doch sofort mitnehmen (und wollte schon so lange ne Rezi schreiben *hust*) Was in die Richtung geht, und was ich auch sehr lesenwert fand, war Parrot & Olivier in Amerika von Peter Carey. Worüber ich sogar ne Rezi geschafft habe ^^

    Gefällt 1 Person

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